Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 22. Januar 2026, Teil 5
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Sieht man den Film mit wachen Augen an, dann ist man geradezu überwältigt, wieviel sich im Verhältnis von Mann und Frau, von Arbeitsteilung in der Ehe, von der heute selbstverständigen Berufstätigkeit der Frau, überhaupt eigentlich alles seit den 1950er Jahren verändert hat. Dabei sind das nur ein paar Jahrzehnte. Und allein darum ist dieser Film höchst sehenswert.
Es ist eine Vorzeigefamilie der 50er Jahre im gutbürgerlichen Milieu in Frankreich. Michel (Didier Bourdon), in die Jahre gekommen und dicklich, ist Bankangestellter und als Ernährer der Familie auch ein Wichtigtuer, so ein richtiger Familienvater, der heraushängen läßt, dass er das Geld nach Hause bringt. Seine Frau Hélène (Elsa Zylberstein) ist die ideale Gattin, die ideale Haushälterin, die ideale Putzfrau, Waschfrau, Köchin und auch Mutter. Und sie ist in jeder Lebenslage perfekt gekleidet, die Haare schön, geschminkt, vorzeigbar, aber mit einer latenten Aufmüpfigkeit, die sich nur durch das Heben einer Augenbraue oder ein süffisanter Zug um den Mund kurz zeigt. Ja, so war sie die perfekte Ehefrau im patriarchalem Paradies, das zudem dem bürgerlichen Ideal entspricht, im eigenen Heim, einem kleinen, aber ansehnlichen Haus und auch das Ideal von Kindern: einem flüggen Mädchen (Mathilde Le Borgne) und dem noch kleinen Sohn (Maxim Foster) ist vorhanden.
Und dann passiert es, eine Waschmaschine kommt ins Haus. Hélène hat sich an einem Preisausschreiben beteiligt, in dem es eine Waschmaschine zu gewinnen gibt. Die waren ganz neu auf dem Markt, eine die Frauen entlastende Erfindung, denn zuvor hat man die große Wäsche mit der Hand und mittels Waschbrettern zu säubern versucht. Im Kessel das heiße, kochende Wasser. Hélène gewinnt tatsächlich und ist über den Gewinn so was von glücklich. Da kommt ihr Mann ins Haus. Der will so neumodisches Zeugs nicht haben, erkennt aber den Wert der Maschine und will sie weiterverkaufen. Das sonst so brave Frauchen. Jetzt stellt sie sich quer, begehrt auf, will die Maschine behalten. Beide stürzen auf die Maschine zu, die sie schon angeschlossen hatte. Er will den Stecker herausziehen, sie das Wasser anstellen, beides zusammen ergibt eine ...Verpuffung, die das Ehepaar auf eine Zeitreise schickt. Sie kommen in der Gegenwart an.
Und was man sich beim Ehepaar der 50er Jahre schon gedacht hatte, dass nämlich Hélène die potentere von beiden ist, beweist sich in der Gegenwart. Sie wird zur Chefin in einer Bank und hat nun wirklich viel Macht, wenn sie Kredite zusagt, während Michel wenig auf die Beine stellt und deshalb besser als Hausmann taugt, wo er gar nicht so viel zu tun hat, weil die Haushaltsgeräte die Arbeit machen sollen. Aber dieser automatische Saugroboter, der überall im Wege steht und andotzt, den feuert er am liebsten in die Ecke. Dann gibt es eine Merkwürdigkeit. In den 50er Jahren hatten wir schon mitbekommen, dass die halbstarke Tochter bei Spielen mit dem Nachbarsjungen schwanger geworden war. Aber jetzt in der Gegenwart steht die Tochter vor der Hochzeit – allerdings ist ihr Ehepartner eine Partnerin: eine Frau. So ist das eben heute, sagen die Leute, aber die Eltern, in deren Kopf ja die 50er Jahre siedeln, sind entsetzt. Die Mutter will die Ehe hintertreiben, während der Vater alles tun will, seine alten vertrauten Verhältnisse der 50er Jahre wiederzubekommen. Er weiß auch den Weg, er muß nur die Waschmaschine sozusagen auf die 50er programmieren.
Das ist alles ein bißchen durcheinander, aber das macht nichts, weil das Wesentliche, die Veränderungen gut rüberkommen und sich die Zuschauer zudem ihren eigenen Reim auf die Veränderungen machen, die alles in allem, einfach enorm sind – und ein Plus für Frauen bringen.
Der Reiz des Films liegt in den gesellschaftlichen Veränderungen und im Spiel der beiden Hauptpersonen, dem quasi auf das Ancien Régime beharrenden Patriarchen und der agilen Hélène, die ihm egal in welchem Zeitalter immer einen Kopf voraus ist – und dabei wie aus dem Ei gepellt aussieht. Köstlich. Frech. Sophisticated.
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©Verleih
Info:
Regie. Vinciane Millereau
Drehbuch. Julien Lambroschini und Vinciane Millereau
Besetzung
Hélène Dupuis. Elsa Zylberstein
Michel Dupuis. Didier Bourdon
Jeanne Dupuis Mathilde Le Borgne
Lucien Dupuis. Maxim Foster
Jacques. Romain Cottard
Safia Barbara Chanut
Yvonne. Céline Fuhrer
Lantier. François Pérache
André. Esteban Delsaut
Marguerite. Aurore Clément
Henri. Didier Flamand
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