girls1Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 29. Januar 2026,  Teil 2

Ana Šturm

Berlin (Weltexpresso) - Wann hast du angefangen, über diesen Film nachzudenken?   Der erste Funke für das Projekt entstand 2018, als ich ein Konzert eines slowenischen Mädchenchors sah. Als ich sie zum ersten Mal singen hörte, kamen mir sofort die Tränen. Ich war tief bewegt von der Kraft ihrer Stimmen, die am Rande des Erwachens ihrer Weiblichkeit standen, so sehr, dass ich meine Gefühle zusammenreißen musste, um nicht mitten im Konzert die Fassung zu verlieren. Die Kraft dieser jungen Frauenstimmen, die im Laufe der Geschichte so oft zum Schweigen gebracht worden waren, hatte etwas zutiefst Bedeutendes an sich. Im Publikum saßen auch drei Priester, die genauso bewegt waren wie ich. Das erschien mir als eine ungewöhnliche Szene: erwachsene Männer, die in Zölibat leben, lauschen Mädchen, die erwachende sexuelle Energie ausstrahlen. Ich empfand das als bedeutsam für mich und wollte dieses Thema und meine emotionale Reaktion darauf in einem Spielfilm erforschen. Ich begann damit, den Chor zu beobachten und seine Dynamik zu erforschen, was mich ursprünglich zu meinem Drehbuch inspirierte. Später gründeten wir unseren eigenen Projektchor, um die Arbeit fortzusetzen.


Du hast also extra für den Film einen neuen Chor gegründet? Wie hast du die Lieder ausgewählt?

Ja, genau. Wir haben Vorsingen für junge Sängerinnen veranstaltet und etwa 30 Mädchen ausgewählt, zusammen mit unseren vier Schauspielerinnen, die wenig bis gar keine Gesangserfahrung hatten. Dann begann die harte Arbeit. Der Chor wurde von der großartigen Musikerin Jasna Žitnik geleitet, die auch den Schauspieler Saša Tabaković darin beriet, den Chor im Film zu dirigieren und zu leiten. Ich interessierte mich besonders für slowenische Volkslieder, die die Szenen mit ihrem Inhalt und ihrer Atmosphäre ergänzen konnten. Für das
Finale des Films verwendeten wir ein sehr altes italienisches Gebet, das von unserer Kollaborateurin, der Vokalistin Irena Tomažin, vorgeschlagen wurde. Zusammen mit ausgewählten Sängerinnen adaptierte sie es und führte es in den Szenen auf, in denen die Schwestern in einer Höhle und unter einem Wasserfall singen. Dieses Stück hatte eine so starke Resonanz, dass es sogar die härtesten Männer der Crew während der Dreharbeiten bewegte. Jeder konnte die Energie dieses alten Reinigungsgebets spüren. Der Film endet mit dem ikonischen Song „Little Trouble Girl” von Sonic Youth, der den Titel des Films inspirierte und dessen narrative und thematische Essenz perfekt zusammenfasst.


Der Film wirkt sehr persönlich; man hat das Gefühl, dass er auf intimen Erfahrungen basiert. Gleichzeitig enthält er viele christliche Elemente: das Kloster, Nonnen und eine konservative Familiendynamik. Wie persönlich ist diese Geschichte und was waren Ausgangspunkte für deinen Ansatz?

Ich fing damit an, mich mit der weiblichen Stimme auseinanderzusetzen, die im Laufe der Geschichte so oft zum Schweigen gebracht wurde. Das führte mich zu der schwierigen Beziehung zu Sexualität, Sünde und Schuldgefühlen. Anhand einer sensiblen jungen Frau, die von gesellschaftlichen Konventionen der Sündhaftigkeit geprägt ist, wollte ich mich damit beschäftigen, wie junge Menschen ihre innere Kraft finden. Diese Schuldgefühle, die mit natürlichen Instinkten einhergehen, habe ich persönlich während meiner Kindheit erlebt. Obwohl meine Familie nicht streng religiös war, erzog mich meine Mutter nach traditionellen katholischen Vorstellungen davon, wie ein „braves Mädchen” zu sein hat. Später wurde mir klar, dass diese Vorstellungen, die vielen Generationen von Mädchen, einschließlich meiner eigenen, aufgezwungen wurden – insbesondere die über Körperbild, Scham und Sexualität – starr und unbeholfen sind. Mit LITTLE TROUBLE GIRLS wollte ich die Geheimnisse der Sinne als Werkzeuge erforschen, die uns helfen uns selbst besser zu verstehen. Ich glaube, dass das lange bestehende Tabu rund um Sexualität dazu geführt hat, dass wir immer noch nicht in der Lage sind, ihr Potenzial vollständig zu verstehen oder zu nutzen. Der Körper hat seine eigene instinktive Intelligenz, die uns leitet, wenn wir genau hinhören. Das Konzept der sündhaften Sexualität und die mangelnde Aufklärung darüber sind ein cleverer Mechanismus, um Menschen von ihrer inneren Kraftquelle zu trennen. Ich würde sagen, es ist wichtig, dass wir uns erlauben, auf unsere Intuition zu hören und ihr zu vertrauen, auch wenn sie den gesellschaftlichen Normen widerspricht. Menschen, die tief mit ihrem Körper verbunden sind, lassen sich weniger leicht kontrollieren, weil sie ihrer inneren Führung mehr vertrauen als äußeren Vorgaben.
In dem Film hinterfragt Lucia ihre inneren, körperlichen Empfindungen im Vergleich zu gesellschaftlichen Normen und Erwartungen, die unser Verhalten formen und einschränken. Letztendlich beschließt sie durch eine transzendentale, kathartische körperliche Erfahrung, auf ihre Intuition zu hören statt den Dogmen zu folgen. 


Lucia bleibt sich selbst treu, aber in der heutigen Welt kann es sich immer noch so anfühlen, als sei Sexualität ein Tabuthema, oder zumindest, dass bestimmte Erwachsene wollen, dass es für junge Menschen ein Tabu bleibt.

Als ich meinen vorherigen Film OMAS SEXLEBEN Schüler*innen im Cinema Dvor vor stellte, kam eine Lehrerin nach der Vorführung auf mich zu und sagte: „Oh, ich bin so froh, dass Sie dieses Thema offen angesprochen haben, denn wir hatten damit Probleme in der Schule. Ich musste dem Schulleiter erklären, warum wir den Schüler*innen Filme über Sexualität zeigen und mit ihnen darüber diskutieren.“ Sie sagte, dass einige Lehrer sogar dagegen protestiert hätten, dass die Schüler*innen solche Filme sehen, und Angst davor hätten, mit ihnen über Sexualität zu sprechen. Das hat mich überrascht. Selbst heute, im Jahr 2025, haben manche Menschen Angst, über Sexualität zu sprechen? Das bestätigt nur, dass die unbeholfene Hal-
tung gegenüber Sexualität in unseren Gesellschaften immer noch sehr präsent ist. Ich finde es wirklich wichtig, offen und klar darüber zu sprechen. Jetzt, nach der #MeToo-Bewegung, haben wir endlich begonnen, darüber zu diskutieren, wo die Grenzen liegen, was erlaubt ist und was nicht. Erst jetzt beginnen wir zu verstehen, dass Schweigen, Unbeholfenheit und Scham sexuellen Missbrauch tatsächlich verfestigt.



Wie verlief das Casting? Hattest du schon eine klare Vorstellung von der Figur oder hast du diese Merkmale erst später in der Schauspielerin entdeckt? Was hast du bei deiner Hauptdarstellerin gesucht und wie hast du es gefunden?

Ich war auf der Suche nach einem Mädchen, das sich in der Übergangsphase vom Mädchen zur Frau befand. Ich wollte jemanden mit Anmut, etwas Strahlendes, etwas Leuchtendes. Wenn ich mit Schauspieler*innen und anderen Beteiligten arbeite, gehe ich in der Regel von dem aus, was sie von Natur aus mitbringen, und wähle sie anhand ihrer Lebenserfahrungen aus. Ich habe mich bei einem Casting, das wir zu diesem Zweck veranstaltet haben, für Jara Sofija Ostan entschieden. Schon als ich mir die rund 60 kurzen Videovorstellungen der jungen
Schauspielerinnen ansah, die sich beworben hatten, wusste ich sofort, dass sie die Richtige war – Lucia. Ich sah sofort, dass sie etwas Magisches an sich hatte: Sie wirkte wie eine alte Seele, gefangen im Körper eines Mädchens, die langsam erwachte. In ihren Augen liegt eine gewisse Traurigkeit, die sie sensibler macht als andere.

Während wir arbeiteten, öffnete sie sich und begann, so viel zu geben. Sie arbeitete mit vielen Coaches und Lehrer*Innen zusammen, um das Niveau zu erreichen, das sie im Film zeigte. Es war faszinierend, wie unsere Schauspielcoachin Nataša Burger zu Beginn unserer Arbeit bemerkte, dass Jaras Arme wie losgelöst neben ihrem Körper hingen, als wären sie nicht mit dem Rest ihres Körpers verbunden. Erst durch den Prozess des Schauspielens begann Jara, ihren Körper zu verstehen, ihn wirklich zu spüren und durch ihn zu agieren. Im Laufe eines Jahres durchlief sie eine bedeutende persönliche Entwicklung, und wir haben diese Verwandlung im Film festgehalten.

In diesem Prozess habe ich gelernt, wie wichtig es ist, sich treiben zu lassen und dem zu folgen, wohin mich das Material führt. Wenn ich versuchte, Jara in eine Richtung zu drängen, die ihr nicht entsprach, fühlte es sich nicht authentisch an. Also habe ich das Drehbuch an ihren Charakter angepasst. Diesen Ansatz habe ich bei allen Schauspieler*Innen angewendet.
Mina Švajger (Ana-Maria) wurde auf ähnliche Weise ausgewählt – ihre blauen Augen verkörpern eine wilde und furchtlose junge Frau, die den perfekten Kontrast zu Lucias Sanftheit und Schüchternheit bildete. Ich sah sie als Yin- und Yang-Energien, die sich ergänzen und Teil eines Ganzen sind. 


Wie hast du dir diese Beziehung zwischen Lucia und Ana-Maria vorgestellt? Sie ist ziemlich schwer fassbar – manchmal scheint es mehr als nur Freundschaft zu sein.

Für mich repräsentieren Lucia und Ana-Maria eine Person – zwei Seiten desselben Individuums. Die eine ist der rationalere, intellektuellere Aspekt, während die andere instinktiver und „wilder” ist. Ich wollte mit informellen Regeln spielen und sie hinterfragen, indem ich andeute, dass sexuelle Energie nicht fest daran gebunden ist, ob die andere Person dem anderen Geschlecht angehört. Lucia ist verwirrt darüber, woher diese Anziehungskraft kommt, und hinterfragt, was richtig oder falsch ist, was Spannung und Schuldgefühle in ihr hervorruft. Was ist es, das uns zu anderen hinzieht? Oft ist es nicht unbedingt das Verlangen nach einer sexuellen Beziehung. Vielleicht fühlen wir uns zu etwas hingezogen, das jemand hat, das uns fehlt, das wir aber gerne besitzen würden. Oder zu etwas, das wir lernen müssen. Auch das ist sexuelle Energie. 

Die Beziehung zwischen Lucia und Ana-Maria basiert auf dieser Dynamik. Lucia fühlt sich zu etwas hingezogen, das sie nicht hat und noch nicht versteht, etwas, das den Weg repräsentiert, den sie für ihre persönliche Entwicklung einschlagen muss. 


Der Ton ist ein äußerst wichtiges Element des Films. Der Film beginnt mit einem Geräusch – genauer gesagt mit Atmen – und dann mit einem scheinbar abstrakten Bild.

Ja, die Einleitung ist der Atem, der dich mit deinem Körper verbindet. Der Film beginnt mit einer alten Illustration der Wunde Christi, die einer Vulva ähnelt. Diese Illustrationen haben mich schon immer fasziniert. Das Bild stammt aus einem kleinen Gebetbuch aus dem 14. Jahrhundert, das für die Herzogin Juta von Luxemburg angefertigt wurde. Um die Wunde herum sind die Folter- und Bestrafungsinstrumente Christi dargestellt, die seinen Widerstand gegen das herrschende System symbolisieren. Gleichzeitig ähnelt dieses geheimnisvolle Bild metaphorisch einer Vulva, die, wie Gustave Courbet bekanntermaßen sagte, der Ursprung von allem ist. Dieses Bild führt dich nach innen – durch Schmerz führt es dich in den Körper, wo unser Wesen wohnt...


Was vor allem auffällt, ist die Zärtlichkeit. Vor allem die Zärtlichkeit und Zerbrechlichkeit deiner Hauptfigur, die diesen Ausdruck aufrichtiger Verwunderung hat; sie empfindet alles sehr intensiv, will wissen, ist offen für die Verbindung mit der Welt; und doch hat sie immer noch Angst davor.

Zärtlichkeit war ein wichtiges Konzept bei der Entstehung dieses Films. An einem Punkt habe ich dieses Wort gesagt: ZÄRTLICHKEIT zu jedem Beteiligten – dass dies das Wort ist, das unsere Arbeit leitet. Es mag idealistisch klingen, aber ich glaube, dass Zärtlichkeit in dieser Welt Härte überwinden kann – sie ist stärker.


Foto:
©Verleih

Info:

Slowenien/Italien/Kroatien/Serbien
2025,
89 Min
FSK: ab 12,
slowen. OmU-Fassung und deutsche Synchronfassung
Stab
Regie: Urška Djukić
Drehbuch: Urška Djukić, Maria Bohr
Besetzung
Jara Sofija Ostan – Lucia
Mina Švajger – Ana Maria
Saša Tabaković – Chorleiter
Nataša Burger – Mutter
Staša Popović - Klara
Mateja Strle – Uršula
Saša Pavček – Schwester Magda
Irena Tomažin Zagoričnik – singende Nonne
Damjan Trbovc – Priester
Matia Cason – nackter Man

Interview geführt von Ana Šturm
Abdruck aus dem Presseheft