Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 5. Februar 2026, Teil 2
Redaktion
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Ihre Prämisse ist beeindruckend: Eine Geburtstagstorte wird zu einer Frage von Leben und Tod. Woher stammt diese Geschichte?
Sie stammt aus den Erinnerungen an meine Kindheit im Irak während Saddams Zeit. Jedes Jahr bat uns unser Lehrer, unsere Namen in eine Schüssel zu werfen. Dann zog er den Namen des Schülers, der die Geburtstagstorte des Präsidenten backen oder weitere Dinge – Obst, Dekorationen, Putzmittel und Blumen – mitbringen sollte. Einmal wurde ich als Blumenjunge ausgewählt. Ich habe das Foto, auf dem ich Blumen halte, noch irgendwo - und ich erinnere mich an die Erleichterung meiner Familie, dass ich nur Blumen mitbringen musste! Natürlich war die Korruption aufgrund der Sanktionen damals so weit verbreitet, dass man dem Ganzen entgehen konnte, wenn man dem Lehrer eine Dienstleistung anbot – sein Fahrrad reparieren oder ihm die Haare schneiden. Aber wenn nicht, waren die Chancen gering.
Wie verlief der Schreibprozess?
Für meinen ersten Spielfilm wollte ich mich mit einem Thema, einer Welt, einem Motiv und Figuren befassen, die mir vertraut sind. Ich wollte einen Film aus Erinnerungen entwickeln, der die tägliche Realität der Menschen im Irak dieser Zeit schildert, aber vor allem die Kraft der Liebe und Freundschaft feiert. Im Arabischen gibt es den Begriff „Maktoob“, das bedeutet „es steht geschrieben“ oder „Schicksal“ – es besagt, dass einem gewisse Dinge vorbestimmt sind. Beim Schreibprozess wusste ich von Anfang an, dass der Film sowohl ein bisschen fabuliert als auch realistisch sein würde. Schließlich hatte ich einen ersten Drehbuchentwurf, aber als wir mit der Vorproduktion und der Darstellersuche begannen, habe ich das Drehbuch zunächst beiseitegelegt und mich dem hingegeben, was die Welt mir schenkte. Das Drehen war dann wie das Reiten eines wilden Pferdes: Wenn ich mich vom Pferd und den Umständen kontrollieren ließ, würde das zu einer Katastrophe führen; und wenn ich versuchte, das Pferd vollständig zu kontrollieren, würde es mich abwerfen. Es war also ein empfindliches Gleichgewicht zwischen der Akzeptanz dessen, was die Welt einem gibt, und der Frage, wie man das zum Vorteil seiner Geschichte nutzen und meinem Drehbuch Leben einhauchen kann.
Der Film wurde komplett im Irak gedreht und spielt in den 1990er Jahren – wie umfangreich war der Produktionsaufbau?
Dies ist der erste irakische Film, der sich mit dieser historischen Epoche auseinandersetzt. Es war entscheidend, die 1990er-Jahre authentisch und realistisch wirken zu lassen, deshalb drehten wir an realen historischen Orten. Zum Beispiel in den mesopotamischen Sümpfen – vermutlich der Geburtsort der Zivilisation und Gilgameschs. Die Menschen dort leben noch immer fast so wie vor Tausenden von Jahren. Wenn ich auf der Suche nach Drehorten spürte, wie manche Orte mich ansprachen, schrieb ich noch am selben Abend mit frischer Inspiration neue Szenen. Auch mein Kameramann hat die Essenz des Iraks der 90er-Jahre brillant eingefangen. Wir testeten sowohl Film- als auch digitales Material an realen Orten, um die perfekte Farbpalette zu finden. Um Kosten und Produktionsaufbau zu minimieren, mussten wir einige Drehorte – wie den Supermarkt – mit zeitgenössischen Referenzen und Fotos nachbauen. Ich bin froh, dass der Film bestimmte Orte dokumentiert, da es dem Irak an visuellen Aufzeichnungen seiner Geschichte mangelt. Ich hoffe, der Film kann auch als visuelles Dokument dieser Ära im Irak dienen. Mir war daran gelegen, Einstellungen zu schaffen, bei denen der Hintergrund den Vordergrund unterstützt und beide in einer Beziehung zueinanderstehen – selbst, wenn diese Beziehung toxisch oder paradox ist. Die Kontrollpunktszene hat beispielsweise Zighurat Ur im Hintergrund - einen Ort, an dem der Legende nach Ibrahim vor dem Tod gerettet wurde. Gleichzeitig sehen wir junge Menschen in Särgen, die im Krieg ihr Leben verloren haben. Oder die Restaurantszene: Sie spielt in dem Restaurant, in dem Saddam in seiner Jugend gegessen hat.
Haben Sie viel geprobt?
All unsere Darsteller:innen waren Laien, mit Ausnahme von zwei Frauen, die zuvor kurze Fernsehauftritte hatten. Einige von ihnen konnten weder lesen noch schreiben; sie kamen ohne jegliche Vorbereitung ans Set. Aber es gab keine Proben, gar keine. Und keiner meiner Schauspieler kannte das gesamte Drehbuch! Wir haben versucht, möglichst chronologisch zu drehen, um die unverfälschten Emotionen in den Szenen zu bewahren. Wir wollten die Schauspieler kennenlernen und eine vertrauensvolle Bindung zueinander aufbauen, denn mit Laienschauspielern kann es heikel sein. Sie haben schließlich keine Werkzeuge, um sich vor verletzlichen Momenten zu schützen, und könnten alles als Zeichen dafür deuten, dass sie etwas „falsch gemacht“ haben. Anstatt mit den Kindern zu proben, spielten wir Spiele, machten gemeinsam Sport, tanzten, redeten über uns selbst und erzählten uns gegenseitig Geschichten. Wir dachten uns eine Szene aus, spielten sie gemeinsam und ließen sie dann in eine tiefe emotionale Phase eintauchen. Kinder hassen es, wenn mit ihnen gesprochen wird, als wären sie nur Kinder – es fühlt sich für sie beleidigend an. Und sie sind genauso schlau, wenn nicht sogar schlauer als Erwachsene! Auch meinen erwachsenen Schauspielern gab ich nur wenige Regeln. Erstens: Wenn wir mehrere Takes machten, lag das nicht an ihnen, sondern an einem technischen Grund. Zweitens: Sie sollten in der Szene bleiben, bis sie „Cut“ hörten. Drittens: Es gibt keine Fehler – es ist keine Prüfung, und es wurde auch keine vorgefertigte Antwort erwartet. Alle meine Charaktere sind, mit leichten Anpassungen, fast so, wie sie im wirklichen Leben sind.
Wie lange dauerten die Dreharbeiten, und wie war es, heute einen Spielfilm im Irak zu drehen?
Es dauerte lange – die Erfahrung, einen Spielfilm im Irak zu drehen, ist bittersüß und voller Widersprüche. Einerseits fehlten uns die Grundlagen des Filmemachens wie bestimmte Dienstleistungen, spezialisierte Crew, Ausrüstung, Räumlichkeiten usw. Andererseits ist es das einfachste Land, um einen Film zu drehen. Man bekommt kostenlose Drehgenehmigungen für Drehorte, für die fast jeder Big-Budget-Film Millionen zahlen würde. Außerdem sind die Menschen sehr freundlich. Die Idee, einen Film zu drehen, ist für viele immer noch ungewöhnlich und interessant, daher bieten sie gerne Hilfe und Unterstützung an.
Im Film werden die Schwierigkeiten des Alltags der irakischen Bevölkerung detailreich dargestellt. Gleichzeitig stehen soziale und politische Kritik nicht im Mittelpunkt. War das beabsichtigt?
Ich will nicht predigen, oder Filme machen, die als Propagandadokumente für Politiker dienen. Obwohl das Thema sehr verlockend ist und dazu einlädt, diesen Film zu einem politischen Werk zu machen, ist das nicht mein Ding und auch nicht mein Interesse. Mich interessieren echte menschliche Emotionen, Kämpfe, Verbindungen und Geschichten. In diesem Film habe ich versucht, alles offen Politische zu vermeiden. Es war mir ein großes Anliegen, authentische Charaktere und eine Zeit im Irak zu zeigen, die noch nie zuvor dargestellt wurde. Natürlich ist mir bewusst, dass die Geschichte politische Elemente enthält, aber das ist die natürliche Folge eines Films über den Irak unter Saddam Hussein, unter Sanktionen und Kriegen. Mir war es auch sehr wichtig, dass die Iraker im Alltag als „Helden“ dargestellt werden und nicht als Kriegssoldaten, wie es in irakischen Filmen sonst üblich ist.
Foto:
©Verleih
Info:
Besetzung
Lamia Baneen Ahmed Nayyef
Saeed Sajad Mohamad Qasem
Bibi Waheeda Thabet Khreibat
Jasim Rahim AlHaj
Stab
Drehbuch und Regie Hasan Hadi
Laufzeit 102 min
Bildformat 1,85:1
Produktionsländer USA, Irak, Katar
Abdruck aus dem Presseheft