Fassade vvSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 12. Februar 2026, Teil 3

Alina Cyranek

Berlin  (Weltexpresso) - Durch das Inkrafttreten der Istanbul-Konvention zur „Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ in Deutschland im Jahr 2018 wurde Gewalt an Frauen in den Medien häufiger thematisiert. Die Statistiken sind alarmierend – jede dritte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Partnerschaftsgewalt. Jeden Tag wird eine Frau aufgrund ihres Geschlechts getötet. Das sind keine „Einzelfälle“, es ist ein strukturelles Problem.

Ich wollte wissen, welche gesellschaftlichen und politischen Machtstrukturen die Sicherheit von Frauen verhindern oder fehlende Sicherheit gar begünstigen. Ich nahm Kontakt zu Menschen auf, die in Berufen arbeiten, in denen sie betroffenen Frauen begegnen: Polizistinnen und Polizisten, Ärztinnen, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, Psychologinnen und Rechtsanwältinnen. Und natürlich habe ich mit betroffenen Frauen gesprochen.

Tatsache ist, dass sich alle Gewaltbeziehungen exakt nach dem gleichen Muster entwickeln, lediglich die Umstände, die Art der Gewaltanwendung und ihre Intensität variieren. Die Worte, welche die Frauen für das Erlebte gefunden haben, waren das Fundament für die filmische Erzählung. Das Wichtigste jedoch war, die Frauen aufgrund ihres Alters, Aussehens, Dialektes, sozialen Status oder ihres Hintergrunds nicht zu kategorisieren und sie wieder zu Einzelfällen zu machen. Es ist ein strukturelles Problem, kein individuelles. Anonymität und die Verhinderung einer Retraumatisierung durch Filmaufnahmen waren ebenfalls ausschlaggebend für die filmische Form.

Formell geht es im Film um Kontraste zwischen Innen und Außen, Privatem und Öffentlichem, Glauben und Fakten, Emotionalität und Objektivität, psychischer und physischer Gewalt. All diese Aspekte sollten nicht bebildern, sondern vielmehr Assoziationsräume entfalten und in Kontrast mit den präzise kadrierten, sachlichen Experteninterviews stehen. Tanz wird als
nonverbale Darstellungs- und Ausdrucksform genutzt, um innere Gefühlszustände oder Paardynamiken zu beschreiben. In der Inszenierung des Körpers und seiner Bewegung haben ich die besten Möglichkeiten gesehen, die eigenen physischen Grenzen, Energien, Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen auszuloten, die ohne Worte in Bewegung „versetzt“ werden konnten.

Die damit verbundene Haptik, das Physische, war mir in darüber hinaus für den gesamten Film wichtig: Die Animation entstand unter dem Tricktisch mit Papierstills, die Musik wurde mit verschiedenen Klangkörpern eingespielt, das Sounddesign besteht aus Geräuschen von haptischen Materialien, die Grafiken sind handgeschrieben.

Das Selbstverständnis, mit dem die Politik und Gesellschaft der Gewalt begegnet und kleinredet, muss sich grundlegend ändern. Ist das, was in der eigenen Wohnung passiert, wirklich Privatsache? Ich wünsche mir sehr, dass der Film draußen weitergeht: In Gedanken, Gesprächen, Empfehlungen. Über Tabuthemen zu sprechen ist immer der erste Schritt zu einer Veränderung. Wenn Menschen sensibler in ihrem Umfeld hinschauen, Fragen stellen, Unterstützung anbieten, hat sich die Arbeit gelohnt.


STAB
Buch & Regie Alina Cyranek
Voiceover Sandra Hüller

Premieren-Tour: 21.01. - 12.02.2026
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Alina Cyranek
Produktion: hug films
Gelesen von: Sandra Hüller
Sprache: Deutsch
Laufzeit: 87 Minuten
FSK: ab 12 Jahren freigegeben

Abdruck aus dem Presseheft