Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 9
Claudia Schulmerich
Berlin (Weltexpresso) - Wenn der Film beginnt, wenn der Ehemann Jon, Engländer und seiner Frau wegen nach Finnland gezogen, wenn also der Ehemann mit seiner Frau Saga immer tiefer in den Wald hineinfährt, sie am Steuer, denn sie kennt sich aus, kommen sie zu dem aufgelassenen Haus ihrer Familie, das längst verlassen von der Natur übernommen worden ist. Doch beide sind begeistert, sie wollen das Haus sanieren, denn sie wollen eine glückliche Ehe führen und dazu gehört: „Wir wollen doch in der Natur leben.“
Das haben sie also davon! Denn Natur ist Natur und nicht die zivilisierte Natur, die wir Städter kennen. Nein, im echten Wald, da geht es noch geheimnisvoll zu, da krachen Bäume zusammen, weil sie zu nahe stehen, da wachsen Epiphyte an gesunden Bäumen und ersticken sie, da gibt es ein unterirdisches System von Bäumen, die einander Kraft spenden. Und dann gibt es den Horror im Wald, wenn es dunkel wird und man Geräusche hört, die man nicht kennt, Angst hat und auch unheimliche Gefühle bekommen soll, denn dieser Film ist ein Horrorfilm. Das darf man schon zuvor sagen, denn sonst versteht man einiges nicht, auch wenn der Film so tut, als ob es nicht Horror sei, sondern der reine Ausbund der echten Natur sei.
Die beiden beschließen also, das Haus zu renovieren und ein Kind zu bekommen, dann gleich noch eins und noch eins. Sie wollen eine fünfköpfige Familie werden. Und glücklich dazu. Und jetzt schlägt der Film eine Volte; Saga hat Jon gerade das Echo im Wald vorgemacht und der gleiche Schrei ertönt in der nächsten Szene bei der Entbindung des ersten Kindes, die derart schmerzhaft und äußerst blutig für Saga verläuft, dass man schon Schwierigkeiten mit dem Kind ahnt. Die Krankenschwestern und die Ärzte verhalten sich merkwürdig. Sie sind verhalten, ja verstört, aber äußern, alles sei in Ordnung. Doch als die Mutter endlich ihr Kind sieht, erschrickt sie vor seiner Behaarung. Da stimmt was nicht. Das wird Ausgangspunkt für die Mutter, während Jon nichts Besonderes wahrnimmt.
Es kommen die jeweiligen Familien, das Neugeborene zu sehen, aber obwohl sich Sagas Schwester sehr liebevoll um junge Mutter, den Schwager und das Baby kümmert, fühlt sich Saga mit ihren Problemen allein gelassen, zumal ihre Mutter äußerst kühl auf alles reagiert und wieder schnell in die USA zu ihren Lehrveranstaltungen entschwindet. Sie ruft zwar an, ist aber nie eine Hilfe für Saga, sondern wird sogar schlimmer zur Antreiberin für die Ängste von Saga. Denn sie hält die Besonderheiten des Babys für völlig normal und sagt der Tochter: „Du warst auch so.“ Immer wieder betont sie das, auch Saga habe immer geschrieen, sich mit dem Stillen schwergetan etc.
Denn das Stillen ist erst mal das Hauptproblem, das Baby beißt die Brustwarzen auf, der ganze Körper der zuvor so schlanken Saga ist deformiert, die Brüste hängen, der Schwabbelbauch geht nicht zurück und später wird sogar ihre Haut behaart werden, Wunden tragen, die blutig wuchern. Da sind wir längst im Horrorfilm angekommen, zu dem auch gehört, dass im Haus auf einmal ein Bäumchen wächst. Dazu muß Saga den Teppichboden aufschneiden und die spröden Bohlen aufbrechen und darunter ist nicht nur die Wurzel des Baumes zu sehen, sondern alles Kleingetier, das im Wald zu finden ist. Ganz schön eklig.
Eklig geht es weiter. Die arme Schauspielerin, die nicht nur verunstaltet wird, sondern ein Kind lieben soll, vor dem sie sich fürchtet. Sie versucht am Anfang noch, die Herrschaft über die Situation zu behalten. Sie weigert sich, weiterhin zu stillen und kauft Ersatzmittel. Der Vater will dem Kind die künstliche Nahrung geben, doch heimlich hat Saga auch Kuhblut gekauft, weil sie mitbekommen hat, wie ihr Baby positiv auf Blut reagiert und alles aufschleckt. Eklig wie gesagt. Aber nicht nur Blut, nachher wird das Baby den Spinat verweigern, aber am blutigen Fleisch saugen und es sogar essen, obwohl das Babys eigentlich noch nicht können. Der Sprung zur Mutter, die gegen Schluß ebenfalls in blutige Fleischballen beißt, ist nicht weit.
Dazwischen liegen die Versuche des Vaters, beiden gerecht zu werden: seiner Frau eine Auszeit zu gönnen, sie in die Stadt zur Wellness zu schicken und seinem Kind Aufmerksamkeit und Essen zu bieten. Obwohl es sich Saga erst einmal in der Hotelbadewanne gut gehen läßt, wird ihr beim Zusammentreffen mit ihren beruflichen Kolleginnen, das herzlich beginnt, doch klar, dass sie sich mit diesen Frauen nicht zu sagen hat, mit ihnen nichts gemein hat. Sie flieht nach Hause und stößt Jon vor den Kopf, der immer mehr erkennt, wie seine einst schöne strahlende Frau verunstaltet und bösartig geworden ist. Er ruft immer wieder die Familien zu Hilfe, aber Hilfe nutzt nichts. Saga ist auf dem Weg, den wir naturwissenschaftlich als Wahnsinn beschreiben könnten, der aber im Horrorfilm andere Welten evozieren soll. Immerhin sind wir hoch im Norden Europas, dort, wo die Trolle zu Hause sind, die als geheime Waldwesen eben nicht vom Menschen zu kontrollieren sind.
Wie es ausgeht. So grauslich, dass man nichts weitersagen will. Also, da kommt noch was. Wie es aber dann in Zukunft weitergeht mit Saga und dem Baby, ist den Entscheidungen des Publikums überlassen.
Was man unbedingt erwähnen sollte, sind die technischen Mittel, mit denen hier eine verwunschene Welt evoziert wird. Denn, wenn das Baby so seltsame Bewegungen macht, ist es eine animierte Puppe, dann aber in anderen Szenen ein echtes Baby. Und das Haus und der Wald sind wahre Wunderwerke. Es ist schon erstaunlich, was Requisiten und Bühnenbilder leisten können.
Wer zarte Nerven hat oder gerade ein Kind erwartet, sollte zu Hause bleiben, wer ROSEMARIE’S BABY mag, kann hier die Fortsetzung sehen.
Foto:
©Berlinale
Info:
BESETZUNG
Seidi Haarla als Ehefrau Saga
Rupert Grint als Ehemann Jon
mit Pamela Tola, Pirkko Saisio, Rebecca Lacey
STAB
Regie Hanna Bergholm
Drehbuch Ilja Rautsi & Hanna Bergholm
Produziert von Daniel Kuitunen
Maskenbildnerin Riikka Virtanen
Kostümbildnerin Tiina Kaukanen
#Szenenbildner Kari Kankaanpää
Kamera Pietari Peltola F.S.C.
Schnitt Jussi Rautaniemi F.C.E.
VFX-Supervisor Tuomo Hintikka
Tongestaltung Micke Nyström
Musik Eicca Toppinen