KurtulusDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 11


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Am ersten Berlinalesonntag geht es geschichtlich zu. Aber knallhart. Und wieder einmal kann man an dem Verhalten von Menschen in anderen Kulturen und anderen Zeiten die wiederfinden, die man aus der eigenen Umgebung kennt: die Scharfmacher, die Verbrämer, die Lügner, die Gierigen, die Zögerer, die Faulen, die Verräter, selten die Guten – und vor allem: wie das ist mit den Männern und den Frauen.

 

Hier in den anatolischen Sandgebirgszügen gibt es zwei kleine Dörfer, die jeder für sich von einem Clan besiedelt sind, die sich gegenseitig befehden. Die einen, der Erzähler aus dem Off erzählt uns die Historie, waren die Bezari, die in Unter-Pingan mit fruchtbarem Boden und Tierhaltung zu Reichtum kamen, ihnen gehörte alles, sie wurden die Herrschaft genannt, die die Leute aus Ober-Pingan beschäftigten, die für diese arbeiten mußten, vor allem auf den Feldern, aber eben auch zu Hause als Dienstboten, denn die Felsen und Abhänge von Ober-Pingan, wo derHazeran-Clan lebt, gibt nichts her. Doch die Bezari verschwanden, heißt es im Film. Sie verließen Haus und Boden. Und die Hazeran übernahmen leerstehende Häuser, bewirtschafteten mit Erfolg die Äcker und die Viehzucht gedieh auch. Endlich ging es ihnen gut.

 

Die gesellschaftspolitische Entwicklung in der Türkei ist weitergegangen. Es gibt jetzt staatlicherseits Dorfwächter. Das sind diejenigen, die mit staatlichem Auftrag dafür einstehen, dass es gesittet zugeht. Denn die Gefahr droht derzeit von namenlosen Terroristen, Staatsfeinden, die die Dorfwächter dingfest machen sollen, so sie auftauchen.

 

Doch oh weh, die ehemalige und verhaßte Herrschaft, der Clan der Bezari, kehrt nach Unter-Pingan zurück und hat das Recht auf seiner Seite: verbriefte Besitzansprüche an den Boden, die Äcker, das Land.

 
Doch wer entlohnt jetzt die Hazeran, die doch die Felder gut bewirtschaftet hatten und die Häuser gepflegt. Es herrscht Unruhe und der örtliche, Scheich genannte Anführer namens Ferit (Feyyaz Duman), derjenige, der vom vorherigen als Nachfolger bestimmt wurde, versucht, rational auf die Gesetzeslage hinzuweisen und ein Miteinander zu fördern. Erst einmal folgen ihm die Männer des kleinen Dorfes auf Hügeln und Steinen. Die Frauen haben hier nichts zu sagen. Doch gibt es mit Ferits Bruder Mesut  (Caner Cindoruk) einen, der, das erfahren wir erst später, eigentlich des Scheichs Nachfolger hätte sein sollen, aber seiner Frau wegen das Nachsehen hatte. Er ist die eigentliche Hauptfigur, die, die alles bewegen wird und in die falsche Richtung dazu.

 

Dieser Mesut ist psychisch krank, würden wir sagen. Er kann nicht schlafen, sieht Schatten, hört Stimmen, im Traum bekommt er Befehle, Visionen von Gott, der ihn zum Anführer bestimmt hat. Seine Träume sind eins zu eins umzusetzen. Er erträumt sich, was er gerne wäre. Doch die rationale Auseinandersetzung mit Ferit, was jetzt zu tun wäre, kann nicht stattfinden, weil dieser Dorfälteste würden wir sagen, Aufgaben anderswo erledigen muß, weshalb er seinem Bruder Mesut als seinem Stellvertreter Prokura gibt.

 

Wie diesen der Wahnsinn ergreift, aber er selber und seine Anhänger nennen es Vision, stellt der Film wie in einem Brennglas, das immer dichter an den Abgrund rückt, minutiös dar. Das ist wirklich hervorragend gemacht, wie das Innere dieses Menschen, dieses großen und starken und innerlich so kleinen Mannes nach und nach nach außen gekehrt wird und seine Rachsucht für jegliche Niederlage im eigenen Leben nun gipfelt in der Ungeheuerlichkeit eines Genozids an den Bezari. Er suggeriert als ihr aktueller Anführer eine friedliche Zukunft für alle, freut sich darüber, wie die Kinder der Hazeran gesichert aufwachsen werden, blühende Landschaften sozusagen und nie wieder eine blutige Auseinandersetzung und da ist nur jetzt sofort und rasch eine Tat zu tun, die diese Zukunft sichert: es müssen alle, aber auch alle der Bezari auf einen Schlag umgebracht werden. Keiner darf übrig bleiben, weil sonst das Gesetz der Rache greift und erneut ein Krieg zwischen den beiden Gruppen ausbricht.

 

In der Dorfversammlung – der Männer natürlich! – brandet Beifall und Jubel auf und so geschieht es des Nachts. Die gesamte Dorfbevölkerung wird umgebracht, Männer, Frauen, Kinder und nebeneinander auf die Straße gelegt.
 

Zuvor war immer die örtliche Polizei vorbeigekommen, die nach dem Rechten sah, was derzeit hieß, dass sich in der Gegend Terroristen herumtrieben, die, wenn aufgefunden, mitgenommen oder gleich erschossen wurden. Als nun die Polizei, die die ermordeten Bezari vorgefunden hat, wie immer mit mehreren Wagen kommt, redet sich Mesut damit heraus, dass die Terroristen für die Toten des Nachbardorfes verantwortlich seien, was der Polizeiführer sofort glaubt, paßt es doch ins Bild.

 

Da entdecken seine Kollegen Bewegung unter aufgeschichteten Ästen an einer Mauer, sie entfernen Holz und Steine und herauskommt ein kleines rothaariges Mädchen, eine der Zwillinge, die Mesut schon im Schlaf verfolgt hatte. Das Mädchen schaut ihn nur an. Mit einem Schlag kracht das ganze Lügengebäude zusammen. Der Film muß gar nichts mehr weitererzählen: der Blick aus den Augen des Kindes, den sie auf Mesut richtet, enthüllt die Wahrheit.

 

Im Pressegespräch wird der Regisseur erzählen, dass sein Film auf einer wahren Geschichte beruht und es ihm nicht um die Abhängigkeit von Menschen einer bestimmten Religion geht, sondern um diesen Mann, der glaubt, eine Vision zu haben, eine Mission für die Menschheit, der aber nur seinen eigenen Vorteil nutzen will, seine eigene Verwirrung als Rettung für die Menschheit darstellt. So sind sie, diese Männer, die mit Brachialgewalt zerstören, was gehegt und gepflegt werden muß, beispielsweise Nachbarschaft auf kargem Boden. Männer.

 

Der Film erzählt die Geschichte auf vielen Ebenen. Gerade die Träume und Visionen von Mesut, er sei der Führer, der alle rettet, verkehrt sich ins Gegenteil, er ist der Vernichter von jeglichem Leben der Bezari und der Hazeran.

Foto:
©Berlinale

Info:
von Emin Alper (Regie, Buch)
Besetzung
Caner Cindoruk (Mesut)
Berkay Ateş (Yılmaz)
Feyyaz Duman (Ferit
Naz Göktan (Fatma)
Özlem Taş (Gülsüm)
120'•
Türkei, Frankreich, Niederlande, Griechenland, Schweden, Saudi-Arabien
2026•
Farbe
Türkisch, Kurdisch
Untertitel: Deutsch, Englisch