Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 17


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Ein Western. Ein indigener Western aus Australien?! Auf die Idee muß man erst einmal kommen. Der australische Aborigines-Regisseur Thornton Warwick hatte sie schon in der Jugend, als er aus einem amerikanischen Western kommend, erkannte: „Die Rothäute, die Indianer, das sind ja wir!“, denn als gesellschaftlich unterdrückte, geächtete und rechtlose Ureinwohner enthüllt sich deren gnadenlose Schicksal teils erst heute.

 

Warwick ist auf der Berlinale kein Unbekannter. Er war häufig hier, aber noch nie im Wettbewerb und wurde vor allem mit seinem brutalen Western Sweet County von 2016 bekannt. Zu diesem geradezu als Gegenstück folgt jetzt WOLFRAM, der, sagen wir es gleich, gut ausgeht, aus den sonst in Western üblichen Opfern Überlebende macht und die Schurken vernichtet. Diese wirklich üblen weißen Männer bleiben auf der Strecke. Siegen im Western nicht sowieso immer die Guten? Mitnichten. Und hier kommt etwas hinzu, was im Western schon überhaupt nicht passiert: die Überlebenden sind nämlich eine Mutter und ihre vier Kinder. Also keine üblichen Westernfiguren. Dort gibt es an der Frauenfront eigentlich nur prüde Ehefrauen, aufreizende Flittchen und die Frau hinter der Theke, die den Laden schmeißt. Kinder schon gar nicht. Daß alle im Film auftauchenden Kinder und ein junger Bursche bei unterschiedlichen Vätern diesselbe Mutter haben und dass hinter den offensichtlichen zwei Buben Mädchen stecken, entschlüsselt der Film erst nach und nach, der nach dem Stoff genannt ist, nachdem hier alle suchen, dem härtesten Metall, dem mit dem höchsten Schmelzpunkt  von 3422 °C, weshalb sie in die Erde steigen, um WOLFRAM zu gewinnen und reich zu werden.

 An vier Orten spielt das Geschehen in Zentralaustralien, wobei es ständig hin und her geht. Da ist einmal die Stadt, mit dem Mittelpunkt der Bar, wo in den 1930er Jahren ein älterer und ein junger Outlaw auftauchen, die derartig impertinent auftreten, als ob ihnen die Welt gehöre und bei vielen Angst erregen. Da ist dann mitten in der Landschaft eine Grabungsstelle, wo ein älterer Weißer zwei Kinder zur Minenarbeit zwingt und dann gibt es mit Kennedys einsamem Haus als drittem Ort ein so seltsames Exemplar Mensch, ein weißer Farmer, der sich von seinem Sohn Philomac bedienen läßt, den er wie einen Sklaven hält, da dessen Mutter eine Eingeborene ist. Da sind viertens auch Chinesen unterwegs auf der Suche nach Reichtum, die hier in der Weite eine gute Stelle gefunden haben, um nach Wolfram zu schürfen. Diesen vier Seßhaften gegenüber macht sich in einer Kutsche Pansy (Deborah Mailman) auf den Weg, die ihr Neugeborenes im Arm in der weiten Landschaft ihre entführten Kinder sucht und sich auf dem Weg immer wieder Haare abschneidet, diese mit Perlen schmückt und auf dem Weg deponiert, damit die Kinder zu ihr finden.

Doch das entschlüsselt sich alles erst am Schluß. Durch Flashbacks wird die Vergangenheit der Mutter mit ihren Kindern verständlich. Man darf sich dem Durcheinander ausliefern, es klärt sich alles im Ablauf der Handlung, die durch die zwei Banditen Casey (Erroll Shand) und Frank (Joe Bird) in Gang kommt. Beide sind grandios dargestellt. Der eine ist so widerlich, dass man ihm gleich den Garaus machen möchte, aber blitzgescheit, denn er sucht überall seinen Vorteil und findet ihn, wenn er weiß, dass er den Menschen zuerst einmal Angst einjagen muß, was er kann und dann besser totschießt, was er tut. Der andere junge Typ ist derart verschlagen, dass man ihm mit Recht nicht über den Weg traut. Außerdem ist er ein Sadist, ach was, das sind sie beide.

Und dann gibt es einen Mitwirkenden, der wie der Elefant im Raum nicht wahrgenommen wird. Es liegt nämlich in der Stadt – gleich das erste Bild – ein totes Pferd mitten auf der Straße. Die Leute gehen einfach drumherum, weder wird es weggebracht, noch darüber gesprochen. Im Laufe der Zeit vergammelt der Kadaver vor sich hin; das kommt einem wie eine Metapher vor. Das Gespenst männlicher weißer Gewalt muß sich auflösen.

Der Film nimmt Fahrt auf, als der alte Mann, der die zwei Kinder zur Arbeit zwingt, verunglückt daliegt und die beiden kurzentschlossen abhauen. Doch auf dem Weg laufen sie ausgerechnet den beiden Schurken in die Arme. Das eine Kind wird erwischt, das andere kann fliehen. Die beiden Gesetzlosen, die durch die Lande ziehen, landen bei Kennedy (Thomas M Wright ), den sie gleich als Angsthasen richtig einschätzen. Mit mitgebrachtem Fleisch wollen sie sich anbiedern, was klappt, denn der eigene Vorrat ist Kennedy geklaut worden von einem der Aborigines, wie sich herausstellt, als nämlich die beiden schlauen Kriminellen eine Falle aufstellen, in die dieser alte hungernde Mann auch hineintappt, als er Nachschub holen will. Kennedy legt ihn in Eisen und weiß, dass demnächst die Polizei auftaucht und den Dieb mitnimmt. Doch das verschlagene Duo nimmt ihm das ab und den alten Mann mit. Die Kinder werden seine noch verbrannte, noch glimmende Leiche um die Ecke in den Felsen finden.

 

Diese Widerlinge hatten ja den gefangenen Jungen mitgebracht, um den sich nun Philomac kümmert. Und mitten ins Geschehen hinein taucht auch zur Begeisterung beider das andere Kind wieder auf. Philomac sorgt sich nun um beide. Da wissen alle drei noch nicht, dass sie Geschwister sind, der Ältere einen anderen Vater hat und die beiden Jungens eigentlich Mädchen sind, was Philomac richtigerweise daraus schließt, das sie sich hinhocken, als sie pinkeln müssen. Auf jeden Fall gehen alle drei stiften und kommen auf der Flucht zu einem älteren Chinesen, der vor allem den kleinen Jungen hilft, sie versteckt und verleugnet, als diese Unholde auftauchen. Obwohl sie argwöhnisch sind, ziehen sie auf ihren Pferde weiter und endlich kommt die Rache, auf die die Zuschauer die ganze Zeit warten. Diese beiden schrecklichen Männer hatten unterwegs ohne Grund, aus reinem Spaß, zwei einheimische Mädchen getötet. Kennedy, der mit ihnen unterwegs ist, bekommt den ersten Speer quer durch den Leib getrieben. Er wird lange extrem leiden, bis er stirbt.

 

Der junge Fiesling bekommt eine Behandlung besonderer Art. Er glaubt, den alten Chinesen leicht umzulegen zu können. Doch er wird von dem älteren, dicklichen Mann mit asiatischer Kampfeskunst derart gekonnt ins Jenseits befördert, dass es im Kino Szenenapplaus gab. Und auch den Älteren ereilt der Tod. Endlich.

 

Bei sanftem Licht in der Weite der Landschaft - die Landschaftsaufnahmen sind die ganze Zeit einfach schön - fahren jetzt zwei Wagen auf den der Mutter mit ihrem Kind zu. Erst schaut Pansy verängstigt, dann gespannt, dann immer glücklicher und schließt endlich ihre Kinder in die Arme, die erst jetzt verstehen, dass sie alle Geschwister und als Familie vereint sind. Seltsamerweise hat das gar nichts Kitschiges an sich, sondern stellt die Welt auf die richtigen Füße.

 

Übrigens ist alles wunderbar fotografiert und die Musik klug eingesetzt. Das ist ein Film, der die genaueste Planung hatte, damit er so zufällig daherkommen kann. Großes Kino. Wie überhaupt ein Film nach dem anderen einem wie ein möglicher Bärengewinner vorkommt. Und das Thema Familie und die Veränderungen in und mit ihr obenan bleibt.

 

P.S. Daß im politisch und historisch gewichtigen Pressegespräch der australische Darsteller dieses merkwürdigen Kennedy auf der Frage nach seiner Rolle im Film mit Hannah Arendt und der Banalität des Bösen antworten wird, hatten wir bei einem Western auch nicht erwartet.

 

Foto:
©Berlinale

 

Info
Stab
Regie. Warwick Thornton
Buch.  Steven McGregor, David Tranter
Kamera.  Warwick Thornton

Besetzung
Deborah Mailman (Pansy)
Erroll Shand (Casey
Joe Bird (Frank)
Thomas M Wright (Kennedy)
Ferdinand Hoang (Shi)