Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 17
Claudia Schulmerich
Berlin (Weltexpresso) - Dies ist der einzige animierte Film im Wettbewerb und der einzige Film aus Japan. Nicht schlecht, die historischen Voraussetzungen zum Thema zu wissen. Ein Feuerwerk spielt die Hauptrolle, ein mythisches Feuerwerk, das das Universum symbolisiert und das der Vater von Keitaro erschaffen hatte, dann aber spurlos verschwand.Feuerwerke mit ihrer Farbexplosion, dem Flackern und Knallen haben in Japan eine besondere Tradition und eben auch eine besondere Bedeutung. Sie finden in Japan 15. August statt, das ist mitten im Obon-Fest, wo das Feuerwerk die Verbindung zu den Verstorbenen herstellt.
Ihrer Seelen wird gedacht und die Noch-Lebenden trösten sich mit diesem Freudfeuerwerk, dass ihre Lieben nicht mehr bei ihnen sind. Seit dem Ende des 2. Weltkriegs ist eine Bedeutung hinzugekommen. Erst am 15. August ist in der Pazifikregion der 2. Weltkrieg beendet worden, so dass das Feuerwerk auch eine Hoffnung auf Frieden ist.
Das ist gut zu wissen, man muß es aber nicht wissen, um den Eifer und die Entschlossenheit von Keitaro zu verstehen, seit vier Jahren in der stillgelegten Feuerwerksfabrik Obinata Feuerwerkskörper herzustellen. Er will das Geheimnis des Shuhari entschlüsseln,eben das oben erwähnte mystische Feuerwerk, das sein Vater erschaffen hatte. Das will er nachproduzieren.
Aber jetzt passiert etwas, was seinem Vorhaben den Garaus macht. Wir sind direkt vor dem Tag, an dem die ganze Fabrik abgerissen wird. Sie steht der Straße im Wege, die hier verlaufen soll, denn aus der Fabrik im Grünen, wie es einst war, als sie von Wald umgeben war, ist längst eine Ansiedlung von Häusern, geworden die wild in der Gegend herumstehen, dem das saftige Grün weichen mußte, das einst ein richtiges Dorf umgab.
Daß die Feuerwerksfabrik mit Namen Taitou Fireworks immerhin schon 330 Jahre besteht, interessiert die Modernisierer überhaupt nicht. Keitaro möchte so gerne sein Feuerwerk, das er Shuhari annähert, vor der Schließung noch fertigstellen und zünden. Aber die Zeit drängt. Da kommt überraschend seine beste Kindheitsfreundin Kaoru vorbei. Sie ist vor vielen Jahren nach Tokyo gezogen. Die beiden, die sich immer gut verstanden, können auch jetzt gemeinsam besser denken und planen, als alleine. Da könnte man doch…, da wäre vielleicht...oder so, oder so….auf jeden Fall soll es vor dem Abriß noch zu einem gewaltigen Feuerwerk kommen, an das alle denken werden.
Faßt man den inhaltlichen Aspekt noch einmal zusammen, sieht man die sozialen Fragen von Erosion der Gemeinde, Gentrifizierung im Vordergrund. Dies ist ein universelles Thema, dies Dorf, diese Fabrik nur ein Beispiel. Es geht ja auch um die Auseinandersetzung mit Energiequellen, gerade in Japan haben gewaltige Erdbeben stattgefunden und auch Tsunamis.
Höchste Zeit von der Technik des Films zu reden, der in zarten Tönen das Auge freut, denn die ganze Leinwand ist von Licht erfüllt, in dem die Farben ein Augenspiel treiben. Die Farben selbst sind aus tierischen und pflanzlichen Stoffen und auch aus Stein. Im Stop Motion Verfahren werden die unbelebten Gegenstände lebendig, feste Gegenstände bewegen sich. Im Film ist vieles handgezeichnet und KI kommt an keiner Stelle vor. Das war eine bewußte Entscheidung des Regisseurs Yoshitoshi Shinomiya , der beides verantwortet: er hat sich die Geschichte ausgedacht und er hat sie auf der Leinwand inszeniert. Mit Absicht hat er historisierende Elemente eingebaut, denn der Film soll an die Vergangenheit erinnern, da, wo sie emotional berührend war. Er ist kein Unbekannter im Anime-Geschäft, hat als Zeichner in berühmten Filmen mitgewirkt, verantwortet aber zum ersten Mal als Regisseur einen animierten Film.
Der Regisseur ist bildender Künstler, hat bisher animierte Filme gezeichnet, aber schafft seine Werke, in der Hauptsache traditionelle japanische Malerei, auch außerhalb des Filmgeschäftes. Im Film kommt seine Profession durch die untersschiedliche gestaltete Leinwand zum Tragen. Denn man kann deutllich den Hintergrund und den Vordergrund unterscheiden. Im HIntergrund ist das Ewige dargestellt, die Natur, die Pflanzen, auch Tiere, im Vordergrund das Flüchtige, das Vergängliche.
Und tatsächlich wurde an Ki gedacht, als die Produktion zu lange dauerte. Aber dann entschied Yoshitoshi Shinomiya, dass man dies den Mitwirkenden nicht antun könne. „Es haben so viele Menschen an diesem Film gearbeitet und ihr Herzblut gegeben, dass sich die moralische Frage ergab, ob es sich gehöre, diese menschliche Anstrengung durch KI zu ersetzen. Es geht auch darum, künstlerische Techniken zu bewahren.
Gleichzeitig wird es eine neue, durch KI geschaffene Welt geben. Dann stellt sich die Frage der Koexistenz. Aber im Bereich des animierten Films ist die KI-Technik noch nicht so weit, auf die menschliche Hand verzichten zu können. Natürlich ist es spannend, zu überlegen, wie solche Filme in fünf Jahren hergestellt werden.
Noch wichtiger als sonst sind die Schauspieler, allerdings nicht in ihrem Mienenspiel, ihrer Mimik und Gestik, hier müssen sie allein durch ihre Stimme wirken, so dass das Sprechen viel wichtiger wird als bei normalen Spielfilmen. Auch hier könnte man in Zukunft Ki einsetzen, aber die Wärme der menschlichen Stimme ist durch KI bisher nicht zu erzeugen. Riku Hagiwara spricht den Keitaro, die Hauptperson. Er ist ein Japan ein bekannter und beliebter junger Schauspieler, der seit Kindertagen schauspielert. Das Synchronsprechen erfordert auf jeden Fall dramatischeres Sprechen, gerade weil die körperlichen Mittel, wie man Empfindungen ausdrückt, fehlen.
Keitaro ist noch ganz jung, ein Teenager, das war eine Herausforderung, denn die Stimme muß jung klingen. Die Stimme ist das einzige Transportmittel der Gefühle.
Foto:
©Berlinale
Info:
Stab
Regie Yoshitoshi Shinomiya
Buch Yoshitoshi Shinomiya
Kamera Anna Tomizaki
mit
Riku Hagiwara
Miyu Irino
Kotone Furukawa