wienerDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 20


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Da haben es jetzt diejenigen, die glauben, dass man die Welt und auch die Kunst und somit den Film in feste Begriffe packen kann, schwer. Denn die herkömmlichen Bezeichnungen von Filmen als Spielfilm (fiktiv) und Dokumentarfilm (real) – in letzter Zeit von allen Seiten in Frage gestellt - scheitert hier auf der ganzen Linie. Es geht um einen Mann, dessen Leben als Grundlage für diesen Film dient, der sich sogar als Schauspieler selber darstellt, aber im Film ein fiktives Leben führt, in dem aber auch immer wieder sein tatsächliches eine Rolle spielt.

 

Also ein dokumentarischer Spielfilm oder ein fiktiver Dokumentarfilm? Egal, lassen wir die formale Einordnung und sprechen von Al Cook (Alois Koch). Die beiden Filmemacher Tizza Covi und Rainer Frimmel kennen ihn in Wien schon lange, man kommt an ihm nicht vorbei, wenn es um Wiener Originale geht und original ist dieser Mann durch und durch, originell auch. Daß er auch im realen Leben als Experte für Elvis Presley, aber auch für den Blues, speziell aus New Orleans bekannt ist, hat ja genau zu dem Film geführt, der aber einen fiktiven Verlauf nimmt. Denn Al Cook wird mitten aus seinem gemütlichen Leben gerissen. Gemütlich soll heißen, dass er sich seit Jahrzehnten in seiner Wohnung eine Welt geschaffen hat, die seine ist und aus Büchern und Bildern an den Wänden, vor allem aber aus Videokassetten und Schallplatten besteht mitsamt der aufwendigen Geräte, die alten Aufnahmen stammen von Größen des Jazz, des Blues und er hört sie täglich. Er lebt mit dieser Musik. Tritt aber mit der Gitarre auch in Beisln auf.

 

Wenn der Film beginnt, fürchtet man allerdings im Keller etwas anderes zu finden. Denn man sieht einen Mann, der in einen alten und dreckigen Keller steigt, den Schlüssel in der Hand, eine Tür aufschließend...so fangen dauernd Krimis an, wo eine gefangen gehaltene Frau gequält wird, doch hier öffnet sich für Al sein Paradies, denn es ist sein Studio, das nur der Musik, dem Musikhören und dem Musikmachen dient. Sogleich legt er auch eine Platte auf. Den Blues von gestern. Das macht ihn glücklich, man sieht es.

 

Es ist Weihnachten. Er lebt kultiviert, auch wenn er in diesem Haus in der Ungarngasse im Dritten Bezirk der letzte Mieter ist, der noch nicht ausgezogen ist, da es abgerissen werden soll. Doch er denkt nicht dran auszuziehen. Daran ändern auch die Lichter nichts, die ausgehen, als er gerade die Kerzen des Weihnachtsbaumes angezündet hat. Das ist Schikane des Vermieters, der ihn raushaben will, interpretiert er richtig. Und als er sich nach den Feiertagen an die städtische zuständige Stelle wendet, unterstützt diese ihn, ruft beim Elektrizitätswerk an und der Strom läuft wieder. Doch ist das nur eine kurze Beruhigung. Als Erstes tauchen diese ordinären Kerle auf, die vom Hausbesitzer geschickt ihm Angst machen sollen, was alles passiert, wenn er nicht pariert, einschließlich körperlicher Gewalt. Wenn er sofort unterschreibt, bekommt er noch Umzugsgeld. Aber noch ist er standhaft, deckt den Tisch mit feinem Geschirr und Kerzen und gönnt sich immer wieder das Gläschen Sekt und auch mehr davon. Daß er gepflegt auftritt, seine Kleidung im passenden Farbton, das Haar onduliert, zeigt seine Welthaltung.

 

Inzwischen wissen wir, die lachende attraktive dunkelhaarige Frau auf dem Foto, das er ständig betrachtet, ist seine überaus geliebte verstorbene Frau, die mit ihm seine Leidenschaften t

für die Musik der Fünfzigerjahre teilte wie alles im Leben. In Flashbacks taucht immer die glückliche Vergangenheit auf, de deutlich macht, wie glücklich er war. Doch hat er mit der Gewalt der Rausschmeißer nicht gerechnet. Er wird verprügelt, doch er bleibt beharrlich. Erst als sich der Fiesling in seinem Wohnzimmer einrichtet, alles verschmutzt und kaputt macht, unterschreibt er gequält die Aufhebung des Mietvertrags.

 

Nun muß er eine Entscheidung treffen: wohin? Seine ist durchschlagen. Wenn er hier schon nicht mehr leben darf, hält ihn nichts und er wird endlich in die USA gehen, nach New Orleans und dort mit den noch lebenden Blues-Originalen Musik machen. Gesagt, getan. Einen Flug ist nicht schwer zu buchen, aber erst muß er seine Wohnung mitsamt dem Studio auflösen, wozu er überall Zettel verteilt. Und sie kommen die Käufer, die seine liebevoll gestaltete Wohnung auseinandernehmen. Jeder dieser Menschen bringt seine eigene Geschichte mit, in die nun seine Sachen integriert werden. Eine durchschlagende Idee des Drehbuchs, die einerseits Al als einen zeigt, der seine Entscheidung durchzieht, zwar immer wieder über seine geliebten und gesammelten Schätze streicht, sie aber unsentimal einpackt, wenn er bei einem echtes Interesse, ja Liebe zu seinen Dingen verspürt.

 

Eine Parallelhandlung, von der der Hauptdarsteller in der Pressekonferenz sagen wird, dass sie sich im echten Leben so zugetragen habe, bringt Brigitte ins Spiel. Sie war vor vielen Jahrzehnten die erste Liebe seines Lebens. Es lief gut mit den beiden, doch als er ihr, dem Beatlesfan, eine Platte von Elvis Presley schenkte, konnte sie ihm diese Lieblosigkeit nicht verzeihen und verschwand für immer. Als sie jetzt hörte, dass er auch noch eine Konzertkarte für einen ihrer Lieblinge in der Tasche hatte, antwortet sie spontan, hätte sie das gewußt, wäre sie bei ihm geblieben.

 

Putzig, wie die zwei miteinander umgehen, und er versteht es richtig, als sie ihm anbietet, er könne seine übriggebliebenen Sachen bei ihr unterstellen und wenn er keine Bleibe habe, auch bei ihr wohnen, wofür er sich bedankt. Das fragt man sich die ganze Zeit, zieht Al die Reise nach Amerika durch und ist es für ihn eine Flucht oder eine Heimkehr? Damit nun läßt der Film uns alleine und das ist das einzige angemessene Ende. Jetzt kann man sich seine Gedanken machen.

 

Der echte Al Cook lebt weiterhin in seiner angestammten Wohnung voller Originale der Rock- und Blueszeit, tritt weiterhin auf und wird auch weiterhin in der Möglichkeitsform an eine Reise in die USA nach New Orleans denken. Klug inszeniert, ein gefühlvoller Film. Und echt Wienerisch dazu.

Foto:
©Berlinale

Info:
Regie Tizza Covi, Rainer Frimmel
Buch Tizza Covi
Kamera Rainer Frimmel
Besetzung
Alois Koch (Al Cook)
Brigitte Meduna (Brigitte)
Flurina Schneider (Studentin)
Alfred Blechinger (Fredi)