gelndrSerie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom Donnerstag, 5. März 2026, Teil 3

Ingo Fliess

Berlin (Weltexpresso) – Das Private ist politisch - und so begann die Arbeit am Film mit einer Story, die İlker Çatak gemeinsam mit seiner Frau Ayda Meryem Çatak entwickelte - als eine schonungslose Nabelschau der Werte, die Paare täglich miteinander verhandeln, deren Gewichtung sich aber verschiebt, wenn es ums Überleben geht. Man weiß ja erst in der Krise, mit wem man es zu tun hat. Und so steht das fiktionale Paar Derya und Aziz, die kleine, glückliche Familie plötzlich in einer Arena, in der die großen Fragen von Ehrlichkeit, Anstand, Pragmatismus und Moral verhandelt werden.

Mittendrin: die pubertierende Tochter, die hin- und hergerissen ist zwischen dem hohen moralischen Anspruch ihres Vaters und dem handfesten Überlebenswillen ihrer Mutter.

Es war unser türkischer Koproduzent und Autor Enis Köstepen, der vorschlug die Handlung des Films nach Deutschland zu verlegen, also Ankara in Berlin und Istanbul in Hamburg zu erzählen. Wir waren elektrisiert. Unsere türkische Familie bewohnte plötzlich ein Niemands- oder Jedermannsland. Schon während des Co-Production-Markets der Berlinale, wo wir das Projekt 2022 erstmals vorstellten, wurde uns gespiegelt, wie sehr die Story in anderen Ländern auf tiefes Verständnis stieß.

Laut Report des V-Dem Instituts in Göteborg gibt es heute weltweit erstmals weniger Demokratien als Autokratien (88/91), wobei 72% der Weltbevölkerung in Autokratien leben. Nur noch 29 Länder sind liberale Demokratien (darunter die USA und Deutschland). Worin besteht also unsere Verantwortung als Filmschaffende in diesen Zeiten? Die Blockbildung und Schuldzuweisung hilft nicht weiter - und insofern ist GELBE BRIEFE auch keine Abrechnung mit dem oder einem Staat. Aber Film kann einladen mitzufühlen, was es bedeutet, ungerecht behandelt zu werden und die eigene Machtlosigkeit zu erleben.

Vielleicht wird uns klar, wie wertvoll unsere Freiheit ist - und wie schwer es sein wird, sie zu verteidigen. Aber mehr als alles andere ist GELBE BRIEFE ein Film über die Ehe als „scheinbar objektive Wirklichkeit“ (so die Soziologen Peter L. Berger und Thomas Luckmann) - der windige Anker in einem Sturm, der um uns herumtobt. İlker Çatak beginnt an einer Stelle zu erzählen, in der er sich auskennt, Familie, Türkei, Ehedrama, aber transzendiert die Geschichte zu etwas Universellem, Größeren. Viele Kritiker erkannten in unserem vorhergehenden Film DAS LEHRERZIMMER (Drehbuch: Johannes Duncker & İlker Çatak) eine Metapher auf westliche Demokratien und die vielen Möglichkeiten sich misszuverstehen. Schule als Brennglas für gesellschaftliche Entwicklungen.

Wir hatten einen sehr intensiven und diskussionsfreudigen kreativen Prozess - über die Stoffentwicklung mit unseren türkischen Koproduzenten von Limanfilm, in den Dreharbeiten mit einem mehrsprachigen (Türkisch, Englisch, Französisch, Deutsch) Team, das in zwei deutschen Großstädten möglichst viel türkische Identität suchte und fand (kongenial von Judith Kaufmann fotografiert und Zazie Knepper im Szenenbild gestaltet) und in einem langen Montageprozess (geleitet von Gesa Jäger) mit unseren französischen Kolleginnen von Haut et Court und unseren dt.-frz. Partnern von ZDF, arte und Alamode. Vielleicht merkt man dem Film an, dass er seine Kraft auch aus dieser Bereitschaft zur Diskussion zieht, es war auf jeden Fall immer unser Ziel Türen zu öffnen und der freien Rede Platz zu geben.

Foto:
Anläßlich der Entgegennahme des Goldenen Bären, den immer der Produzent des Films erhält, Ingo Fliess mit Regisseur İlker Çatak
©Berlinale

Info:
Besetzung
Derya ÖZGÜ NAMAL
Aziz TANSU BİÇER
Ezgi LEYLA SMYRNA CABAS
Güngör Hanim İPEK BİLGİN
Salih AYDIN IŞIK
Baran AZİZ ÇAPKURT
Fikret YUSUF AKGÜN
Kadriye UYGAR TAMER
Kübra JALE ARIKAN
Sema SEDA TÜRKMEN
Ismail Karacabraş EMRE BAKAR
Cemre ELİT İŞCAN
Rojda SULTAN ULUTAŞ ALOPÉ
Gülin EMİNE MEYREM
Zeynep İPEK SEYALIOĞLU

Regie İLKER ÇATAK
Drehbuch İLKER ÇATAK, AYDA MERYEM ÇATAK, ENIS KÖSTEPEN
Bildgestaltung JUDITH KAUFMANN
Montage GESA JÄGER
Szenenbild ZAZIE KNEPPER

TECHNISCHE DATEN
Deutschland, Frankreich, Türkei
2026
Lauflänge: 128 Minuten

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