Serie: Die anlaufenden Film ein deutschen Kinos vom 25. Dezember 2014, Teil 2

 

Hanswerner Kruse

 

Berlin (Weltexpresso) - Auf dem Französischen Filmfestival in Berlin stellte Robert Guédiguian seinen Film „Café Olympique“ vor, der heute in die Kinos kommt. Der Regisseur ist bekannt für seine engagierten politischen Filme („Der Schnee am Kilimandscharo“), doch das neue Werk sollte einfach nur leicht und spielerisch sein.

 

 

CAFÉ OLYMPIQUE – Ein Geburtstag in Marseille

Langsam gleitet die Kamera zu dramatischer Opernmusik über grell weiße, wie mit Schnee oder Mehl bedeckte, hypermoderne Häuser und winzige Menschen. Je näher die Kamera an die Siedlung heranfährt, desto „wirklicher“ werden die Bilder, irgendwann landet sie im realistischen Antlitz, in den riesigen braunen Augen Arianes (Ariane Ascaride). Die rührt Teig, schlägt Sahne, bereit ihre Geburtstagsfeier vor. Doch dann kommen Absagen, von ihrem Mann, den Kindern und Verwandten - deshalb haut Ariane enttäuscht und wütend einfach mit dem Auto ab.

 

Nach einem harten Schnitt steht sie im Stau in den Docks von Marseille, laut dreht sie Rai-Musik auf, nach und nach kommen die Menschen aus den Autos und tanzen. Ariane folgt einem (sehr) jungen Mann. „Ich weiß ein schönes Lokal in der Nähe, aber Sie trauen sich bestimmt nicht mitzugehen!“ „Und ob ich mich traue“, protestiert Ariane. Als sie spät aus dem Café Olympique kommt, ist ihr Auto verschwunden, dann wird ihr noch die Handtasche geklaut. Ihr genervter aber gutmütiger Taxifahrer (Jean-Pierre Darroussin) schiebt Schubert ins CD-Fach, „das beruhigt auch mein 45 Katzen“, sagt er.

 

Ein alter Souvenirverkäufer verschafft ihr einen Schlafplatz in einem kleinen Boot unweit des Cafés. Am nächsten Tag hilft sie dort mit und lernt nur schräge Leute kennen: Die Freundin des jungen Mannes trägt keine Dessous und liebt Sex, der Besitzer des Cafés singt ständig Chansons von Jean Ferrat, ein Amerikaner schreibt alles auf, was er sieht. Ariane kommt mit der Schildkröte des Lokals ins Gespräch und beklagt ihre Heimatlosigkeit. „Wir sind immer zu Hause“, tröstet sie die Schildkröte, „das ist für uns so schrecklich. Seien sie glücklich, dass sie von zu Hause fort können.“

 

Der Souvenirverkäufer schreit jede Nacht qualvoll nach seinen „Kindern“, in Formalin eingelegte Reptilien, Körperteile und missgebildete Föten. 30 Jahre lang hat er sie im Naturkundemuseum bewacht, dann wurde er entlassen. Der junge Mann ist entsetzlich eifersüchtig auf seine Frau ohne Dessous, die immer mal wieder als Prostituierte loszieht. Ein Regisseur will sich in einem Amphitheater in der Nähe des Cafés aufhängen, weil seine Sängerin verschwunden ist.

 

Doch Ariane hilft immer und findet Lösungen, die hier genauso wenig wie der überraschende Schluss verraten werden. „Du bist ein Engel“, sagen oft die Leute zu ihr, „Du bist vom Himmel gefallen.“ („Tu es un ange. Tu es tombé du ciel“). Aber das ist nicht kitschig, man muss es in Französisch mit Untertiteln hören, wie so vieles in dieser „Fantasie“, wie Guédiguian seinen Film nennt. Nichts ist realistisch in diesem warmherzigen Film, der auch von Einsamkeit, und enttäuschten Hoffnungen erzählt. „Ich wollte einfach einen Film aus dem Vergnügen heraus machen, ein kleines Stück Poesie, schnell hingeworfen“, erzählt Guédiguian in Berlin bei der deutschen Premiere.

 

In den Docks verliert sich Ariane wie eine gereifte Alice im Wunderland und lebt ihre verschütteten Fantasien. „Die Träume sind aus unserer Welt verschwunden, das bedauere ich sehr!“, sagt die weise Schildkröte zum Schluss des Films. Das Kino und gerade dieser Film geben sie uns zurück.

 

Café Olympique“, F 2014, 92 Minuten

Regie Robert Guédiguian mit Ariane Ascaride, Jean-Pierre Darroussin, Gérard Meylan, Jac Boudet u.a.