Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 27. Oktober 2016, Teil 6

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Filme beurteilt man in erster Linie nach ihrem filmischen Wert, wie sie gemacht sind, welchen Gewinn man daraus zieht, wie die Schauspieler den Stoff lebendig machen. Aber einen Film wie diesen, der übrigens auch filmisch gelungen ist, den beurteile ich wegen seines Informationswertes, der enorm ist.



Tatsächlich kannte ich diesen Fall überhaupt nicht, demnach ein deutscher Diplomatensohn mit seiner Angebeteten deren Eltern im Frühjahr 1985 ermordet haben soll, Jahre später in den USA  in einem Prozeß auf jeden Fall – nachdem er den Mord als Alleintäter gestand – verurteilt worden ist und seitdem in einem amerikanischen Gefängnis  sitzt. Seit ich diesen Film gesehen habe, geht es mir ähnlich wie der Journalistin und Filmemacherin Karin Steinberger, die seit 2006 den Fall verfolgt und vor drei Jahren diesen Film begonnen hat. Man kann nach diesem Film gar nicht anders, als den Verurteilten für einen naiven dummen Jungen zu halten, der Erziehungsziele von Fairness und Überlegenheit seiner Klasse an den falschen Personen und in den falschen Situationen angewendet hat. Was aber Resultat dieses Films ist, will ich vorneweg sagen: es ist eine absolute Klatsche für das Auswärtige Amt, in dessen Diensten der Vater des Jungen stand, der jetzt ja schon rund fünfzig Jahre alt sein muß und genau 50 Ist, wenn man sich das Geburtsdatum am 1. August 1966 besorgt.

Die nicht wahrgenommene politische Verantwortung der Bundesregierung kommt strafverschärfend hinzu und die der Presse auch. Denn wenn auch in bundesdeutschen Zeitungen wohl berichtet worden ist, dann nicht so auffällig – ich hatte wirklich noch nie davon gehört - und auch nicht so kontinuierlich wie beispielsweise im Fall der jungen Amerikanerin Amanda Knox, die in Italien zusammen mit ihrem Freund des Mordes an einer britischen Studentin angeklagt und mehrfach verurteilt worden war in einem Indizienprozeß, der so viele Fragen aufwarf, daß das Appellationsgericht als oberstes Gericht in Rom die Urteile jeweils wieder aufhob und inzwischen endgültig den Freispruch verkündete.

Dies wurde in der deutschen Presse als DER ENGEL MIT DEN EISAUGEN ausführlich dargestellt und in Büchern und einem Spielfilm verewigt. Genau die gleiche Gesichtspunkte lassen sich für den Fall des noch immer im Gefängnis sitzenden Jens Söring nun heranziehen, unglaubliche Verfahrensfehler und eine Gerichtsbarkeit in Amerika, wo man nach dem Film denkt, wie schnell man in deren Fänge geraten kann und dann nicht wieder herauskommt.

Der Sachverhalt in Kürze – wir wollen auch das schon 2012 aufgelegte und nun zum Film ergänzte Buch von Jens Söring: Zweimal lebenslänglich. Wie ich seit drei Jahrzehnten für meine Freiheit kämpfe, erschienen im Knaur Verlag, in Folge besprechen. Die Geschichte beginnt mit dem Zusammentreffen zweier sogenannter Hochbegabten an der Universität Virginia im August 1984. Die Tochter kommt aus gutem Haus, der deutsche Student nicht minder. Sie verlieben sich ineinander, wobei dies Ereignis für den behüteten Diplomatensohn sehr viel durchschlagender gewesen sein muß als für die verwöhnte, aber seelisch darbende Tochter der Haysoms, Elizabeth, die als schön und selbstsicher, ja arrogant geschildert wird, was man in Filmaufnahmen von damals nachempfinden kann. Als im Frühjahr 1985 die Eltern besonders blutig ermordet werden, fällt irgendwann der Verdacht auf das junge Pärchen.

Sie fliehen nach Europa, nach Asien, in London schließlich werden sie schon am 30. April 1986 wegen Scheckbetrugs gefaßt und  die angeklagte Tochter in die Vereinigten Staaten überstellt. Im Fall von Söring sieht das anders aus, denn er wird erst in die USA ausgeliefert, als deren Zusicherung kommt, daß er nicht die Todesstrafe erhalten werde. Sie gesteht die Anstiftung zum Mord an ihren Eltern, benennt Söring als den Täter und wird zu 90 Jahren Haft verurteilt. Am 4. September 1990 wird er wegen Mordes zu zweimal lebenslänglich verurteilt.

Was diesen Film nun so spannend macht, spannender als alle unsere Tatorts und Sonstiges, ist die Art und Weise, wie das Team Buch & Regie, Marcus Vetter und Karin Steinberger, diesen Fall aufrollen und den Indizienprozeß in seine Bestandteile zerlegen. Das bezieht sich zum einen auf einen Verfahrensfehler nach dem anderen – für Juristen und ihr Recht das Maßgebliche – und die vielen Indizien, die das Team seinerseits erforscht, die deutlich machen, daß Söring nicht der Mörder sein kann – für die Gerechtigkeit maßgeblich. Der hatte sich sowieso längst von seiner kavaliersgemäßen Täterrolle verabschiedet, die er als hehre Geste der Angebeteten andiente. Wirklich ein dummer Junge, der seine Naivität, so kommt es einem vor, auch nach so vielen Jahren, ja Jahrzehnten im Gefängnis nicht gänzlich verloren hat.

Der Film lebt zusammen mit der ihm eigenen Spannung von den alten Aufnahmen, das heißt von den Gerichtsverfahren gegen beide, die Jahre auseinanderlagen, aber hier als Beleg aus der Vergangenheit den Film als Film rund machen. Und was den Film zusätzlich spannend macht, sind solche Elemente, die, wenn erfunden, nicht geglaubt würden. Elf Mal hatte bisher Jens Söring, dem keinerlei Spuren am Tatort nachzuweisen sind, seine Haftüberstellung nach Deutschland beantragt. Es geht nicht um Freiheit, sondern darum, die Strafe in Deutschland absitzen zu dürfen. Dann schließlich hat der demokratische Gouverneur Timothy M. Kaine diese Haftüberstellung an seinem letzten Amtstag am 12. Januar 2010 veranlaßt, was aber vom neuen Gouverneur, dem republikanischen Nachfolger Robert F. McDonnell an dessen erstem Amtstag, dem 19. Januar 2010 widerrufen wurde.

Nach diesem Film will man eigentlich nie wieder in die USA reisen. Zu schnell wird man dort hinter Schloß und Riegel gesperrt, wenn man überhaupt ins Land hineindarf, was nach einem kritischen Artikel wie diesem schon öfter gestoppt wurde.

Ein Wort noch zu Jens Söring, den wir als Jungen, als jungen Mann, als Angeklagten und in seiner Verfassung bei seiner Selbstaussage vor der Kamera der Filmemacher im August 2006 erleben. Seitdem gab es nie wieder Erlaubnis zu Drehaufnahmen. Dafür schreibt er fast täglich an Karin Steinberger einen Brief. Ihr und Marcus Vetter gelingt es, einen ganz unweinerlichen Film zu machen, der unser Grundverständnis von Recht und Gesetz massiv tangiert. Hier stimmt was nicht, das teil der Film an jeder Stelle mit, ohne in einen moralischen Hilferuf für den Angeklagten zu verfallen. Ein richtig guter, ein richtig dramatischer, ein richtig aufwühlender Film, der Konsequenzen haben müßte.



Info:

Regie:     Marcus Vetter
Kamera:     Georg Zengerling
Schnitt:     Marcus Vetter
Ton:        Aljoscha Haupt
Musik:     Jens Huerkamp



Protagonisten:    


Jens Söring und Elizabeth Haysom mit den Stimmen von Imogen Poots und Daniel Brühl