Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 19. Januar 2017, Teil 3

Annika Bald


Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Benjamin (Petr Skvortsov), ein Schüler in einer liberalen Schule, verwandelt sich in einen gewaltbereiten religiösen Fanatiker. Die wenig bekleideten Mitschülerinnen sind ihm ein Dorn im Auge, er wirft mit Bibelzitaten um sich und lebt asketisch in seinem leeren Kinderzimmer.

Diese Wandlung vom normalen Teenager zum religiösen Eiferer kann meiner Meinung nach nur in seinem aussichtslosen und wenig inspirierendem Umfeld gesucht werden. Seine Mutter (Julia Aug) ist geschieden, gestresst durch drei Jobs und die beiden leben in einem dunklen Loch, das lediglich vom laufenden Fernseher erhellt wird.

Benjamin selbst scheint ein Außenseiter zu sein. Er wird nicht akzeptiert von den coolen Kids und steht abseits durch sein grüblerisches Auftreten. Dies ändert sich nach seiner Hinwendung zum Christentum. Die Klasse bewundert seinen Mut, wenn er sich nackt auszieht, um gegen den Sexualkundeunterricht zu protestieren oder im Gorillakostüm die Evolutionstheorie ins Absurde zieht. Er findet einen Jünger im körperlich behinderten Grigoriy, der in ihm ein starkes Vorbild findet und den Glauben damit in Kauf nimmt.

Seine Mutter, der er eine Zukunft in der Hölle prophezeit, weil sie durch die Scheidung automatisch zur Ehebrecherin wurde, lässt sich durch seine plötzliche Zielstrebigkeit anstecken und findet in der Religion einen Ausweg aus ihrem perspektivlosen Leben. Statt an ihren Lebensumständen etwas zu ändern flüchtet sie sich in das Gefühl, das ein allmächtiger Vater es schon für sie richten wird.


Es ist grotesk, wie Benjamins Fanatismus von allen bewundert, heruntergespielt oder aus falscher political correctness ignoriert wird. Am Christentum, das ja schon immer zur Kultur gehört, kann ja nichts falsch sein, der Priester bewundert den flammenden Enthusiasmus des jungen Manns und die Lehrerschaft ist so beeindruckt von seiner Jonglage mit Bibelzitaten, das tatsächlich der Lehrplan geändert, die Kleiderordnung verschärft und das Lachen aus dem Sportunterricht verbannt wird.

Lediglich die Biologielehrerin Elena Lvovna (Victoria Isakova) sieht Benjamin als den gefährlichen, gedankenvergiftenden Menschen, in den er sich verwandelt hat. Statt ironischen Sprüchen des Priesters hört sie den Antisemitismus, statt Frömmigkeit sieht sie den Fanatismus, statt traditioneller Werte sieht sie Homophobie, die Gefahr der ungewollten Schwangerschaft und ihre Schüler der möglichen Infizierung mit sexuell übertragbaren Krankheiten ausgesetzt. Jegliche Form des religiöse Fanatismus tötet die Freiheit und Selbstbestimmung der Menschen. Elena erkennt, dass man Benjamin nur mit seinen eigenen Waffen schlagen kann, doch kann sie die Vernunft, die Freiheit und die Wissenschaft vor Einflussnahme einer Religion retten, die noch immer unfassbar tief in unserer so aufgeklärten Zeit verwurzelt ist?