GOEAST: Festival des mittel-und osteuropäischen Films vom 26. April bis 2. Mai in Wiesbaden, Teil 8

Thomas Adamczak

Wiesbaden (Weltexpresso) - Selbstmord - Selbstmordversuch! Es gibt wohl kaum jemanden, dem dazu nicht einiges einfällt: Personen, Ereignisse, Geschichten. Nach ersten Assoziationen taucht unwillkürlich die Frage auf: Warum?


Der Film »Schmutzig« der slowakischen Regisseurin Tereza Nvotová zeigt zu Beginn in einer verstörenden Nahaufnahme das Gesicht der Hauptdarstellerin Lena (Dominika Moráková). Eine Ärztin fordert sie auf, langsam zu zählen. Das Narkosemittel wirkt schnell. Das etwa siebzehnjährige Mädchen schließt die Augen.


Schritt für Schritt erschließt sich nun das bisherige Geschehen in Rückblenden: Das Mädchen Lena ist in einer psychiatrischen Klinik. Mittels Elektroschock soll die Erinnerung an ein offensichtlich traumatisches Erlebnis ausgelöscht werden.


Das traumatische Erlebnis? Eine Vergewaltigung! Wie lässt sich im Film eine Vergewaltigung darstellen? Schwerpunkt muss auf der Gewalt liegen. Der Wehrlosigkeit angesichts einer brutalen menschenverachtenden Gewalttätigkeit. Das leistet dieser Film eindrucksvoll. Das Entsetzliche des Geschehens hinterlässt Eindruck, nachhaltigen Eindruck.


Lena kennt den Täter. Es ist ihr Mathelehrer, der seiner Schülerin, das wäre hierzulande unzulässig, Nachhilfeunterricht erteilt, in der Wohnung der Eltern.


Dieser Lehrer, das gehört zur Vorgeschichte, die der Film erzählt, wird von den Schüler*innen angehimmelt. In einer Szene, die im Klassenzimmer spielt, flirtet eine Schülerin, die freiwillig an die Tafel kommt, zum Vergnügen der Klasse mit diesem Lehrer. Die Hauptdarstellerin Lena redet mit ihrer Freundin Roza, das ist ein von mehreren Verdiensten des Films, ganz offen über Sex. Die Mädchen haben noch nicht wirklich Ahnung, aber sie stellen sich einiges vor, reden darüber, kichernd, voller Neugier und aufgeregter Erwartung.


Sex! Ich auch! Wir auch! Wann? Wer? Wenn es nur schon so weit wäre, endlich geschehen würde, damit wir mitreden können.


Dieser Kontrast zwischen freudiger Erwartung und einem entsetzlichen Geschehen ist wesentlich für den Film. Nach dem Ereignis ist die Sprache weg. Völlige Sprachlosigkeit. Die Zuschauer*innen möchten es am liebsten herausschreien. Das Unrecht beim Namen nennen. Schrei doch, Mädchen, sprich, du musst es sagen.


Sie kann nicht. Ihr Gesicht offenbart dem wissenden Zeugen, der Zuschauer*in, was ihr angetan wurde. Doch sie kann nicht darüber sprechen. Der Film zeigt, wie die traumatische Erfahrung das Opfer verstummen lässt.


Die unerträgliche Spannung zwischen dem, was nach Anklage schreit und der Sprachlosigkeit der Betroffenen, macht die außergewöhnliche Wirkung des Films aus.


Die Familie ist ratlos. Der Vater spielt eine nichtssagende Nebenrolle, die Mutter ist überfordert, denn sie hat noch ein zweites Kind, einen stark gehbehinderten Jungen, etwa im Alter der Schwester, die ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert. Die rat-und hilflose Mutter erhofft sich Hilfe von einer psychiatrischen Klinik, in die Lena eingewiesen wird.


Diese Klinik - das Gebäude wird mehrfach eingeblendet - gleicht einem schmutzigen, vergitterten Gefängnisbau. Über die absurde Elektroschockbehandlung wurde bereits berichtet. Ebenso schlimm sind die Gruppentherapiesitzungen, in denen die jungen Insassen der Psychiatrie über sich und ihre jeweiligen traumatischen Erfahrungen sprechen.


Ja, hier wird gesprochen, aber derartig obszön, sadistisch, hasserfüllt, mit unverhüllter Aggressivität, dass es die Zuschauer*innen fassungslos macht. Gruppentherapie soll das sein? Eine solche Art der Gruppentherapie ist Fortsetzung, wenn nicht Steigerung der Missbrauchserfahrungen der Betroffenen.


Die Zimmernachbarin von Lena in der Psychiatrie, Iva, nimmt sich infolge der Destruktivität, die sie in der Gruppentherapie und überhaupt in dieser Klinik erfährt, das Leben.


Ja, dieser Film mutet einiges zu. Noch eine weitere bedeutsame Szene soll angesprochen werden. Lenas Freundin Roza, die von der Vergewaltigung ihrer Freundin noch nichts weiß, sehnt sich nach einem sexuellen Abenteuer. In den Vergewaltigerlehrer ist sie verknallt. Sie macht sich an ihn heran, flirtet mit ihm, bietet sich förmlich an. Macht man das nicht so? Sie hat keine Ahnung, sie probiert es halt. Die Reaktion des Lehrers? Voller Verachtung: Sie verhalte sich ja wie eine Hure. Er geht einfach, lässt sie heulend zurück.


Dieser Vergewaltiger, diese einigermaßen sympathisch, harmlos daherkommende Lehrer, braucht also die Gewaltanwendung für seine Vorstellung von Sexualität. Diese Schlussfolgerung legt der Film nahe.


Die 1988 in Bratislava geborene Regisseurin Tereza Nvotová, die in Prag lebt und Regie studiert (»Schmutzig« ist ihr erster Langspielfilm), wird es sich reiflich überlegt haben, wie ein solcher Film, in der eine katastrophale Erfahrung der nächsten folgt, enden sollte. Die schlimmste, realistischerweise naheliegende Version wird dem Zuschauer nicht zugemutet. Die Protagonistin, die von ihrer Mutter in einer Nacht-und Nebelaktion aus der Klinik geholt wird, nachdem sie endlich verstanden hat, was ihrer Tochter widerfahren ist, findet am Ende des Films ihre Sprache zurück. Sie kann den Täter in einer weiteren einprägsamen Szene, in der ihr Bruder, der mit dem gleichen Lehrer Gewichtstraining macht, anwesend ist, mit seiner Tat konfrontieren.


Dieser Bruder begreift, was der Schwester angetan wurde und schreit: »Ich bringe dich um!« Die Bruder-Schwesterbeziehung ist von der Regisseurin glänzend ins Bild gesetzt worden. Hassausbrüche wechseln sich ab mit unbeholfen anmutenden Gesten der Zuneigung. An entscheidender Stelle dominiert die Solidarität mit der Schwester.


Dieser Film, das sollte deutlich geworden sein, ist außerordentlich sehenswert, ist es wert, dass man über ihn nachdenkt, über ihn spricht, in den Familien von Adoleszenten, in den Schulen, unter den Jugendlichen. Seht euch diesen Film an, Leute, möchte man rufen.


Ach, noch etwas Wichtiges: in dem Gedichtband »Des Menschen Element« der Autorin Ellen Hinsey (Matthes& Seitz Berlin, 2017) geht es unter der Überschrift »Zeugnis über das, was wichtig ist« um eine Gerichtsverhandlung, in der eine Folterszene verhandelt wird. Das Gericht ermahnt den Zeugen: »Uns interessieren nur die Fakten.«


Der Zeuge aber insistiert, er müsse etwas hinzufügen, »etwas Wichtiges«. Er habe den Folterer gekannt. Er fragte diesen, »ob er wisse, was er da tue«. »Weißt du, was du da tust?« Der Folterer habe auf diese Frage nicht geantwortet. Diese Frage, sagt der Zeuge vor Gericht, sei wichtig gewesen.


Diese Frage: »Weißt du, was du da tust?« müsste auch dem Lehrer in dem Film »Schmutzig« gestellt werden, müsste jedem Vergewaltiger gestellt werden, jedem, der Gewalt ausübt.


Foto:  links die Freundin, rechts Lena (Dominika Moráková) (c) goeast.de


Info:

Jahrgang 2017

ŠPÍNA
SCHMUTZIG

Tereza Nvotová
Tschechische Republik, Slowakische Republik 2017 / 87 Min

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