Alma Mahler-Werfel: Femme fatale und unheilbare Antisemitin, Teil 9/9
Elvira Grözinger
Berlin (Weltexpresso) - Almas deutschnationale Ansichten wurden durch ihre Freundschaft mit dem Ehepaar Gustave Otto und Gusti Arlt genährt und verstärkt. Sie machte die Bekanntschaft der beiden ausgerechnet bei Arnold Schönberg. Gustav Arlt, Sohn deutscher Einwanderer, lehrte Literaturwissenschaft an der University of California. Für Albrecht Joseph, dessen Erinnerungen Hilmes vielfach verwendet, waren sie aufdringliche Wichtigtuer und politisch hochgradig suspekt. Arlt war ein überzeugter Antikommunist, Antisemit und dem deutschen NS-Regime nahestehend. Das Paar hetzte Alma geradezu gegen alles Russische und Demokratische auf, was ihr willkommen war, denn sie gab zu, „dass ein Teil ihrer Anziehungskraft für sie darin bestand, dass sie reine Deutsche waren.“
Werfel konnte die beiden nicht ertragen. Gusti Arlt war für ihn „die schlimmste Karikatur einer deutschen Hausfrau, die man sich überhaupt vorstellen konnte […] grotesk hässlich und dick […]“. Als Werfel die Nachricht erhielt, dass sein Vater am 31. Juli 1941 in Marseille gestorben war, drängten sich die Arlts ihm auf und schlugen eine Besichtigungstour mit gemeinsamen Abendessen vor. Da Alma wie immer völlig herzlos reagierte und den Vorschlag begeistert aufnahm, ging Werfel unwillig mit, um Alma nicht zu verärgern.
Einer von Werfels engsten Freunden im Exil war Friedrich Torberg (1908-1979), den er flüchtig von Wien her kannte. Torberg bewunderte Alma zwar als starke Frau, ärgerte sich aber immer über ihre Dialogunfähigkeit, während sie ihm in ihrer selbstsüchtigen Art heftige Vorwürfe machte, weil er Werfel geschrieben hatte, dass in New York er und nicht sie das Thema der Gespräche war. Das ertrug Alma nicht und ihr Judenhass kam wieder zum Tragen: „Bös‘ war ich Dir, als Du Franzl schriebst, Ihr habt viel über ihn gesprochen! Bin ich denn ein Hund? Ich bin Euch halt doch fremd, Ihr bösen Juden Ihr! […] Und wenn Ihr unter Euch seid, lass Ihr mich unter den Tisch fallen!“ Torberg glaubte immer noch, sie mit Gegenargumenten besänftigen zu können und beeilte sich zu versichern, dass sie, die „liebste Freundin“ von allen geliebt sein würde. Alma veranstaltete Empfänge, bei denen sie sich in den Erfolgen ihres auch nunmehr in den USA immer erfolgreicheren Gatten sonnte – insbesondere 1942 nach dem Erscheinen seines The Song of Bernadette - und die von berühmten Emigranten, nicht ohne die Arlts, frequentiert wurden.
Währenddessen gärte es zwischen den Eheleuten, weil Alma Werfel ständig Vorhaltungen machte, dass sie nur seinetwegen die Heimat verließ, während es die Juden angeblich freudig und freiwillig taten - ihr bodenloser Zynismus verletzte ihn zutiefst, wogegen er aber machtlos schien. Sie meinte damit auch Werfels Mutter und Schwester, die nach dem Tod des Vaters in die USA flüchten konnten: „Die Juden erleben jetzt noch eine Prüfung, noch eine Strafe drauf […]. Die Jüngeren haben sich nach Amerika gerettet und die Alten blieben zurück und gedachten in der wohlbekannten Umgebung ihr Leben zu beschließen. Aber Hitler lenkte anders. Und nun müssen die Juden alles tun, um die alten Juden – innerlich weit entfernt - mit ungeheuren Geldopfern herüber kommen zu lassen.“ Alma pflegte stets die Klagen über die Horrortaten der Nazis mit Gegenargumenten zu bagatellisieren. Sie meinte, man sollte nicht verallgemeinern, die Nazis hätten schließlich auch viele lobenswerte Dinge vollbracht und „diese Horrorgeschichten seien von den Flüchtlingen erfundene Phantasiegespinste.“ Sogar ihren zeitweise-Schwiegersohn, Annas 4. Mann, den aus Russland stammenden Dirigenten Anatol Grigorjewistch Fistoulari, hasste sie, als sie erst Jahre später erfuhr, dass er Jude war.
Während die Juden den Zusammenbruch des Hitlerreiches als Befreiung erlebten, empfand Almas Familie ihn als persönlichen Untergang. Almas Halbschwester Maria und ihr Mann Richard Erbstaller, beide langjährige Mitglieder der NSDAP, sowie Almas Stiefvater Carl Moll nahmen Gift, weil für sie das Leben ohne Hitler sinnlos erschien. Hollnsteiner, Almas früherer Liebhaber, nahm bald nach Kriegsende den Kontakt zu ihr wieder auf, der seit 1938 abgebrochen war. Er erklärte: „Da man mir die Freundschaft mit Euch u.a. zum Vorwurf gemacht hatte, konnte ich ja leider nicht wagen an Euch zu schreiben, ohne mich aufs neue schwer zu gefährden.“ Er war aus dem Orden ausgetreten, was alle schockierte und hatte auch geheiratet und Alma, die das auch als einen Verrat ansah, antwortete ihm kalt, nahm Abschied und siezte ihn dabei. Allerdings hat sie, mit 75, sich seiner wieder erinnert. Ihre Unstetigkeit auch in den persönlichen Kontakten war stets darauf gerichtet, wo sie es als lohnend sah, auch nach Konflikten einen positiven Eindruck zu machen und Sympathie zu gewinnen.
Alma wurde am 8. Februar 1965 an der Seite ihrer Tochter Manon auf dem Grinzinger Friedhof beigesetzt. Die Trauerrede sollte ihr langjähriger Freund Carl Zuckmayer halten, sagte aber ab. Er schrieb an Albrecht Joseph die Begründung für seine Absage: „Offen gesagt, […] hätte ich ohnehin keine rechte Lust gehabt, sie noch einmal (in New York) wiederzusehen, - so sehr ich immer die Stärke und das Einmalige ihrer Persönlichkeit geschätzt und bewundert habe. Doch ist sie mir, bei allem Spaß, den man an der Buntheit, Farbigkeit, Lebensbegabung, sogar an der Hemmungslosigkeit und Gewalttätigkeit dieser Natur haben konnte, durch dieses allzu hemmungslose Memoirenbuch, (dem allerdings etwas Gigantisches, nämlich an Taktlosigkeit und Verfälschungen, innewohnt), recht zuwider geworden. […] So hat die Nachricht von ihrem Tod bei uns zwar viel Erinnerung, gute, heitere, beklemmende, aber keine ausgesprochene Trauer hervorgerufen.“
Die Stärke, die so oft bei Alma als Eigenschaft erschien, war um so prononcierter, je schwächer die Männer waren, an denen sie diese exerzierte. Oft waren ihre männlichen Partner kleiner als sie und signalisierten damit bereits ihre Unterlegenheit. Sie, die „Arierin“, wie sie sich gern definierte, dominierte die in ihren Augen schwächeren und minderwertigeren jüdischen Männer, deren „Genie“ sie allerdings suchte. Im Laufe der Zeit wurde Alma „eine der Großen Liebenden aller Zeiten, ein Überweib im Stil der Renaissance, eine Halbgöttin“, schrieb Albrecht Joseph, die sich „für die Muse großer Künstler hielt, ohne es zu sein.“ Aber dieses Image, das ihren Nachruhm bestimmt – „the Great Alma“1 - es war alles an ihr groß, das Selbstbewussstsein, die Statur, der Busen und die große Anzahl ihrer berühmten Männerkontakte - beruhte vielfach auf ihren Selbsstilisierungen, welche der Wiener Feuilletonist Hans Weigel parodiert und ad absurdum geführt hat. Er persiflierte Almas Autobiographie Mein Leben, die später von dem Schriftsteller und Literaturkritiker Hans Wollschläger als „hochtrabendes, bis zur Hirnrissigkeit konfuses Geschwätz“ verrissen wurde, und von der er meinte, dass „nur das bisschen Unterleib“ bleibt. Alma schaffte es allerdings, bereits zu Lebzeiten ein Mythos zu werden – geliebt und gehasst, verehrt und abgelehnt, bewundert und verachtet. Sie war in Ermangelung anderer Errungenschaften ihr eigenes größtes Kunstwerk, das „Große“, das sie immer schaffen wollte und es ist ihr gelungen.
Anmerkungen
1 „Big Alma“. Vgl. der Dokumentar-Film von Susanne Freund über sie: https://www.youtube.com/watch?v=pCMGbC2oBF8
Foto:
©https://www.alma-mahler.at/deutsch/almas_life/almas_life5.html