Neue Serie 2026: Schreibwettbewerb. Was bedeutet Pressefreiheit heute – jenseits von Schlagzeilen und Sonntagsreden?, Teil 4/Viktoria Krischer
Leipzig (Weltexpresso) - Apfel, Birne, Mango, da eine Traube, grüne und rote… Lilli spießte eine joghurtgetränkte Traube auf und hielt sie gegens Licht wie andere ein Weinglas. Sie steckte sich die Traube in den Mund und kaute zufrieden. Ganz viel Joghurt, ein paar Haferflocken und eben Obst… Was einen am Morgen so beschäftigt. Lilli schaute ihren Vater an, der sich in die Zeitung vertieft hatte. „Hast du die Titelseite schon gelesen?“, fragte sie. Ulrich, der Vater; grunzte und schlug die Titelseite auf. „Grobe Verstöße gegen die Pressefreiheit –
unfassbar – Rathaus Hinterwaldbach reagiert mit Drohmails auf Berichterstattung der Regionalpresse – so was in unserm Land! Das es schon so weit gekommen ist…“, schimpfte er und blätterte zu Seite sechs, zurück zu den Pandababys.
Lilli seufzte, er hatte das Gedicht nicht gesehen, das als Gedicht des Tages im örtlichen Käsblatt veröffentlicht wurde. Provokativ schmatzte sie, bis zum Müslischalenboden, doch der Vater erwiderte mit Schlürfen und stellt laut klirrend die Kaffeetasse ab. „Ah…“, machte er voller Genuss. Geht’s uns gut, hätte seine Mutter gesagt. Dann faltete er die Zeitung zusammen und nahm die Aktentasche: Ulrich Rademeier war Bürgermeister von Vorderbachwald und soeben auf dem Weg zu seinem Rathaus. Lilli ließ von der Zeit überrrascht den Löffel fallen, schnappte ihre Schultasche und warf einen letzten Blick auf die grandiose Titelseite, ehe sie kurz vor acht das Haus verließ. Das Geschirr stand noch am Tisch, das Licht brannte noch, wie zu den Zeiten, als Ellen Rademeier, Ulrichs Ehefrau und Lillis Mutter, noch lebte. Lillis Mund von einem Lächeln umspielt wiederholte siegesgewiss die eigenen Verse:
Meldungen über Untaten
Durchgekaut
Ausgespuckt
Angeschaut
Wenn es juckt
Wen juckt’s?
Mich nicht.
Was für ein Triumph, vor allem gegenüber dieser Erbsenzählerin von Deutschlehrerin!
„Ich hab euch was mitgebracht.“ Frau Markus kicherte. „Schaut mal“, verlangte sie und projizierte das Gedicht des Tages ans Whiteboard, „von Lilli Rademeier. Wer hätte das gedacht? Wir haben eine Dichterin unter uns.“ Lilli starrte stur auf die Tischplatte und spürte ihre Ohren glühend heiß werden. Die Mitschüler lasen, manche zumindest und wohl zum ersten Mal in der „Zeitung Vorderbachwald“. Das wollte sie doch, oder? „Analysiert mal“, gluckste die Lehrerin, „na?“ Keiner meldete sich. „Kommt schon.“ Frau Markus bettelte geradezu. „Ist das ein Sonett?“, fragte sie und riss erwartungsvoll die Augen auf. „Nein“, beantwortete sie ihre eigene Frage, als sich Rasmus meldete. „Ja bitte“, rief sie breit grinsend auf. „Ich denke, das Gedicht kritisiert in wenigen Worten das kurzlebige Interesse…“ – „Äh, Rasmus?“, unterbrach die Lehrerin und ihr Grinsen fror fest. „ … an Presseerzeugnissen, ohne den tieferen Sinn oder die Tragweite zu erfassen …“ Der letzte Teil ging in der plötzlichen Geschäftigkeit der Lehrerin unter, die wahllos nach Stiften griff und in ihren Unterlagen wühlte. „ … beziehungsweise vielmehr ohne diese erfassen zu wollen.“ Frau Markus schaute auf und verzog ihren Mund zu einem schmerzhaft breiten Grinsen: „Schön, Rasmus. Unterhaltet euch darüber in der Pause.“ Und dann machte sie Deutschunterricht.
„Lilli“, rief Rasmus durch das Gewühl von Schülern und Schulranzen, „Lilli.“ – „Ja?“ – „Lass dich von der Schnepfe nicht unterkriegen. Ich find’s cool“, meinte er und lächelte. „Ich wär eben am liebsten gestorben“, gestand Lilli, aber zu leise, als das man es auf einem Schulgang bei Stundenwechsel hätte verstehen können. „Was hast du gesagt?“, fragte Rasmus ehrlich interessiert nach. „Ach nichts“, sagte sie und machte eine wegwerfende Handbewegung, „freut mich, dass es dir gefällt.“ – „Klar, bis später“, erwiderte er, lächelte nochmal und verschwand. Lilli ließ die Schultern hängen. War das alles?!
„Zeitung Vorderbachwald“ stand in ehernen Lettern über dem Eingang zur Redaktion des Provinzblatts. Stolz ging Lilli hinein, quasi offiziell und hüpfte wie gewohnt in den ersten Stock. Der nette Herr Riegel, der Chefredakteur, leitete mit dem Rücken zur angelehnten Tür eine Besprechung. Neben ihm stand das riesige, bunte Bonbonglas, noch aus den Zeiten, als Ellen Rademeier hier Chefin war. Die Stimmung schien schlecht, Lilli zögerte. Manche im Team bemerkten sie – Lilli kannte jeden, jeder sie – auf einmal irritiert. Herr Riegel drehte sich um. „Raus mit dir! Raus!“, polterte er und schlug mit aller Kraft die Tür zu. Lilli blinzelte erschrocken. Was war das denn? Normalerweise war es umgekehrt, man lud sie ein, stritt richtig um ihre Gunst. Sie war das Nachwuchstalent, das irgendwann bei einer großen, bei einer überregionalen Zeitung landen würde. Lilli konnte sich auch vorstellen, beim Fernsehen zu arbeiten, obwohl sie das dem papierverliebten Herrn Riegel gegenüber nie zugeben würde; Nachrichtensendungen machen, deutschlandweit…, weltweit. Lilli ging nach Hause. Das war ein komischer Tag. Der erste Tag als veröffentlichte Autorin, das hatte sie sich irgendwie besser vorgestellt.
*
Lilli beobachtete ihren Vater. Er saß wie immer seelenruhig schweigend am Frühstückstisch und las die Zeitung. „Zensur in Vorderbachwald…“ Ulrich las die Schlagzeile. „Jetzt macht mal halb lang“, kommentierte er und blätterte zu Seite sechs. Heute ging es um Maniküre bei den Kragenbären. Lilli beugte sich tief über ihre Müslischüssel, um den Artikel auf der Titelseite lesen zu können. „Nach dem beunruhigenden Vorfall in Hinterwaldbach ist nun auch die „Zeitung Vorderbachwald“ betroffen. Am gestrigen Nachmittag traf ein Brief in der Redaktion ein, der eine „Begutachtung“ der Artikel zum derzeitigen Wahlkampf um das Bürgermeisteramt Vorderwaldbach vor dem Druck durch selbiges verlangte. Außerdem wurde zu positiver Darstellung des Amtsinhabers und Kandidaten Ulrich Rademeier geraten. Bei „Zuwiderhandlung“ drohte man, dass das Finanzamt die Redaktion „besonders gründlich“ überprüfen würde. Unklar ist, wer den Brief geschrieben und in den Redaktionsbriefkasten geworfen hat. Aber anhand des Stempels konnte eine Verbindung zum Rathaus festgestellt werden. Der Verdacht verdichtet sich…“ Und so weiter. „Zu guter Letzt: Niemand soll an unserer Berichterstattung zweifeln müssen. Wir vertrauen auf den Rechtsstaat, wir lassen uns nicht unterkriegen!“ Lilli lehnte sich zurück, überlegte, schaute ihren Vater an, der in stoischer Gelassenheit frühstückte und sich über Kragenbären informierte.
Keiner ihrer Klassenkameraden oder deren Eltern lasen die Lokalzeitung, am wenigsten der Politiklehrer. Er hatte einen gewaltigen Schnauzbart und eine kleine, silberne Brille, schlürfte pausenlos schwarzen Kaffee und trug schlabbrige Pullover. Herrn Fitz war im Grunde alles egal. Von den 45 Minuten, für die er bezahlt wurde, hielt er höchstens 20 Minuten Unterricht. So stand er eben vor der Tafel, schlürfte Kaffee und verlor dazwischen ein paar Sätze zur Politik im Allgemeinen… und im Speziellen…, als Lilli aufsprang, etwas von Klo murmelte und die Schule verließ. Dieser unsägliche Verdacht gegen ihren Vater! Das konnte nicht stimmen. Und außerdem so lächerlich. Ohne Konkurrenten war es ein Leichtes die Wahl zu gewinnen. Nur der Ortsverband der Sozialdemokraten schickte die immer gleiche ewig Hundertjährige ins Rennen. Ulrich Rademeier war beliebt, der unangefochtene Bürgermeister. Aber trotzdem… Es stand in der Zeitung.
„Papa!“, rief Lilli und platzte ins Büro des Bürgermeisters. „Hoppla“, meinte Ulrich unbewegt. Dann setzte er die Lesebrille ab, legte die Arbeit beiseite und schaute seine Tochter an. Lilli blinzelte. Was wollte sie sagen? Vor allem wie? „Hast du die Zeitung gelesen?“, fing sie zögerlich an. „Natürlich“, erwiderte Ulrich gelassen, „wusstest du, dass die Kragenbärdame alle zwei Wochen-“ – „Die Titelseite“, unterbrach Lilli angespannt. Ulrich zog fragend die Augenbrauen hoch. „Die Zeitung wird zensiert“, erklärte sie schrill. „Das behauptet sie zumindest.“ – „Zensiert!“, wiederholte Lilli beinahe hysterisch. „Ein bisschen Zensur kann dem Blatt nicht schaden.“ – „Papa!“ – „Ich bitte dich, die Artikel lesen sich, als kämen sie direkt aus der SPD-Pressestelle.“ – „Das ist eine ganz normale Partei.“ – „Natürlich, aber die Frau nicht; die ist eine Bolschewistin im wahrsten Sinne des Wortes, schwärmt von der Räterepublik direkt nach der Revolution und hat immer noch nicht begriffen, dass der Eiserne Vorhang gefallen ist, geschweige denn, dass Stalin, Mao und wie sie alle heißen nicht Helden, sondern Schwerverbrecher sind“, meinte Ulrich ohne Emotion. Lillis Blick wanderte unruhig. „Ich weiß ja, dass Herr Riegel politisch ziemlich links ist; aber so eine Drohung“, spuckte sie verächtlich aus, „das ist ekelhaft!“ – „Dein Herr Riegel kann-“ – „Das ist nicht mein Herr Riegel“, fuhr sie rüde dazwischen. „Du nimmst ihn gerade in Schutz“, entgegnete ihr Vater unaufgeregt. „Ich nehme nicht ihn in Schutz, sondern die Pressefreiheit!“, erklärte Lilli und hätte am liebsten auf den Tisch gehauen. Ulrich schaute sie an, dann seine Armbanduhr. „Geh zur Schule“, sagte er. Lilli ließ die Schultern hängen, klappte den Mund ratlos auf und zu. Sie hätte gerne gewusst, was sie von der Geschichte halten soll. Schließlich zog sie ab. „Wenn es auf der Titelseite herausposaunt wird, kann’s so schlimm nicht sein“, bemerkte Ulrich in versöhnlichem Ton. Lilli blieb in der Tür stehen. „Das ist einfach so lächerlich“, meinte sie. „Das ist es, lächerlich“, echote Ulrich und schob sich die Lesebrille auf die Nase.
*
„Ach je“, murmelte Ulrich Rademeier mit Blick in die Zeitung. Lilli löffelte müde ihr Müsli. „Was gibt’s?“, erkundigte sie sich. „Der Grizzly hat Magenprobleme. Vielleicht müssen sie ihn notschlachten“, erzählte er. „Ah ja“, nuschelte sie, als ihr die neue Schlagzeile auffiel: „Endlich Reichweite – Große Zeitungen berichten über die Vorfälle in Hinterwaldbach und Vorderbachwald.“ Lilli ließ den Löffel fallen und starrte ihren Vater an. „Hast du keine Angst?“, fragte sie. „Wovor?“, in Gedanken noch immer bei dem bedauernswerten Grizzly. „Dass du nicht wiedergewählt wirst“, fügte Lilli tonlos hinzu und erlaubte sich nicht, weiterzudenken. „Die Staatsanwaltschaften kümmern sich darum“, erwiderte Ulrich seelenruhig, „und um das Wahlvolk kümmere dich nicht. Heute ist’s in aller Munde, morgen vergessen. Wer will schon die Tragweite einer solchen Meldung erfassen… oder den tieferen Sinn…“ Ulrichs Blick verlor sich in einer anderen Welt. Vielleicht in einem Bärengehege.
Lilli lief mit hochgezogenen Schultern durch die Gänge und schaute nur auf den Boden. Sie hätte einen Kapuzenpulli anziehen sollen. Alle hatten es gelesen oder davon gehört: Ihr Vater hat die Presse angegriffen, das Fundament der Demokratie. Gestern war es ihr aufwühlendes Geheimnis, heute offenbarte Wahrheit. „Fräulein Rademeier, was hört man da?“ Sie begegnete Herrn Fitz, der ausnehmend gut gelaunt das schwarze Rinnsal von der weißen Kaffeetasse leckte, das drohte, zu Boden zu tropfen. Vielleicht sollte sie gar nicht nach Hause gehen. Aber wohin? Zu Rasmus? Um Himmels willen! Was für eine blöde Idee! Der war ohnehin nirgends zu sehen und selbst wenn… Er war krank, ließ sich aber mit großer Enttäuschung von seiner Mutter erzählen, was die Rademeiers doch für ein Sauhaufen seien. Man bedenke erst, als seine Frau noch lebte und Chefredakteurin war… eine unzüchtige Ehe, zwischen Presse und Politik! „Unzucht? Sagt man das heute noch?“, war alles, was Rasmus dazu einfiel. Dann hustete er.
*
Ulrich stand auf, faltete die Zeitung und legte sie behutsam seiner Tochter hin. „Es ist was Schreckliches passiert“, erzählte er betroffen, „einer der Tierpfleger ist im Eisbärengehege verunglückt.“ Lilli schaute ihren Vater lange an: „Über dich kann man sich nur wundern.“ Und Ulrich verzog das Gesicht zu einer leidenden Grimasse, als sei er selbst der Tierpfleger in der misslichen Lage: „Oder besser gesagt, der Eisbär hat ihn kaltblütig ermordet.“ – „Vielleicht hatte er Hunger?“, erwiderte Lilli lapidar. „Nein. Es war aus Zorn“, stellte Ulrich fest, schnaubte aufgebracht und ging ins Büro. Lilli nahm die Zeitung und las mit schreckgeweiteten Augen, fuhr mit den Fingern an den Hals und kratzte sich unwillkürlich, zupfte unzufrieden an dem Pullover rum. Vielleicht sollte sie sich einen anderen anziehen, einen, der weicher auf der Haut liegt… Sie sprang auf und setzte sich wieder. Was soll das? Sie, eine Doppelagentin?! Wer schrieb so was? Herr Riegel, klar. Hinter ihr tickte die Uhr. „Rufmord!“, zischte sie durch gepresste Lippen. Sie stand auf, stand rum, lief hin und her, setzte sich, stand auf, räumte den Tisch ab. Acht Uhr, Geographie… lass die Schule Schule sein, es gibt doch Wichtigeres! Die beiden Müslischalen in der linken, Ulrichs Kaffeetasse in der rechten Hand wankte Lilli in die Küche, es klapperte gefährlich. Wider Willen löste sich eine heiße Träne. „Ach, Scheiße“, fluchte Lilli und die Tasse fiel zu Boden, „ach Scheiße!“ Sie stellte die Schüsseln ab; völlig erschöpft, da war irgendwie keine Kraft zum Ärgern. Eine scheinheilige Lüge oder dachte Herr Riegel wirklich so schlecht von ihr?
„Zeitung Vorderbachwald“, derselbe Schriftzug über demselben Eingang, aber das Gefühl, mit dem Lilli das Gebäude betrat, war ein anderes, als ginge man ins Feindeslager. Die Tür zum Büro des Chefredakteurs stand offen. Herr Riegel lachte; er telephonierte und hatte die Füße auf den Tisch gelegt. Herr Riegel war ein ordentlicher Mensch mit guten Manieren. Er legte seine Füße nicht auf Tische, normalerweise nicht. Aber was war schon normal? Lilli blieb im Türrahmen stehen und beobachtete ihren Freund. Freund? Herr Riegel legte auf und sah sie an. „Ich dachte, wir wären Freunde“, sagte sie. „Als Redakteur hat man nur einen Freund, die Wahrheit“, antwortete Herr Riegel. „Ich merk’s mir“, murmelte Lilli, trat ein und machte die Tür zu. Sie warf ihm die Zeitung auf den Schreibtisch neben die munter wackelnden Zehen. „Nimm die Füße vom Tisch“, verlangte sie. „Du klingst wie deine Mutter“, grummelte Herr Riegel, gehorchte aber. Lilli war überrascht. Es lag in seiner Stimme weniger Wertschätzung für Ellen Rademeier, als sie erwartet hatte. Herr Riegel nahm die Zeitung und las sich den eigenen Artikel nochmal durch. Er lächelte. Siegesgewiss und selbstverliebt, wie Lilli zu erkennen glaubte. „Das ist gemein“, sagte sie. „Es ist die Wahrheit“, antwortete Herr Riegel. Plötzlich wallte Zorn in Lilli auf: „Ein Provinzblatt und ein Zwergenrathaus! Und ihr wollt euch eine Schlammschlacht liefern? Und zieht mich da rein?! Wer hat angefangen? Warst du’s?“ – „Wenn die Pressefreiheit beschnitten wird, ist das besorgniserregend. Wir können uns glücklich schätzen, dass ich die Missstände immerhin publik machen darf.“ Herrn Riegels Miene war hart und kühl, seine Art verklausuliert und abweisend. „Stimmt das überhaupt? Kam überhaupt ein Brief? Aus dem Rathaus?“, fragte Lilli barsch. „Dass du dich eines Tages würdest entscheiden müssen, war mir immer klar. Ich dachte nur, du würdest die Freiheit wählen.“ Sein Blick verklärte sich. „Die Wahrheit.“ – „Ja“, riss Lilli in bittersten Tonfall den Chefredakteur aus seiner Träumerei, „und ich dachte, du tust das auch. Ich bin minderjährig!“ Herr Riegel verschränkte die Arme und zog eine Schnute. „Was hätte ich denn machen sollen? Ich habe mir einen Ruf als Investigationsjournalist erarbeitet. Soll ich den verlieren?“ Er senkte den Blick und flüsterte: „Ich weiß eh nicht, was ich morgen schreiben soll.“ Missmutig schweifte sein Blick umher. „Vielleicht gibt’s was Neues aus Hinterwaldbach“, murmelte er. Lilli war fassungslos: „Und das sagst du mir? Ins Gesicht.“ Herr Riegel kniff die Lippen beleidigt zusammen. Lilli wusste nicht, was denken sollte, wollte gehen, machte aber kehrt und nahm das Bonbonglas ihrer Mutter mit. „Hinterwaldbach, gibt’s das überhaupt?“, grollte sie auf dem Flur.
Rat- und rastlos wanderte Lilli durch das Städtchen, ließ es hinter sich, schlug wie zufällig den Weg durch Wiesen und Äcker nach Hinterwaldbach ein. Vor dem Rathaus blieb sie stehen. Wer weiß, wie lange? Da trat ein älterer Herr neben sie und schwieg. Gab es die Drohmails? Gab es einen Skandal? Oder war der genauso erlogen wie die Mär von der Doppelagentin Lilli Rademeier, von der Schattenmacht, bei der die geteilten Gewalten zusammenliefen? Ganz sicher, so war es: Gelangweilte Provinzredakteure und gemütliche Bürgermeister, die von Pressefreiheit noch nie gehört haben, geschweige denn, dass sie auf die Idee kämen, selbige zu verletzen. Aber unangenehm war es trotzdem, ein unangenehmer Spuk… „Eine schlimme Geschichte, hier wie dort“, sagte der ältere Herr schließlich und nickte bedächtig, „und Sie; woher sind Sie?“ – „Aus Vorderbachwald“, antwortete Lilli. „Vorderbachwald“, wiederholte er und kramte in seinem Gedächtnis, „das gibt’s?“ Lilli war etwas erstaunt: „Nur fünf Kilometer von hier.“ – „Aha“, sagte der ältere Herr und ging weiter. Eine Alditüte schaukelte in seiner Hand. Lilli warf noch einen letzten Blick auf das Rathaus von Hinterwaldbach und trottete dann nach Hause.
Es war bereits dunkel und keines der Fenster erleuchtet. Lilli setzte sich auf die Stufen vor der Tür. Gedanken zogen wie eine Karawane in der Ferne an ihr vorbei. Wo ihr Vater war? Im Gefängnis. Wo sonst. Vielleicht sollte sie ihre Pläne für die Zukunft überdenken. Vielleicht… Es war leichter, sich an eine Meldung zu erinnern, die man für eine Lüge hielt, als an eine, die man unanfechtbar wahr glaubte. Wo war das Bonbonglas? Lilli, die seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, bekam Hunger. Was hatte sie damit gemacht? Die Antwort verschwand in schläfrige Erinnerung. Was ihre Mutter wohl davon halten mochte? Ihre Mutter…? Plötzlich erwachte Lilli aus ihrer Benommenheit, sie hätte sich mit der flachen Hand gegen die Stirn schlagen wollen. Ellens Todestag jährte sich und Ulrich war am Friedhof. Lilli sprintete los. „Da bist du“, sagte ihr Vater und schaute vom Grabstein nicht auf. „Ich war etwas durcheinander wegen dieser Zensurgeschichte“, erklärte Lilli entschuldigend und blieb in gewisser Distanz stehen. „Das hat für Nachahmer gesorgt, der Bericht über den Vorfall in Hinterwaldbach“, meinte Ulrich. „Willst du damit sagen, dass die Redaktion selbst schuld ist?“ Ein leiser Vorwurf, die Grabkerze flackerte friedlich. „Nein. Oder ja. Es ist halt so. Einer fängt an und andere machen’s nach.“ Ulrich grub die Hände in die Jackentaschen. „Ist das deine Ausrede?“, fragte Lilli scharf. Er wiegte den Kopf hin und her und horchte in die Dunkelheit. Dann lachte er ungläubig auf: „Ich bin Politiker und als solcher pragmatisch. Natürlich meint man mal, die Presse stünde einem im Weg. Das tut das Wetter auch. Aber erschieße ich deswegen den tüchtigen Petrus? Dadurch scheint die Sonne auch nicht häufiger.“ – „Wer war es dann?“, fragte Lilli sofort, sich ihrer Erleichterung kaum bewusst. „Und du hast tatsächlich geglaubt, ich hätte Zensur angedroht?“, hakte Ulrich nach. „Ich weiß es ehrlich nicht“, gestand er und spekulierte, „vielleicht war es die alte Kokmmunistin, so ein bolschewistischer Trick, das sieht ihr ähnlich…“ Ihm schien die Idee zu gefallen. Ulrich schob seine Tochter über den Friedhof Richtung Ausgang. „Ich habe dein Gedicht gelesen“, erzählte er, „es ist wirklich schön, prägnant. Mama wäre stolz auf dich.“ Er warf einen Blick zurück auf das gepflegte Grab. „Aber du musst nicht so pessimistisch sein“, riet er. „Nenn mir einen Grund, warum man sich nicht dem Pessimismus hingeben sollte.“ – „Oh“, machte Ulrich und überlegte, „es gibt nur Gründe, die für eine pessimistische Geisteshaltung sprechen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es besser ist, hoffnungsfroh durchs Leben zu gehen.“ – „Vielleicht“, erwiderte Lilli und dachte, dass ihr Vater wahrscheinlich genug Schlimmes erlebt hatte, um eine qualifizierte Meinung zu haben. Am Ausgang blieb sie stehen und zeigte auf ein frisch ausgehobenes Grab. „Das ist für den Tierpfleger. Er war aus der Gemeinde“, seufzte Ulrich. „Töten sie jetzt den Eisbären?“ – „Ich weiß nicht“, meinte er das quietschende Tor öffnend, „was man hoffen soll.“
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Info:
In Weltexpresso veröffentlichen wir bis zur Leipziger Buchmesse eine Auswahl der Shortlist-Texte zum Schreibwettbewerb "Die Freiheit, die ich meine. Pressefreiheit". Sie zeigen, wie gegenwärtig das Thema Pressefreiheit ist – und wie aufmerksam, reflektiert und sprachlich überzeugend sich insbesondere junge Menschen mit dem Zustand demokratischer Grundrechte auseinandersetzen. Begleitend läuft noch bis 11. März das Publikumsvoting, bei dem Leserinnen und Leser ihren Favoriten wählen können.