Neue Serie 2026: Schreibwettbewerb. Was bedeutet Pressefreiheit heute – jenseits von Schlagzeilen und Sonntagsreden?, Teil 5/
Selina Vale
Leipzig (Weltexpresso) - Der Morgen beginnt nicht mit Licht, sondern mit Staub. Er liegt wie eine zweite Haut auf allem, auf den Fensterscheiben, den Schuhen, den Gedanken. Wenn ich atme, schmeckt die Luft nach Beton und verbranntem Plastik. Irgendwo knattert ein Generator, ein Geräusch wie ein Tier, das nicht sterben will. Ich bin wach, seit die Nacht aufgehört hat, leise zu sein.
Mein Handy liegt neben mir, der Bildschirm schwarz. Kein Netz. Kein Empfang. Seit drei Stunden. Vielleicht länger. Zeit ist hier kein verlässliches Maß mehr, sie zerbricht in Geräusche, in Pausen zwischen Explosionen, in das kurze Schweigen danach, wenn alle warten, ob noch etwas kommt. Zwei Kollegen gelten seit gestern als verschollen. Ich sage gelten, weil das Wort weniger endgültig ist als sind.
Khaled und Miriam. Wir haben gestern noch zusammen Tee getrunken, süß und viel zu heiß, weil es nichts anderes gab. Khaled hatte gelacht und gesagt, dass er sich nie merken könne, wo Norden sei, weil hier ohnehin alles nach Süden falle. Miriam hatte ihr Aufnahmegerät überprüft, wie immer dreimal, gewissenhaft, fast abergläubisch. Jetzt sind sie verschwunden zwischen einem Krankenhaus und einer Straße, die keinen Namen mehr hat.
Ich sitze auf einer Matratze, die einmal weiß gewesen sein muss, und starre auf meine Kamera. Der Akku ist fast leer. Eine rote Linie, dünn wie ein Vorwurf. Ich habe gelernt, mit wenig auszukommen: wenig Strom, wenig Wasser, wenig Schlaf. Aber nicht mit wenig Wahrheit.
Draußen ruft jemand. Stimmen, hastig, durcheinander. Ich stehe auf, ziehe die Weste über, greife nach der Kamera. Mein Körper bewegt sich automatisch, als hätte er begriffen, was mein Kopf noch zögert zu denken.
Das Ereignis, um das es heute gehen soll, liegt drei Straßen weiter. Ein Luftangriff in der Nacht, ein Wohnhaus. Acht Tote, heißt es. Vielleicht mehr. Zahlen sind hier vorläufig, wie alles andere. Auf dem Weg dorthin sehe ich die Lücken. Häuser, die fehlen. Fassaden, die offen sind wie aufgeschlagene Bücher, deren Inhalt niemand mehr lesen kann. Ein Kinderzimmer ohne Wand, ein Bett, das in der Luft endet. Ein pinker Vorhang, der sich bewegt, als würde noch jemand dahinter atmen. Ich filme nicht alles. Manches bleibt absichtlich außerhalb des Rahmens. Nicht aus Rücksicht, sondern aus Angst. Vor dem, was ich später wiedersehen müsste.
Am Checkpoint hält man mich an. Ein junger Mann, kaum älter als zwanzig, die Waffe zu groß für seine Schultern. Er sieht mich an, lange. Ich halte seinen Blick aus. Wir spielen dieses Spiel jeden Tag. Wer zuerst wegschaut, verliert nichts und gewinnt nichts.
„Keine Aufnahmen“, sagt er schließlich. Seine Stimme ist müde.
„Ich bin Journalist“, sage ich. Das Wort klingt hohl, wie eine Münze, die schon zu oft den Besitzer gewechselt hat.
Er zuckt mit den Schultern. „Heute nicht.“
Ich gehe trotzdem weiter, langsam, ohne Hast. Die Kamera bleibt unten, aber sie ist da. Präsenz ist manchmal schon eine Form von Widerstand.
Am Haus angekommen, riecht es nach Rauch und etwas Süßlichem, das ich nicht benennen will. Menschen stehen herum, schweigend, manche weinend, andere mit dieser merkwürdigen Leere im Blick, die entsteht, wenn es zu viel geworden ist. Ich erkenne eine Frau, die ich vor Wochen interviewt habe. Damals ging es um Wasserknappheit. Jetzt hält sie ein Stück Stoff in der Hand, grau vor Staub. Vielleicht war es einmal ein Kleid. Vielleicht auch nicht.
„Du bist noch da“, sagt sie zu mir. Nicht als Frage.
„Ja“, sage ich. Ich weiß nicht, ob das eine gute Nachricht ist.
Ich beginne zu filmen. Zuerst die Trümmer, dann die Gesichter. Ein Mann zeigt auf eine Stelle im Schutt. „Hier“, sagt er. „Hier war das Schlafzimmer.“ Seine Stimme bricht nicht. Sie ist bereits zerbrochen.
Plötzlich wird es unruhig. Stimmen werden lauter. Jemand ruft meinen Namen. Ich drehe mich um. Ein lokaler Fixer, den ich flüchtig kenne. Sein Gesicht ist aschfahl.
„Hast du es gehört?“, fragt er.
Ich schüttele den Kopf.
„Khaled und Miriam. Man sagt, sie waren in der Nähe des Krankenhauses. Es gab Beschuss.“
Das Wort Beschuss fällt wie ein Stein. Es sinkt langsam, zieht alles mit sich nach unten. Ich sehe auf meine Kamera. Ich sehe auf meine Hände. Sie zittern. Nicht stark, aber genug, dass ich es bemerke.
„Ich muss weiter“, sage ich. Ich weiß nicht, zu wem.
Der Fixer packt mich am Arm. „Pass auf“, sagt er. „Sie wissen, wer filmt.“
Sie. Ein Wort mit vielen Gesichtern.
Ich gehe. Das Krankenhaus liegt nur ein paar hundert Meter entfernt. Die Straße dorthin ist voller Menschen, Tragen, Fahrzeuge, die zu schnell fahren für das, was sie transportieren. Sirenen. Schreie. Ein Chor aus Dringlichkeit. Das Krankenhaus war schon überfüllt, bevor es getroffen wurde. Ein Ort, der aus Atem besteht. Aus Warten. Aus dem Versuch, Ordnung in Schmerz zu bringen. Die Gänge riechen nach Desinfektionsmittel und Angst, eine Mischung, die sich festsetzt, egal wie oft man sie wegwischt.
Ich stehe nahe dem Eingang, die Kamera halb gehoben, halb vergessen. Ärzte laufen, nicht aus Panik, sondern aus Gewohnheit. Routine ist hier die letzte Form von Würde. Dann kommt das Geräusch.
Kein Knall zuerst, sondern ein Ziehen. Ein Riss in der Luft, als würde jemand den Himmel aufreißen. Der Boden unter meinen Füßen zögert einen Moment, als müsse er sich entscheiden, ob er noch tragen will. Der Schlag kommt wie ein Punkt am Ende eines Satzes, den niemand geschrieben hatte. Ein zu schweres Zeichen. Die Luft fällt in sich zusammen, als hätte sie ihr Gewicht vergessen. Staub steigt auf und legt sich auf alles, wie eine neue Grammatik: Alles ist grau, alles gleich wichtig, alles gleich zerbrechlich.
Der Einschlag trifft diesmal einen der hinteren Trakte. Nicht dort, wo man Bomben erwartet. Dort, wo Betten stehen.
Die Welt wird weiß. Nicht hell – leer.
Als der Ton zurück kommt, ist er zu groß für den Raum. Schreie prallen gegen Wände, die plötzlich zu dünn sind für das, was sie halten sollen. Staub fällt von der Decke wie ein zweiter Regen, trocken, erstickend. Ich schmecke Gips, Metall, etwas Bitteres.
„Raus!“, ruft jemand. „Rein!“, ruft jemand anderes.
Ich filme. Nicht, weil ich sicher bin. Sondern weil Aufhören sich schlimmer anfühlt.
Tragen kommen mir entgegen. Zu viele. Zu schnell. Auf einer liegt ein Mann, der die Augen offen hatte und doch nicht da war. Auf einer anderen ein Kind, das still ist, auf eine Art, die falsch ist. Stille sollte hier nicht sein. Eine Krankenschwester rutscht auf dem Boden aus, fängt sich wieder, flucht nicht. Fluchen braucht Zeit. Zeit ist weg.
„Das ist ein Krankenhaus!“, schreit jemand. Der Satz hängt in der Luft wie eine Anklage ohne Adressaten.
Ich sehe auf meine Hände. Sie sind ruhig. Das macht mir Angst. Ich zoome nicht heran. Ich bleibe auf Abstand. Nähe ist eine Entscheidung, die man später bezahlen muss.
In einer Ecke sitzt eine Frau mit einem Tropf im Arm. Sie hat sich nicht bewegt. Der Beutel über ihr schwankt leicht, als hätte er etwas gespürt. Sie sieht mich an, nicht bittend, nicht anklagend. Nur festhaltend.
„Sag ihnen“, sagt sie. Mehr nicht.
Ich nicke, obwohl ich nicht weiß, wer sie waren.
Ein Arzt schiebt sich an mir vorbei. Blut an den Handschuhen, an den Schuhen, im Gesicht wie eine zweite Maske. „Film das nicht“, sagt er, und dann, leiser: „Oder film alles.“
Die Decke im Flur hat Risse bekommen. Durch einen fällt Licht. Tageslicht. Unangemessen hell. Es beleuchtet einen Rollstuhl ohne Räder, eine offene Tür, ein Schild, auf dem Intensivstation stand. Das Wort wirkt plötzlich absurd, als hätte jemand es erfunden.
Ich dachte an Khaled. Er hätte den Winkel gewechselt, hätte etwas gefunden, das mehr sagt als Schreie. Miriam hätte die Stimmen eingefangen, die kurzen Sätze, die man später wieder und wieder hören muss. Ich habe nur meine Augen. Und das Gewicht dessen, was sie sehen.
Ein dritter Einschlag kommt nicht. Das macht es nicht besser. Die Erwartung bleibt, spannt sich wie ein Draht durch jeden Körper. Menschen bewegen sich vorsichtig, als könnten sie den nächsten Moment zerbrechen.
Ich senke die Kamera. Nicht aus Respekt. Aus Erschöpfung.
Draußen sammeln sich Angehörige. Namen werden gerufen, immer wieder dieselben, als könnten Wiederholungen jemanden zurückholen. Ein Mann hält ein Stück Papier hoch, darauf ein Name, sauber geschrieben. Er wirkt fehl am Platz zwischen Staub und Blut, diese Sorgfalt.
„Haben Sie ihn gesehen?“, fragt er mich.
Ich schüttele den Kopf. Er bedankt sich trotzdem.
Am Eingang des Krankenhauses steht ein Mann und winkt mich durch. „Film nicht“, sagt er, ohne mich anzusehen. „Nicht hier.“
Ich filme trotzdem. Nicht alles. Aber genug.
Ein Mann kommt auf mich zu. Uniform. Kein Namensschild. „Was du da hast“, sagt er und deutet auf die Kamera, „das bleibt hier.“
„Das ist meine Arbeit“, sage ich. Meine Stimme klingt fremd.
„Das ist Material“, sagt er. „Und Material ist Macht.“
Ich denke an Khaled. An Miriam. An die Geschichten, die sie noch erzählen wollten. Ich denke an all die Male, in denen ich gesagt habe, dass Berichten wichtig sei, notwendig, unverzichtbar. Ich denke auch daran, dass ich leben will. Der Mann streckt die Hand aus. Hinter ihm zwei weitere. Sie warten.
Ich könnte nein sagen. Ich könnte weglaufen. Ich könnte die Speicherkarte herausnehmen, heimlich, sie in den Schuh schieben, hoffen.
Ich denke an Pressefreiheit. Nicht als Wort, nicht als Recht. Sondern als diesen Moment, in dem eine Entscheidung schwerer wiegt als eine Kamera.
Ich reiche ihm die Kamera. Er nickt, zufrieden, als hätte ich etwas Kluges getan.
Draußen ist es wieder staubig. Wieder laut. Wieder dieser Morgen, der kein Morgen ist. Mein Handy vibriert. Ein Balken Empfang. Eine Nachricht, ohne Absender: Wir haben etwas. Nicht alles ist weg.
Ich bleibe stehen. Die Straße zieht sich vor mir auseinander. Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Über mir kreist etwas, das ich nicht sehe. Ich gehe trotzdem weiter. Ich gehe, weil Stehenbleiben hier verdächtig ist. Weil Bewegung Sicherheit simuliert. Weil man weniger auffällt, wenn man so tut, als hätte man ein Ziel. Die Nachricht auf meinem Handy verschwindet, kaum dass ich sie gelesen habe. Empfang ist ein flackernder Zustand. Wie Hoffnung. Wie Vertrauen. Ich weiß nicht, wer wir sind. Ich weiß nur, dass nicht alles ein Versprechen ist, das sich hier selten erfüllt.
Ich biege in eine Seitenstraße ein, schmal, übersät mit Glas. Meine Schritte klingen zu laut. Jeder Laut ist ein Bekenntnis: Ich bin hier. Ich sehe. Ich lebe noch.
In meinem Kopf laufen die Bilder weiter, auch ohne Kamera. Der Mann mit der ruhigen Stimme. Die Hand, die sich nach meiner Arbeit ausgestreckt hat.
Ich frage mich, wie viele Geschichten hier in Taschen, Schuhen, Körpern verschwinden. Wie viele Wahrheiten unterwegs verloren gehen, weil niemand sie tragen konnte, ohne daran zu zerbrechen.
In einem Hauseingang sitzt ein Junge, vielleicht zwölf. Er hält ein Handy in der Hand, der Bildschirm gesplittert, aber an. Er filmt etwas, das ich nicht sehe. Oder sich selbst. Oder mich. Ich sehe ihn an, hebe die Hand leicht. Er senkt das Handy nicht.
„Warum filmst du?“, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern. „Damit es da ist.“
Ich nicke. Damit es da ist. Nicht, damit es gesendet wird. Nicht, damit es geglaubt wird. Nur damit es existiert. Vielleicht ist das die letzte Stufe: die bloße Anwesenheit von Wahrheit, auch wenn niemand sie abruft.
Ich gehe weiter. Mein Presseausweis fühlt sich schwer an. Ein Stück Plastik mit meinem Namen, meinem Foto, einem Versprechen, das andere mir gegeben haben. Hier schützt er nicht. Hier markiert er. Am Rand der Straße treffe ich einen alten Mann, der Zigaretten verkauft, einzeln. Er erkennt mich nicht, oder tut zumindest so. Er fragt nicht nach Nachrichten. Niemand fragt hier nach Nachrichten. Man lebt in ihnen.
„Sie sagen, Journalisten sind Zielscheiben“, sagt er plötzlich, ohne mich anzusehen.
„Wer sagt das?“, frage ich.
Er lächelt schief. „Alle.“
Ich kaufe eine Zigarette, obwohl ich nicht rauche. Manchmal bezahlt man nicht für das, was man bekommt, sondern für das Gespräch.
„Warum bleiben Sie?“, fragt er.
Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder. Weil es meine Arbeit ist? Weil jemand hinschauen muss? Weil Wegsehen schlimmer ist?
„Weil ich noch hier bin“, sage ich schließlich.
Er nickt, als sei das Antwort genug.
Später, in dem Raum, den ich meine Unterkunft nenne, setze ich mich auf den Boden. Die Wände sind dünn, das Licht flackert. Ich ziehe den Schuh aus. In der Sohle spüre ich den harten Rand der Speicherkarte, die ich doch nicht abgegeben habe. Ein Reflex. Eine Trotzreaktion. Oder Feigheit. Ich weiß es nicht. Ich halte sie zwischen Daumen und Zeigefinger. So klein. So viel Gewicht. Darauf sind Bilder, die niemand sehen soll. Darauf sind Gesichter, die verschwinden könnten. Darauf ist vielleicht der letzte Beweis, dass Khaled und Miriam hier waren.
Ich denke an ihre Stimmen. An Khaleds schiefes Lachen. An Miriams Notizen, immer ordentlich, selbst im Chaos. Ich denke daran, wie wir uns gestern getrennt haben, beiläufig, ohne Abschied. Als gäbe es immer ein Später.
Ich könnte die Karte zerstören. Ich könnte sie verstecken. Ich könnte versuchen, sie rauszuschicken, wenn das Netz zurückkommt. Jede Option hat einen Preis.
Draußen wird es dunkler. Oder heller. Ich weiß es nicht. Der Himmel ist ein einheitliches Grau, durchzogen von Geräuschen. Ich höre Schritte auf der Treppe. Stimmen. Ich halte den Atem an. Zähle. Eins. Zwei. Drei.
Die Schritte gehen vorbei.
Mein Handy vibriert erneut. Ein Anruf. Unbekannte Nummer. Ich nehme ab.
„Du lebst“, sagt eine Stimme.
Es ist die Redakteurin aus der Zentrale. Tausende Kilometer entfernt. Ich stelle mir vor, wie sie in einem Büro sitzt, Kaffee trinkt, meine Welt auf einem Bildschirm.
„Noch“, sage ich.
„Hast du Material?“
Ich sehe auf die Speicherkarte. Ich sehe auf meine Hände. Sie zittern wieder.
„Ja“, sage ich.
Eine Pause. „Kannst du es schicken?“
Ich denke an den Mann im Krankenhaus. An seine Worte. Material ist Macht.
„Nicht alles“, sage ich.
„Schick, was geht“, sagt sie. „Die Geschichte muss raus.“
Muss. Ein starkes Wort. Ein bequemes Wort, wenn man nicht hier ist.
„Zwei Kollegen sind verschollen“, sage ich. Ich weiß nicht, warum ich das jetzt sage. Vielleicht, weil ich will, dass jemand ihren Namen hört.
Stille am anderen Ende. Dann: „Pass auf dich auf.“
Das Gespräch endet. Die Leitung auch.
Ich sitze lange da. Vielleicht Minuten, vielleicht Stunden. Zeit ist wieder dieses zerbrochene Ding. Schließlich stecke ich die Speicherkarte in das Handy. Das Netz ist schwach, aber da. Ich wähle ein paar Dateien aus. Nicht die deutlichsten. Nicht die gefährlichsten. Genug, um eine Geschichte zu erzählen. Nicht genug, um alles zu sagen.
Der Upload-Balken bewegt sich langsam. Ein Prozent. Zwei. Ich halte das Handy fest, als könnte ich es überreden. Draußen ein Knall, näher diesmal. Das Licht flackert. Bei fünfzehn Prozent bricht die Verbindung ab.
Ich lache leise. Ein Laut ohne Freude.
Später liege ich auf der Matratze. Die Kamera ist weg. Die Geschichte ist unvollständig. Die Nacht ist laut. Ich denke daran, dass Pressefreiheit oft als etwas Ganzes gedacht wird. Entweder da oder nicht da. Hier ist sie fragmentiert. In Bruchstücken. In Entscheidungen, die niemand sieht.
Kurz bevor ich einschlafe, schreibe ich eine Nachricht, ohne zu wissen, ob sie ankommt: Khaled. Miriam. Wenn ihr das lest: Ich habe nicht alles verloren.
Ich schicke sie ab. Dann lege ich das Handy weg. Draußen kreist wieder etwas über mir. Ich sehe es nicht. Ich höre es nur. Ich weiß nicht, ob morgen jemand fragt, was hier passiert ist. Ich weiß nicht, ob meine Bilder reichen. Ich weiß nur, dass ich da war. Und dass irgendwo eine Geschichte existiert, die noch nicht gesendet wurde.
Ein paar Nächte davor saßen wir auf dem Dach. Nicht, weil es dort sicherer war, sondern weil man von oben den Himmel sehen konnte. Ein Privileg. Der Himmel ist kein Versprechen mehr, eher eine Drohung mit Wolken.
Khaled hatte eine Dose Bohnen organisiert. Lauwarm. Wir aßen sie direkt aus der Dose, jede Gabel ein stilles Abkommen, dass niemand sich beschweren würde. Miriam saß mit dem Rücken zur Wand, die Knie angezogen, das Notizbuch auf den Oberschenkeln wie ein Schutzschild.
„Weißt du“, sagte sie, „früher dachte ich, Pressefreiheit bedeutet, alles sagen zu dürfen.“
Khaled lachte leise. „Und jetzt?“
„Jetzt denke ich, sie bedeutet, entscheiden zu müssen, was man sagt – und was man aushält.“
Der Wind trug Staub über das Dach. Er setzte sich in unsere Haare, auf unsere Lippen, in die Zwischenräume der Sätze. Ich sah Khaled an. Er hatte dieses Gesicht, das immer so aussah, als würde er gleich etwas Ironisches sagen, selbst wenn nichts mehr ironisch war.
„Wenn ich hier verschwinde“, sagte er, halb im Scherz, halb nicht, „dann schreib wenigstens meinen Namen richtig.“
„Du verschwindest nicht“, sagte ich.
Miriam sah mich an. Lange. „Hier verschwinden keine Menschen“, sagte sie. „Nur ihre Spuren.“
Wir schwiegen danach. Unter uns die Stadt, ein Körper voller Narben. Über uns das Brummen, weit weg, aber konstant, wie ein Herzschlag aus Metall.
Miriam erzählte von ihrem ersten Auftrag. Von einer Demonstration, irgendwo weit weg von hier. „Damals hatte ich Angst vor der Polizei“, sagte sie. „Jetzt habe ich Angst davor, dass niemand mehr zuhört.“
Khaled schnippte mit den Fingern, als würde er eine Fliege vertreiben. „Zuhören ist Luxus“, sagte er. „Überleben ist Pflicht.“
Ich dachte daran, wie oft wir uns selbst eingeredet hatten, dass unsere Anwesenheit etwas ändere. Dass ein Text, ein Bild, ein Satz Gewicht habe. Vielleicht stimmt das auch. Vielleicht ist Gewicht hier nur anders verteilt. Nicht auf Waagen, sondern auf Schultern.
Jetzt, Stunden später, fühlt sich diese Nacht an wie ein anderes Leben. Ein sauberer Schnitt. Davor: wir. Danach: Abwesenheit.
Abwesenheit hat ein Geräusch. Sie klingt wie ein Handy, das nicht mehr klingelt. Wie ein Rucksack in einer Ecke. Wie ein Name, den niemand laut ausspricht.
Ich trage ihre Stimmen mit mir herum wie Steine in den Taschen. Nicht schwer genug, um mich aufzuhalten. Schwer genug, um mich nicht vergessen zu lassen, warum ich hier bin.
Pressefreiheit ist kein Schild. Sie ist kein Schutzhelm. Sie ist ein offenes Fenster in einem Sturm. Manchmal fliegt etwas hinaus. Manchmal etwas herein. Manchmal bleibt nur der Lärm.
Als ich wieder an die Speicherkarte denke, sehe ich nicht nur Bilder. Ich sehe uns auf dem Dach. Die Dose Bohnen. Den Himmel. Ich frage mich, ob das auch Material ist. Ob Erinnerung zählt. Oder nur das, was man senden kann.
Draußen wird es wieder lauter. Die Stadt atmet unregelmäßig. Ich stecke die Karte zurück in den Schuh. Nähe ist hier die einzige Sicherheit, die bleibt.
Wenn morgen jemand fragt, was passiert ist, werde ich antworten müssen. Mit Worten, mit Lücken, mit dem, was fehlt. Wahrheit ist hier kein vollständiger Satz. Sie ist eine Aneinanderreihung von Fragmenten, die man zusammenhält, so gut man kann.
Ich weiß nicht, ob Khaled und Miriam noch irgendwo sind. Ich weiß nicht, ob meine Geschichte reicht. Ich weiß nur: Solange ich mich erinnere, ist nicht alles verschwunden.
In den Pausen, wenn nichts explodiert, wenn niemand ruft, wenn selbst die Angst kurz den Atem anhält, drängen sich andere Bilder vor. Sie kommen ungefragt. Unpassend. Wie Besucher, die den falschen Raum betreten haben.
Ich denke an Deutschland. An Küchen, in denen das Licht warm ist und bleibt. An Tische, auf denen Brot liegt, ohne dass jemand zählt, wie viele Scheiben noch da sind. An Kühlschränke, die summen, verlässlich, wie Haustiere, die man nie hinterfragt.
Ich sehe meine Mutter vor mir, wie sie das Fenster kippt, „damit frische Luft reinkommt“. Frische Luft. Ein Ausdruck, der hier keinen Sinn ergibt. Luft ist hier nie nur Luft. Sie ist Träger von Staub, von Lärm, von Möglichkeit.
Ich denke an meinen Vater, der Nachrichten schaut und den Kopf schüttelt. Nicht, weil er es nicht versteht, sondern weil Verstehen nichts ändert. Ich sehe ihn einschlafen, der Fernseher noch an, die Welt klein und rechteckig.
Freunde schicken mir Sprachnachrichten. Unbeschwert. „Pass auf dich auf.“ „Krass, was du erlebst.“ „Ich könnte das nicht.“
Ich höre ihre Stimmen in Cafés, draußen, irgendwo mit Bäumen. Sie reden über Termine, über Züge, die zu spät kommen, über das Wetter. Über Dinge, die man sich leisten kann, weil nichts Drängenderes dazwischenruft.
Ich beneide sie nicht. Und doch spüre ich etwas, das sich so ähnlich anfühlt. Es ist kein Neid auf ihre Sicherheit. Es ist das Wissen, dass Sicherheit unsichtbar ist für die, die sie haben. Wie ein Boden, über den man geht, ohne ihn zu sehen.
Ich stelle mir vor, wie sie jetzt gerade leben. Wie jemand lacht. Wie jemand einkauft. Wie jemand plant. Planen. Ein Wort wie aus einer anderen Sprache. Hier plant man nicht. Hier reagiert man. Von Minute zu Minute. Von Einschlag zu Einschlag. Zukunft ist ein kurzer Gedanke, den man sofort wieder fallen lässt, weil er zu schwer ist.
Ich frage mich, ob sie begreifen können, was ich sehe. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil manche Dinge eine bestimmte Nähe brauchen. Eine bestimmte Art von Luft. Eine bestimmte Bedrohung.
Ich frage mich auch, ob ich ihnen noch ähnlich bin. Oder ob sich etwas in mir verschoben hat, leise, unumkehrbar. Ob ich zurückkehren kann und mitreden, wenn sie über Kleinigkeiten klagen. Ob ich dann schweigen werde oder zu viel sagen.
Manchmal stelle ich mir vor, ich sitze wieder mit ihnen an einem Tisch. Jemand fragt: „Und? Wie war es?“ Ein einziges Wort für etwas, das keinen Rand hat.
Was antworte ich dann? Dass ein Krankenhaus atmen kann? Dass Staub ein Gedächtnis hat? Dass Pressefreiheit weh tut?
Ich denke an meine Familie, an ihre Körper, unversehrt. An Hände, die nicht zittern, wenn sie ein Glas halten. An Nächte, die wirklich Nächte sind.
Ich spüre Dankbarkeit. Und gleichzeitig eine Schwere, die ich nicht benennen kann. Vielleicht ist es Schuld. Vielleicht Verantwortung. Vielleicht die Erkenntnis, dass Nähe nicht nur schützt, sondern auch trennt.
Hier bin ich nah dran an dem, was passiert. Dort sind sie nah dran an mir – und doch so weit weg.
Ich merke, wie gut es ihnen geht. Nicht im Sinne von Luxus. Sondern im Sinne von Selbstverständlichkeit. Ihr Leben ist kein Ausnahmezustand. Meines ist es gerade vollständig. Dieser Gedanke ist leise, aber hart. Er legt sich über alles, was ich sehe.
Ich denke: Wenn ich hier bleibe, entferne ich mich von ihnen. Wenn ich gehe, entferne ich mich von dem, was ich gesehen habe. Es gibt keine Richtung, die nicht Verlust bedeutet.
Aber ich weiß: Solange ich erzähle, bleibt etwas von ihnen. Solange ich schreibe, verschwindet nicht alles. Solange ich hier bin, ist die Wahrheit nicht ganz allein. Und vielleicht reicht das. Nicht für Frieden. Nicht für Sicherheit. Aber für einen Satz, der bleibt.
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Info:
In Weltexpresso veröffentlichen wir bis zur Leipziger Buchmesse eine Auswahl der Shortlist-Texte zum Schreibwettbewerb "Die Freiheit, die ich meine. Pressefreiheit". Sie zeigen, wie gegenwärtig das Thema Pressefreiheit ist – und wie aufmerksam, reflektiert und sprachlich überzeugend sich insbesondere junge Menschen mit dem Zustand demokratischer Grundrechte auseinandersetzen. Begleitend läuft noch bis 11. März das Publikumsvoting, bei dem Leserinnen und Leser ihren Favoriten wählen können.