Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit in der Albertina Wien

 

Claudia Schulmerich

 

Wien (Weltexpresso) – Memoria: Gedächtnis, Andenken, Erinnerung an eine Person, auf jeden Fall alles gegen das Vergessen zu tun, war tiefverinnerlichter mittelalterlicher Glaube und galt erst recht für die monarchische Memoria. Mit dem Habsburger Maximilian I. haben wir nun gerade den, der einerseits mit der romantischen Bezeichnung „der letzte Ritter“ in der Spätgotik das Mittelalter abschließt, der andererseits aber als Herrscher und erst recht was seine Anstrengungen zur Memoria angehen, der erste und auf einen Schlag erfolgreiche Marktstratege der Moderne ist: der Marke Maximilian, der Marke Habsburg - unter Benutzung der damals neuesten Technologie: Holzschnitt und Buchdruck!

 

Das zeigt eine künstlerisch schwergewichtige Ausstellung in der Wiener Albertina, die umso bedeutender wird, wenn man erkennt, daß die Hauptwerke alle aus eigenem Bestand stammen, großzügig mit Leihgaben aus dem Kunsthistorischen Museum angereichert. Höhepunkt und eigentlicher Anlaß der Ausstellung ist der 1512-1515 von Albrecht Altdorfer – einem Meister der Donauschule, der meist durch die ALEXANDERSCHLACHT bekannt, dennoch auf eine künstlerische breite Memoria noch wartet - auf Pergament gemalte TRIUMPHZUG KAISER MAXIMILIANS, einst über 100 Meter lang, von denen 54 Meter erhalten sind und nach wunderbarer Restaurierung uns staunen lassen, was auf diesem Bilderfries zur Glorifizierung des Kaisers alles kreucht und fleucht. Natürlich muß man an Werke wie den Teppich von Bayeux denken, in dem die Normannen verherrlicht sind, und deshalb denken wir in dieser vor Kunstschätzen überbordenden Ausstellung bei uns: uns hätte dieser Triumphzug allein als Ausstellungsgegenstand schon gereicht, um uns Stunden zu fesseln und alles im Detail anzuschauen.

 

Deshalb können wir uns auch nicht bei den Vergleichen mit Andrea Mantegnas Cäsarzug  in Hampton Court aufhalten, obwohl das naheliegt, denn der Triumphzug ist eine antike Einrichtung und den von Maximilian hat es nie gegeben, genauso wenig wie die monumentale EHRENPFORTE errichtet wurde, die Albrecht Dürer – mit rund 40 Werken Hauptmeister dieser Ausstellung und einfach genial – 1515 mit Mitarbeitern und Albrecht Altdorfer schuf. Ein kolorierter Riesenholzschnitt von 195 Druckstöcken auf 36 Foliobögen in den Maßen 341 x 292 Zentimeter, die da nun einfach in der Albertina eine ganze Wand einnimmt. Auch diese EHRENPFORTE eigentliche eine Memoria, denn in ihr sind in Bild und Text zusammengetragen, was von Maximilians Ehre zeugt: dazu gehören Amtsvorgänger wie Julius Cäsar, aber auch König Artur, da wurde schnell einverleibt, was sowieso in Ehren stand, eine beliebte Machtstrategie des weitsichtigen Maximilians.

 

Und wir heute? Wir sehen uns satt an diesen kleinen toppgraphischen Dürer-Aquarellen und den herrlichen Gemälden von Hans Burgkmair und Bernhard Striegel. Letzterer hat diese Habsburger Version der Heiligen Sippe gemalt, zwischen 1515 und 1520, wo die Heiratspolitik, die die Habsburger berühmt, reich und mächtig gemacht haben, gerade besonders blühte. Über die schon 1482 gestorbenen Maria von Burgund wurde hier nachträglich Maria Cleophas geschrieben, über ihren Sohn Philipp, gest. 1506, dessen Heirat mit Johanna Spanien und die Neue Welt einbrachte, Jacobus Minor, der Kaiser selbst ist Cleophas und er hält im Arm die Riege der männlichen Familienmitglieder: Ludwig von Ungarn und die Erzherzöge Karl, der spätere Kaiser Karl V., und Ferdinand, nach der Abdankung Karls als Kaiser 1556 der deutsche Kaiser in Wien.

 

So wechselt die Perspektive beim Betrachten der schier unglaublichen Kunstgegenstände ständig zwischen Wirklichkeit, Anspruch und gewollter Memoria und man ist schnell eingebunden im System Maximilians, alles zu seiner Ehre zu verstehen, denn er war tatsächlich der Erste, der die Künste so umfassend damit beschäftigte, einen personellen Gedächtnis-Triumph zu gestalten. Das Glück beim Betrachten liegt dann öfter im Detail, wenn bei den Ahnen Maximilians im Triumphzug man diese endlich als Vorlagen für die Kaiserdarstellungen im Frankfurter Kaisersaal entdeckt oder beim noch nicht erwähnten DER GROSSE TRIUMPHWAGEN von Dürer – der dritten Großtat der Ausstellung als Entwurf um 1512, als Zeichnung von 1518 Feder in Braun aquarelliert und als Holzschnitt von 1522 – einem die Antikenrezeption auffällt, wenn der Wagen gezogen wird von den Tugenden: Vernunft, Ruhm, Erhabenheit, Würde und Ehre.

 

Die vier Herrschertugenden dagegen sind auf Postamenten rund um den Kaiser angeordnet: Gerechtigkeit, Stärke, Weisheit und Mäßigung, was zusätzlich die hinter dem mit einem weiteren Ehrenkranz versehenen Maximilian stehende geflügelte Victoria wahrlich auf die Spitze treibt, in dem sie ihn mit Lorbeer krönt. Ja, denkt man dann, da hat er doch etwas richtig gemacht, dieser Maximilian, mit seiner Memoria aus Künstlerhand: Reiche kommen und gehen, solche Kunst bleibt bestehen.

 

Bis 6. Januar 2013

 

 

Katalog:

 

Kaiser Maximilian I. und die Kunst der Dürerzeit, hrsg. von Eva Michel und Maria Luise Sternath, Prestel Verlag 2012. Gründe für den Kauf von Katalogen lassen sich immer anführen, oft geschieht dies der eigenen ‚Memoria‘ wegen, nämlich sich an diese Ausstellung als Sehende wiederzufinden und endlich genauer nachforschen zu können, was es mit manchen Künstlern oder Ereignissen auf sich hat. Dazu ist bei diesem Thema aller Anlaß, den der Katalog auch umfassend erfüllt. Damit sind nicht die 415 Seiten gemeint, die oft im Ganzporträt die Kunstwerke so dicht vor unsere Augen bringen, wie es die Möglichkeiten in der Ausstellung übersteigt, sondern damit ist die Vielzahl der Themen gemeint, die man bewältigen muß, will man einen historisch-geistesgeschichtlich-religiösen Hintergrund verbinden mit imperialer Machtpolitik und der Entwicklung der Künste, wie in dieser Zeit geradezu revolutionär durch Buchdruck und Reproduktionsmöglichkeiten für Bilder, was sich uns immer in den Werken dieser Künstler niederschlägt.

 

So wird erst einmal diesem Kaiser Maximilian Tribut gezollt, der nämlich seine bewußten imperialen Züge mit tiefen inneren Zweifeln ob der Richtigkeit seines Tuns und dessen, was Gott von ihm wollte, ‚bezahlte‘, eine so komplexe Figur, daß es mit der Biographie nicht getan ist. So werden auch mit „Der Kaiser stirbt nicht“ die transitorischen Aspekte des Maximilianeischen „GEDECHTNUS“ gewürdigt. Ausführlich wird das Hauptereignis, der TRIUMPHZUG unter dem Gesichtspunkt der jahrelangen Restaurierung geschildert und die einzelnen Hochburgen damaliger Malerei: Innsbruck, Tirol und Augsburg vorgestellt. Die Rezeptionsgeschichte des Kaisers vom 18. bis frühem 20. Jahrhundert zeigt, weshalb er bei uns allen so in Ehren steht.

 

Das waren nur die Essays. Ab Seite 130 beginnt der Katalogteil, der die Familie in Wort und Bild vorstellt – welch wunderbares Porträt ist das von Rogier van der Weyden um 1460 von Karl dem Kühnen, denen die Habsburger Burgund verdanken -, abgetrennt als eigenes Kapitel die machtstrategisch glorreiche einverleibte Genealogie und in der Folge der gesamte Abdruck des Triumphzuges in Groß- und Kleinaufnahmen, natürlich auch die anderen Ausstellungsexponate, die in der Besprechung zu kurz kamen, wie Landkarten, Wandkarten, Teppiche, Bücher, Büsten und Gegenstände.

 

Das Begleitprogramm einschließlich einer kaiserlichen Kunstwerkstatt entnehmen Sie bitte der Webseite.

www.albertina.at