Serie: SCHWARZE ROMANTIK. VON GOYA BIS MAX ERNST im Frankfurter Städel, Teil 2

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Dann kommen die Franzosen, die den Menschen in Händel verstricken, von denen die Liebeshändel die beliebtesten sind, aber auch die Fragen von Macht, die Shakespeare im Gewande trägt, die aber auch Goethes Mephisto bei Delacroix Flügel verleiht. Denen setzen die Belgier die Krone auf. Denn ein Gemälde wie HUNGER, WAHNSINN UND VERBRECHEN von Antoine Joseph Wiertz ward hier noch nicht gesehen, wobei man nicht entscheiden mag, was zuerst da war, der Wahnsinn oder der Hunger, auf jeden Fall ist die ihr eigenes (?) Kind um etliche Glieder reduzierende Frau schon starke Kost. Im Kessel sottet ein Kinderbein vor sich hin, während der Rest im blutigen Bündel in ihrem Schoß liegt.

 

Und jetzt die Deutschen. Sie bringen nicht Menschen, sie bringen als Ausdruck der Nachtseite die Landschaft. Schöne Beispiele von C.D.Friedrich zeigen genau diesen Übergang, wo aus Abendrot schon die Schatten der Nacht erwachsen und das große Thema die Einsamkeit wird. Es ist ein Zustand des Übergangs, den seine Bilder suggerieren, noch hält der Baum oder der Stamm den Sturm und das Leben aus, aber gleich kann er zerbrechen. Zwar gibt es ein Gemälde von

Alfred Böcklin in der Ausstellung, aber wenigstens eine Fassung seiner TOTENINSEL wäre nötig gewesen, um die Machart: Grauen ebenso wie Todessehnsucht, erkennen zu können. Moritz von Schwind hingegen bringt in seinen Märchenerzählungen schon etwas Glattes hinein, aber auch eine Form der weiblichen Gestalt, in der man die kommenden Stile ahnt.

 

Seltsam, jetzt ist uns der anschließende Symbolismus und erst recht der Surrealismus, die im zweiten Stock viel Raum haben, zu plakativ. Zu vordergründig. Die Alten haben das Grauen und die Nachtseite für uns eindrücklicher dargestellt, bis auf den einen, den wir hochhalten, Alfred Kubin und der uns als einziger auch noch einmal nachfragen läßt, wie das mit den Deutschen (und Österreichern und Schweizern) und ihren Bildererfindungen ist. Denn Kubin hat gleichermaßen Schrift und Stift zur Verfügung, um DIE ANDERE SEITE darzustellen.

 

Und dann trumpfen die Deutschen groß auf. Aus den literarischen Vorlagen von Mary Shelley und den Bildern von Goya bringen sie beispielsweise den Film FRANKENSTEIN, den die Ausstellung – wie gut! - in Ausschnitten zeigt, wie auch weitere Filme, die in Sondervorführungen im Filmmuseum vollständig gezeigt werden. Der gewählte Ausschnitt zeigt, wie sehr sich Regisseur James Whale auf den Horror aus gemalten Bildern bezieht und Boris Karloff wird zur schauerlichen Wiederverkörperung einer Goyagestalt. Nun war das ein schlecht gewähltes Beispiel, denn ausgerechnet dieser Film ist ein angloamerikanischer. Aber auf NOSFERATU, auf METROPOLIS, auf FAUST trifft das zu. Diese Filme zeigen: welche visuelle Kraft die Deutschen in den ZwanzigeR Jahren aufbringen, aus den literarischen Vorlagen menschliche Monster zu entwickeln, gegen die die heutige Gothic-Bewegung uralt aussieht.

 

bis 20. Januar 2013

 

Katalog: Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst, hrsg. von Felix Krämer, Verlag HatjeCantz 2012. Bei Ausstellungen wie dieser, die Gedanken befrachtet sind und deren Bilder nicht nur die Schauseite, sondern selbst auch ihre Rückseite haben, ist es immer besonders wichtig, den Kontext von Ausstellung und Werken noch einmal genau nachlesen zu können. Denn tatsächlich ist diese Bilderschau über die Nachtseite der Romantik nur mit dem literarischen Wissen, der Kenntnis der entsprechenden Filme, auch der Musik und der Theaterstücke erfolgreich zu verarbeiten, so viel Grausen und Gänsehaut auch das alleinige Schauen der Bilder in der Ausstellung produziert. In zwei Beiträgen zur SCHWARZEN ROMANTIK und UNHEIMLICHEN BILDERN gehen Felix Krämer und Johannes Grave den geistesgeschichtlichen Spuren nach, bevor Hubertus Kohle ALBTRAUM-ANGST-APOKALYPSE beschwört und damit das Unheimliche und Katastrophale in der Kunst der Moderne erläutert. Der Katalog versucht von Seite 54 bis 269 den ausgestellten Bilder mit nur kurzem Vorspann genug Raum zu lassen, was gelingt. Und dennoch sind wir froh, daß sich erneut Essays anschließen, die die Literatur als Vorläufer (Roland Borgards) und den Film als Nachmacher (Claudia Dillmann) beleuchten.