Otto Dix stand nicht alleine, ist der erste Blickeindruck in die zweigeschossige Ausstellunghalle und es ist nicht allein George Grosz, der ihn begleitet, sind diese beiden doch die bekanntesten Vertreter einer Gesellschaftsmalerei, die darunter die angeblich feine Gesellschaft genauso versteht wie die bitterarme Proletarierfamilie. Hier erst, angesichts so vieler Maler und auch Stilrichtungen innerhalb der einigenden Neusachlichkeit, woanders Verismus genannt, vermag man die Vielfalt und Differenzierung dieses Stils zu erkennen.

 

Daß die Kunststadt Dresden nicht nur im Jugendstil eine eigene Stilrichtung hervorbrachte, sondern auch zu einem wesentlichen Zentrum der Malerei der Neuen Sachlichkeit wurde, sieht man hier auf einen Blick. Die Heranziehung des eigenen Blicks liegt auf der Hand, den man erblickt eine Malerei, die wie mit dem Seziermesser gesellschaftliche und persönliche Gegebenheiten so messerscharf auf die Leinwand bringt, so unromantisch und kühl distanziert und von so gesteigerter Wirklichkeitsnähe, seien es das schlaffe Fleisch oder die Lebensverwüstungen in der Gesichtern, daß man sich unwillkürlich den Weichzeichner wünscht, damit diese Figur auf dem Bild oder die ganze Ansammlung nicht so schonungslos unseren Augen preisgegeben wäre.

 

Und gleichzeitig wird man lüsterner Voyeur. Nicht an den auch vorhandenen geschlechtlichen Darstellungen, sondern an der Aufdeckung des sonst verborgen Gehaltenen, an einer Lust zur Wahrheit, der Analyse von Personen und Zuständen und lauter solchen Entdeckerfreuden, zu denen diese Ausstellung einlädt. Aber erst einmal gilt es unter den über 70 ausgestellten Künstlern so viele, einem bisher unbekannte zu entdecken, daß man erbittert wieder einmal den Kopf schüttelt, wie dieser Nationalsozialismus uns Nachgeborenen die Wurzeln unserer eigenen Kultur  beschnitten hatte. Das gilt für die jüdischen Künstler, die emigrierten, so sie überlebten, sowieso, aber hier gilt es für die Vertreter einer ganzen Kunstauffassung, die von den Nazis verboten, verfolgt und versteckt wurden, was mit 1945 kein Ende hatte.

 

Erstens wirkte das den Deutschen implantierte Wertgefühl durchaus noch nach und zweitens war die Politik der westlichen Bundesrepublik nicht auf Aufdeckung der Verhältnisse gerichtet, sondern auf Anpassung an den Westen und das hieß damals: Ende der figuralen Malerei und Blütezeit der abstrakten Kunst. Sieht man nun in Dresden die gesammelte Wirklichkeitsanalyse durch Bilder für die damalige Zeit, wünscht man sich erst recht, es hätte eine solche Wahrheitsmalerei auch in der Nachkriegszeit derart schonungslos den Farbfinger auf die gesellschaftlichen Geschwüre gelegt. Fortsetzung folgt.

 

Bis 8. Januar 2012

 

Katalog: Neue Sachlichkeit in Dresden, hrsg. von Birgit Dalbajewa, Sandstein Verlag Dresden 2011. Toller Katalog. Schon deshalb etwas Besonderes, weil anders als zu Themen wie Surrealismus oder Expressionismus es so viel hervorragendes Dokumentationsmaterial zur Neuen Sachlichkeit nicht gibt und jede neue und wissenschaftlich begleitete Ausstellung auch kunsthistorische Weiterführung bedeutet, von der man auch dann noch viel hat, wenn die Ausstellung längst vorbei ist. Als Zeitrahmen wird 1918 bis 1933 festgelegt, also das, was gemeinhin Weimarer Republik genannt wird, die zeitgeschichtlich in Wort und Bild auf 34 Seiten und differenziert in Deutschland und Dresden hervorragend nahegebracht wird.

 

Das ist nötig, damit man dann die Einzelessays, die nur noch Dresdner Künstlern oder ihrer Malweise gelten, besser versteht und einordnen kann, wozu auch der Blick in die Vergangenheit und die Situation um 1900 gehört. Da leitet sich das eine aus dem anderen ab und nach der Lektüre – wozu die Sinnesfreude an den oft großformatigen Abdrucken oder auch vergrößerten Details kommt – ist man zufrieden, daß man das Geschaute nun noch einmal im Buch nachvollziehen konnte. Im Ernst ist das so ein Kunstband, der auch ohne Ausstellung diese hochbrisante Zeit wunderbar in Wort und Bild festhält.

 

Info:

Auch anderenorts werden Ausstellungen zur Neuen Sachlichkeit vorbereitet:

„Das Auge der Welt. Otto Dix und die Neue Sachlichkeit 1920.1945“ im Kunstmuseum Stuttgart, vom 10. November 2012  bis 7. April 2012

„Mythos Welt. Otto Dix & Max Beckmann“ Kunsthalle Mannheim, vom 24. November 2013 bis 23. März 2014