P3120653 Ines Veith im Parkrestaurant Bad Liebenzell 2Ein Gespräch mit Ines Veith

Sabine Zoller

Bad Liebenzell (Weltexpresso) - Es ist November. Der teils neblig-trübe Monat überrascht mit Sonnenschein und herbstlichen Farben.  Es ist Mittagszeit. Beim Genuss einer herzhaften Kartoffelsuppe aus der Bad Liebenzeller Kurhaus-Küche erzählt Ines Veith über ihr reichhaltiges Leben als Journalistin und Autorin – häufig im Einsatz für politische Häftlinge aus der DDR. Bereits vor der Wende hat Ines Veith über spektakuläre Fluchtschicksale berichtet.

Zum Gespräch hat Ines Veith einen Berliner Mauerstein mitgebracht. „Wenn Mauern im Rahmen zeitgeschichtlicher Prozesse zerbröckeln“, sagt sie, „fallen die Mauerstücke der Erinnerung als dicke Brocken in alle Richtungen. Einer ist in Bad Liebenzell gelandet. Dieses originale Mauerstück mit deutlich erkennbaren Stacheldraht-Narben ist heute glücklicherweise nur noch als Gedenkstein von Bedeutung. Es ist ein Geschenk von lieben Freunden aus Berlin.“

Die Buchautorin lebt und arbeitet seit vielen Jahren in der für sie so besonders lebenswerten Kur- und Bäderstadt und ist vielen als Gründerin und Initiatorin der gemeinnützigen Stiftung SOPHI PARK, dem weltweit ersten philosophischen Park bekannt. Ziel und Zweck dieser SOPHI PARK Initiative ist es, mit Hilfe philosophischer Werte die freiheitlich rechtsstaatliche, humanistisch orientierte Weltanschauung zu beleben. Was vielleicht nur wenige wissen: die Frau mit charmantem Lächeln beschäftigt sich bereits mehr als ein halbes Leben lang mit Geschichten über Menschen, die ein besonderes Schicksal erfahren haben. Wahre Begebenheiten, akribisch recherchiert, literarisch und filmisch aufgearbeitet von einer Journalistin, die Film- und Medienwissenschaft sowie Philosophie an der Universität Köln studiert hat.

Mehr als 250 Reportagen für Zeitschriften, vierzehn Romane und Sachbücher sowie mehrere Drehbücher für Spielfilme hat Ines Veith mittlerweile veröffentlicht. Ihr bekanntestes Werk „Die Frau vom Checkpoint-Charlie“. Der Zeitzeugen Roman wurde als UFA Produktion im Auftrag von ARD/arte verfilmt und erreichte als TV-Zweiteiler bereits bei der Erstausstrahlung 12 Millionen Zuschauer. Prominent besetzt mit Veronica Ferres beschreibt der Film, angelehnt an wahre Begebenheiten, zehn Jahre aus dem Leben einer alleinerziehenden Mutter, die nach einem misslungenen Fluchtversuch aus der DDR 1982 inhaftiert wird. Wegen „Republikflucht“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wird ihr gegen ihren Willen das Sorgerecht für die Kinder entzogen. Und sie wird in der berüchtigten JVA Burg Hoheneck zusammen mit politischen Häftlingen und Gewaltverbrecherinnen eingesperrt. Die beiden Töchter kommen zur Umerziehung in ein Heim für schwer erziehbare Kinder - der Kontakt zur Mutter ist untersagt. Zwei Jahre später kommt es durch das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen zum Freikauf und der Ausreise in den Westen - doch die Kinder bleiben hinter dem Eisernen Vorhang zurück. Was folgt, ist ein Kampf der Mutter um ihre Töchter mit dem Tenor „Gebt mir meine Kinder zurück“. Doch darauf muss sie vier weitere lange Jahre warten.


Menschen eine Stimme geben

1994 erhielt Ines Veith in Bayern Förderung für ihr Drehbuch „Die Frau vom Checkpoint Charlie“. Aus dramaturgischen und rechtlichen Gründen wurde die Handlung romanhaft erzählt, die Namen geändert und teilweise auch die Schauplätze.  
Wie hatte alles begonnen? Über die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte erfährt Ines Veith Details zu etlichen Fluchtschicksalen, darunter auch der Fall Jutta Gallus. Ines Veith wird gebeten, mitzuhelfen, diese Geschichte zu veröffentlichen. Oft wurden erst durch den öffentlichen Druck Verhandlungen innerhalb der deutsch-deutschen Diplomatie möglich und humanitäre Lösungen konnten erzielt werden. „Wer am lautesten auf sich aufmerksam machte, hatte die Chance, gehört zu werden. Insofern war es wichtig, den Opfern des SED-Regimes, eine öffentliche Stimme zu geben.“
Als Mutter eines Sohnes vertritt sie die Meinung, dass Kinder nicht als Spielball politischer Macht missbraucht werden dürfen. Unter dem Tenor „Familiendrama im geteilten Deutschland“ erfährt die Öffentlichkeit 1986 im „Journal für die Frau“ über Gallus, die menschenunwürdigen Hafterlebnisse und ihren Wunsch, ein Leben gemeinsam mit den Kindern zu verbringen.


Für die Nachwelt bewahrt

Dann 1989 die Wende. Dreißig Jahre nach der „friedlichen Kerzenrevolution“ beschreibt die Buchautorin den Mauerfall als eine „große, dankbare Geschichte“, bei der die Mauer ohne Blutvergießen fällt. Die Geschehnisse in der DDR zeichnet Ines Veith für die Nachwelt auf.
1991 schreibt sie die Geschichte über Jutta Gallus, -mit der sie inzwischen befreundet ist-, in einem Zeitzeugen-Roman für den Goldmann Verlag, verflochten mit einer Geschichte über eine Zwangsadoption. Diese beiden Geschichten sind dann Grundlage für die spätere große Verfilmung. Fast fünf Millionen Menschen sind aus der DDR geflohen.  Die meisten vor dem Mauerbau, viele jedoch unter lebensbedrohlichen Umständen. Die Frau vom Checkpoint Charlie steht als Symbol für all diese Schicksale. Dies gilt sogar an einigen Universitäten in den USA.  In Frankreich hat diese Geschichte mehr als vier Millionen Zuschauer interessiert und wurde vom Michel Lafon Verlag in französischer Sprache veröffentlicht. Viele Betroffene konnten sich mit dieser Figur der Frau vom Checkpoint Charlie identifizieren und noch heute lebt diese Geschichte im Bewusstsein vieler Menschen. 2007 wird der TV-Zweiteiler ausgestrahlt und ist für viele „der erste Film, der das Flüchtlingsdrama, also die politische Haft nach einer gescheiterten Flucht so zeigt, wie es wirklich war.“


Gegen das Vergessen

Für Ines Veith ist Jutta Gallus die prominenteste Zeitzeugin, die über ihre Flucht erzählt und noch heute, dreißig Jahre nach dem Mauerfall gegen das Vergessen des Unrechts kämpft. Am 12. Oktober 2019 waren die Protagonisten, auf die sich der Film in weiten Teilen bezieht, real im Bürgersaal von Bad Liebenzell zu erleben. Jutta Fleck und ihre jüngste Tochter Beate Gallus berichteten mit eindrucksvollen Film-Dokumentationen und ergreifenden Berichten über ihre Lebensgeschichte und den Widerstand gegen das DDR-Regime, das System der Bespitzelung und die deutsche Teilung, sowie ihren langen Kampf um die Ausreise. Zu den Gästen zählten auch fünfzehn Schülerinnen und Schüler vom Maria von Linden Gymnasium aus Calw die mit Gänsehautfeeling knapp drei Stunden lang den Ausführungen der Zeitzeugen lauschten.

Die beiden live in Bad Liebenzell zu erleben, ist kein Zufall. Jutta Fleck und Beate Gallus sind durch Ines Veith eng mit der Bäderstadt verknüpft. Die großen Holz-Herzen mit den lachenden Gesichtern, die vom Calwer Künstler Lothar Hudy für den SOPHI PARK gestaltet wurden stehen symbolisch für Mut, Liebe und Hoffnung. „Herzen, die Gesichter tragen, stellen keine dummen Fragen. Sie sind einfach da im Leben, helfen Lasten wegzuheben“, wie Ines Veith in einem Reimvers beschreibt.  Das erste „MutMacher-Herz Mucki“ erblickte am 3. Mai 1983 das Licht der Welt. Gezeichnet von der neunjährigen Beate für ihre Mutter – ohne zu ahnen, dass diese Zeichnung ihre Mutter erst nach ihrem Freikauf in der BRD erreichen wird. Denn dieses „Kinderherz“ war von der Stasi beschlagnahmt worden.


Deutsch-Deutsche Geschichte

„Den Mauerfall habe ich wie Millionen andere Menschen auch im Fernsehen gesehen“, berichtet Veith, die diesen Moment als „einen der Glücklichsten“ in ihrem Leben beschreibt.
„Dafür haben wir uns alle eingesetzt, dass so etwas passiert“, so ihr Tenor zum Mauerfall. „Möge es nie wieder eine Diktatur in Deutschland geben! Vielen Dank all jenen Millionen Menschen, die trotz Angst, -nur mit einer Kerze in der Hand-, in zahlreichen Demonstrationen bewiesen haben, dass eine friedliche Revolution gegen Unterdrückung und Unfreiheit, möglich ist. Diese herzzerreißende Stimmung haben weltweit viele Menschen mitgefühlt und diese großen Gefühle der deutschen Geschichte werden für immer erhalten bleiben und in den Herzen und Köpfen nachfolgender Generationen weiterglühen. Gefühle sind stärker als Mauern, Stacheldraht, Schießbefehle und Minenfelder.  Dafür sind wir alle Zeitzeugen und dafür sind wir dankbar. “ 

Foto: 
„Wo ist Dirk?“ - Mit dem dramatischen Familienschicksal um den verschwundenen Dirk Schiller und die Inhaftierung seiner Eltern – weil sie das internationale Rote Kreuz zur Suche ihres Kindes einschalten wollten, begann die Recherchearbeit von Ines Veit zu politischen Fluchtschicksalen.
©Zoller