Serie: FLÜCHTLINGSGESPRÄCHE; Teil 4

 

Hanswerner Kruse

 

Schlüchtern/Hessen (Weltexpresso) - Im gerade beendeten Semester fuhren sechs Studentinnen und ein Student der FH Fulda regelmäßig zum Flüchtlingsheim Hof Reith am Stadtrand von Schlüchtern. Einmal in der Woche trafen sie sich dort mit Asylbewerbern und arbeiteten, lachten, und aßen gemeinsam mit ihnen.

 

Im Gespräch mit unserer Zeitung erzählen Nadine (23), Laura (24) und Martin (26), die jetzt alle den Abschluss machen, von ihren Erfahrungen.

 

Die Überraschung begann schon beim ersten Besuch in Hof Reith, als die Fuldaer von eritreischen Flüchtlingsfrauen zur Kaffeezeremonie eingeladen wurden. „Sie haben die Bohnen selbst gebrannt, gemahlen und dann in einer tönernen Kalebasse mit Wasser aufgebrüht. Das roch und schmeckte nicht nur besonders gut, sondern hat uns auch megagefreut“, erinnert sich Martin. Diese große Gastfreundschaft erlebten sie immer wieder bei den, ihnen zunächst sehr fremden Menschen: „Die hatten fast nichts und haben das bisschen noch mit uns geteilt. So etwas kannte ich nicht“, erzählt Nadine und Laura ergänzt, „Man denkt durch solche Erlebnisse viel mehr über sein eigenes Verhalten nach!“

 

In der Vorbereitung für den Praxiseinsatz von 150 Stunden hatten sie sich tolle Projekte ausgedacht, ein Theaterspiel, Mitarbeit im Frauentreff, sportliche Aktivitäten. Aber damit scheiterten sie häufig nicht an ihren Illusionen, sondern an den Realitäten im Flüchtlingsheim. Martin wollte den Schlüchterner Fußballverein und sportbegeisterte junge Algerier zusammenbringen, aber als er endlich das erste Training organisiert hatte, waren die fünf verschwunden.

 

Laura hatte ein Gespräch mit einem „verzweifelt wirkenden Mann“ geplant, aber als sie wieder ins Heim kam, war der Asylbewerber ebenso wie die algerischen Jungs abgeschoben oder transferiert worden. „Transferiert“ ist ein Begriff, den die drei im Gespräch oft verwenden, denn plötzliche Veränderungen sind alltägliche, manchmal bittere Realitäten in einem Aufnahmeheim. Aber dass die Polizei die Menschen bei Abschiebungen im Morgengrauen aus den Betten holt, fanden sie unangemessen und grausam!

 

Zum Frauentreff kamen oft mehr kleine Kinder als Frauen, flexibel spielte Nadine dann ausgiebig mit den Kids: „Das war schon ok“, sagt sie, „auch wenn ich dort ja eigentlich mit erwachsenen Frauen arbeiten wollte, denn mit Kindern habe ich schon viel gearbeitet. Immerhin gab es viel Raum für Gespräche mit den Flüchtlingsfrauen.“

 

Das alles war kein Praxisschock für die drei, sie konnten flexibel mit plötzlichen Veränderungen umgehen, denn sie hatten schon reichlich praktische Erfahrungen bei der sozialen Arbeit in der Bahnhofsmission, im Wohnheim für Menschen mit psychischen Störungen, in der Sonderschule oder im Jugendzentrum gesammelt. Aber Sozialarbeit unter diesen Bedingungen war für sie dann doch erschreckend. Martin, der sich vorher theoretisch mit dem Flüchtlingsthema befasst hatte und überlegte, in dem Bereich zu arbeiten, sieht darin keine langjährige hauptberufliche Perspektive mehr, ehrenamtliche Tätigkeiten kann er sich jedoch vorstellen.

 

Die beiden Frauen hatten sowieso andere Ziele, aber erlebten das Projekt grundsätzlich als „total interessant und konnten „viel mitnehmen.“ Es gelang ihnen, sich halbwegs vom erlebten Leid und Elend abgrenzen. „Ich nahm das nicht mit nach Hause“, erinnert sich Nadine, „denn die Grenzen der sozialen Arbeit mit Flüchtlingen liegen an politischen Verhältnissen.“ Auch Martin, der seine Abschlussarbeit über Migranten und ethnische Minderheiten in der medialen Öffentlichkeit verfasste, forderte mehr Aufklärung in der Presse über die Gründe zur Flucht. „Auch die ehrenamtlich Tätigen werden hier viel zu wenig wertgeschätzt“, ergänzt Laura, „dabei brauchen die auf sich allein gestellten Flüchtlinge viel mehr Beratung oder einfach nur mal Gespräche.“

 

Flüchtlingskoordinator Clas Röhl erklärte auf Anfrage: „Das Vorhaben entstand aus der Zusammenarbeit zwischen dem Brücken-Café und der Fuldaer Hochschule. Die Tätigkeit der Studenten hat unsere ehrenamtliche Arbeit motiviert und sehr bereichert.“

 

INFO:

Das Vertiefungsmodul zum Studienabschluss „Soziale Arbeit“ wurde im 5. und 6. Semester vom Dozenten Frank Dölker initiiert, die Studenten konnten sich ihren Einsatzort bei der Arbeiterwohlfahrt, im Hof Reith oder in anderen „Sozialräumen“ aussuchen. Ihr Engagement im Schlüchterner Heim für Asylbewerber war ein „Experiment“, es gab dafür keine Vorerfahrungen und auch keine Praxisbetreuung. Dölker gab auf unsere Fragen zu den Erfahrungen der Studenten und zur Fortführung des Projekts keine Antwort.

 

FOTO: Hanswerner Kruse, Martin, Nadine, Laura