Theologische Impulse (192) Thorsten Latzel
Rheinland (Weltexpresso) - Am 27. Januar fand die Erinnerung an die Befreiung von Auschwitz statt – in diesem Jahr zum 81. Mal. Wie gelingt dies in einer Zeit, in der grundlegende Maßstäbe der Menschlichkeit gefährdet sind und faschistoides wie antisemitisches Denken wieder um sich greift? Drei berührende und ermutigende Begegnungen, die ich persönlich von diesem Tag mitgenommen habe.
An der Viktoriaschule in Aachen konnte ich an der Gedenkfeier von Schülerinnen und Schülern aus den 7. und 8. Klassen teilnehmen. Die unfassbare Gewalt und Grausamkeit des NS-Terrors zu begreifen, fällt schwer, erst recht jungen Menschen. Umso beeindruckender war für mich, mit welch einer Sensibilität dies gelungenen ist, indem die Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen im Holocaust erschlossen wurde. Etwa als das Foto einer jungen jüdischen Cellistin, die im KZ für die Nazis spielen musste, im Hintergrund aufleuchtete, als die Streicherklasse der Viktoriaschule spielte. Im Zentrum der Gedenkfeier stand das Gedicht „Der Schmetterling“ des jungen jüdisch-tschechischen Poeten Pavel Friedmann, verfasst 1942 im Ghetto Theresienstadt.
Der letzte, der allerletzte, / so kräftig, hell, gelb schimmernd, / als würden sich die Tränen der Sonne
auf einem weißen Stein niederlassen. / So ein tiefes, tiefes Gelb /er hebt sich ganz leicht nach oben.
Er verschwand weil, so glaube ich, / weil er der Welt / einen Abschiedskuss geben wollte.
Seit sieben Wochen habe ich hier gelebt. / Eingepfercht im Ghetto. / Aber ich habe hier meine Freunde gefunden. / Der Löwenzahn verlangt nach mir / und die weißen Kerzen der Kastanien im Hof.
Aber ich habe niemals / einen zweiten Schmetterling gesehen. / Dieser Schmetterling war der letzte seiner Art. / Schmetterlinge leben nicht hier, / im Ghetto.
Zwei Jahre später wurde Friedmann im Alter von 23 Jahren in Auschwitz ermordet. Die Schüler/innen haben mit einer Kunstaktion dazu beigetragen, dass die Erinnerung an diesen einen gelben Schmetterling nicht verblasst – und dass er nicht der letzte bleibt.
Auf der Zeche Zollverein in Essen wurde danach die Ausstellung „Holo-Voices“ eröffnet. Immer mehr Zeitzeugen des Holocausts versterben. Um künftigen Generationen eine authentische Begegnung zu ermöglichen, wurden intensive Interviews (rund 900 Fragen) mit noch lebenden Opfern geführt. Vermittelt durch KI gibt es nun die Möglichkeit, mit Hologrammen der Interviewten in ein Gespräch zu treten. Ein technisch neuer Weg, um der Gefahr des Vergessens zu wehren. Dabei habe ich den Begriff der „Zweitzeugen“ gelernt. Er geht auf einen Gedanken von Elie Wiesel zurück: „Wer Zeitzeugen zuhört, wird selbst zu einem.“ Ich selbst gehöre zur Enkel-Generation, konnte noch Berichte über Erlebtes aus erster Hand hören – wie etwa von der Holocaust-Überlebenden Eva Weyl bei der Eröffnung, die trotz ihres hohen Alters unermüdlich Veranstaltungen mit jungen Menschen macht. Unsere Aufgabe ist es, als Zweitzeugen die Erinnerung weiterzutragen. Laut der Jewish Claims Conference wissen 40 % der Deutschen zwischen 18 und 29 Jahren nicht über die Ausmaße des Holocausts Bescheid.
Bei der Gedenkfeier im Düsseldorfer Landtag wurde dann einer oft übersehenen Opfergruppe des NS-Terrors gedacht: homosexueller Menschen. Sie waren besonderer menschenverachtender Gewalt ausgesetzt. Viele wurden vor die „Wahl“ gestellt: Zwangssterilisation oder Konzentrationslager. In den KZs gab es eigene Kennzeichnung mit einem rosa Dreieck. Für queere Menschen bedeutet das Ende der NS-Zeit dabei keine Stunde Null, sondern eine Fortsetzung des Unrechts auf andere Weise. Der durch die Nazis verschärfte Paragraph 175 gegen homosexuelle Menschen blieb bis weit in die BRD bestehen. Das erfahrene Leid fand keine Anerkennung. Der Neffe eines von dieser Gewalt Betroffenen erzählte davon, dass sein Onkel bis ins hohe Alter von über 90 Jahren nie darüber sprechen konnte und wollte. In der Familie wurde es totgeschwiegen. Das Leid vieler queerer Menschen ist weithin nicht aufgearbeitet. Erinnern heißt widerstehen – dem Hass und der Gewalt von damals wie heute.
Foto:
© Michael Bußmann/Pixabay
Info:
Weitere Texte: www.glauben-denken.de
Als Bücher: www.bod.de