50. Jubiläum auf der AMBIENTE in Frankfurt: Negativpreis „Plagiarius“ rückt erfolgreich dreisten Innovationsklau in den Fokus, Teil 1/2Redaktion
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Produkt- und Markenpiraterie ist ein lukratives Milliardengeschäft mit unterschiedlichsten Profiteuren: Vom einfallslosen Mitbewerber, über Billiganbieter und Plattformbetreiber aus Drittstaaten, bis hin zu globalen kriminellen Netzwerken. Sie untergraben den legalen Handel und überfluten den europäischen Markt mit oftmals ungeprüften, falsch deklarierten und nicht EU-konformen Billigartikeln und Fälschungen. Zum Schutz der Industrie und der Verbraucher fordern europäische Wirtschafts- und Handelsverbände von der Politik die unverzügliche, konsequente Durchsetzung geltenden Rechts.
Mehr Haftung und Prävention seitens der Plattformbetreiber, höhere Sanktionierung bei Verstößen, ein gesetzlich verankertes Stay-Down-Gebot für entfernte Fälschungen. Zoll und Marktüberwachungsbehörden brauchen für effektivere Kontrollen mehr Personal und modernste IT. Da der Erfolg von Billigprodukten auch auf Akzeptanz und hoher Nachfrage basiert, bleibt Aufklärung essentiell. Ohne Nachfrage kein Geschäft.
Plagiarius: Gegen dreisten Innovationsklau - Für fairen Wettbewerb und kreative Vielfalt
Die Aktion Plagiarius hat am 06. Februar 2026 zum 50. Mal ihren gefürchteten Negativpreis „Plagiarius“ an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen verliehen. Die Preisverleihung fand im Rahmen einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Konsumgütermesse „Ambiente“ statt. Bevor die jährlich wechselnde Jury die Preisträger auswählt, erhalten alle Nominierten die Gelegenheit zur Stellungnahme. Die Auszeichnung mit dem „Plagiarius“ sagt nichts darüber aus, ob ein nachgeahmtes Produkt im rechtlichen Sinne zulässig oder rechtswidrig ist. Die Aktion Plagiarius kann kein Recht sprechen. Sie darf aber die Meinung äußern, dass plumpe 1:1 Nachahmungen, die einem Originalprodukt bewusst täuschend ähnlichsehen, rücksichtslos und moralisch verwerflich sind.
Schutz geistigen Eigentums / Wertschätzung für kreative Leistungen und Innovationen
Ziel der Aktion Plagiarius war und ist es, Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums zu schaffen und die Innovationskraft von Unternehmen und Kreativen zu stärken. Dafür rückt sie die skrupellosen Geschäftsmethoden von Fälschern ins öffentliche Bewusstsein und sensibilisiert Industrie, Politik und Verbraucher praxisnah für die Problematik. Anhand der Plagiatsfälle betroffener Firmen beleuchtet der Verein Schäden, Risiken und Hintergründe sowie unterschiedliche Facetten von Produkt- und Markenpiraterie. Trophäe des Schmähpreises ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase. Letztere symbolisiert die immensen Profite, die ideenlose Nachahmer auf Kosten von Kreativwirtschaft und Industrie erzielen.
50. Plagiarius-Verleihung: Pionierarbeit mit Herzblut - aus Respekt für jedes Original
Mit dem „Plagiarius“ hat Pionier Professor Rido Busse (†2021) eine Initiative ins Leben gerufen, die in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung, Social Media und KI aktueller denn je ist. Als Industriedesigner hatte Busse früh erkannt, dass es für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft unabdingbar ist, kreative Ideen und Know-how zu fördern, und zu schützen. Mit Weitsicht und Nachdruck hat er Designer, Erfinder und Unternehmer stets ermutigt, ihr geistiges Eigentum mittels Eintragung gewerblicher Schutzrechte (Marke, Patent, Design) abzusichern und Nachahmer zur Rechenschaft zu ziehen. Erfreulicher Rekord: 2025 gingen beim Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) 327.735 neue Anmeldungen für EU-Marken und EU-Designs ein - die höchste jährliche Anzahl an Anmeldungen seit Beginn im Jahr 1996. Großen Zuwachs haben Anmeldungen aus der VR China.
Erfolgreiche Abschreckung durch Öffentlichkeit
Mit konstanter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, praxisnahen Ausstellungen und Vorträgen - sowie über die hohe Medienpräsenz und Reichweite - hat die Aktion Plagiarius maßgeblich zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit beigetragen. Zu den Erfolgen zählen ein verbesserter Designschutz, die Strafbarkeit auch des Handels mit Fälschungen sowie ein gesteigertes Bewusstsein und Anmelden von gewerblichen Schutzrechten, auch auf internationalen Märkten. Zudem hat der hohe Bekanntheitsgrad des „Plagiarius“ regelmäßig seine abschreckende Wirkung gezeigt: Die Angst vor öffentlicher Blamage hat so manchen Plagiator dazu gebracht eine Einigung mit dem Originalhersteller zu suchen und z.B. Restbestände vom Markt zu nehmen, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben oder Lieferanten preiszugeben.
Museum Plagiarius in Solingen - Hier ist tatsächlich „alles nur geklaut“
Das Museum Plagiarius zeigt in seiner einzigartigen Ausstellung mehr als 350 Plagiarius-Preisträger, jeweils Original und Plagiat im direkten Vergleich. In Führungen werden Fakten und Hintergründe vermittelt, mit Klischees aufgeräumt und Besucher*innen zum Nach- und Umdenken angeregt: Nicht kritiklos (Dupe) Influencern und unseriösen Anbietern glauben. Kein Ramsch, sondern ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Zu den Plagiaten von 1977 bis heute gehören neben klassischen Konsum- und Haushaltsartikeln, auch Möbel, Werkzeuge, Sanitärprodukte, Spielzeug bis hin zu gefährlichen, nicht funktionierenden, Druckmessgeräten, Autofelgen, Motorsägen, und Notfall-Beatmungsgeräten. Die Preisträger 2026 werden ab 13.02.2026 ezeigt.
Innovationen entstehen nicht durch „Copy-Paste“ - sondern durch Mut und Leistung
Ob attraktives Produktdesign oder innovative technische Lösung, ob Film, Musik, Mode oder Kunst - jede Entwicklung von einer ersten Idee bis zum marktreifen Produkt ist ein zeitintensiver Prozess. In jedem Original steckt neben Kreativität, technischem Wissen und dem Anspruch an Qualität und Langlebigkeit auch Mut, da Kreativschaffende und Markenhersteller finanziell in Vorleistung gehen. Dieses Risiko muss sich lohnen.
Auch der diesjährige Laudator, Dr. Hans-Jürgen Völz, Bundesgeschäftsleiter Volkswirtschaft bei Der Mittelstand. BVMW e.V. betonte in seiner Rede: „Innovationen sind praktisch die einzige harte Währung, mit der sich der deutsche Mittelstand im globalen Wettbewerb noch behaupten kann. Wer sich seines geistigen Eigentums unbefugt bemächtigt, untergräbt nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg innovativer Unternehmen, sondern schädigt systematisch die Investitionsbereitschaft am Standort Deutschland. Der Plagiarius dokumentiert die Dreistigkeit dieser Diebstähle in einer wohltuenden Weise im Licht der Öffentlichkeit.“
Marken- und Verbraucherschutz: Zoll zieht rechtsverletzende Produkte aus dem Verkehr
Im Jahr 2024 wurden an den EU-Außengrenzen und im EU-Binnenmarkt insgesamt mehr als 112 Millionen gefälschte Artikel mit einem geschätzten Wert von etwa 3,8 Milliarden Euro beschlagnahmt, so die Europäische Kommission und das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO). Den internationalen Handel mit Fälschungen bezifferten EUIPO und OECD für 2021 auf alarmierende 467 Milliarden USD, was 2,3% des Welthandels entspricht. Und das sind nur die nachweislichen Aufgriffe von Zoll und Polizeibehörden. Die Dunkelziffer wird deutlich höher geschätzt. Der Zoll beschlagnahmt regelmäßig rechtsverletzende Fälschungen u.a. von Bekleidung, Accessoires & Sportartikeln, Unterhaltungselektro-
nik, Spielzeug, Parfums & Kosmetika, Zigaretten, bis hin zu Medikamenten.
Zu schön, um wahr zu sein: Fälschungen und Billigartikel haben einen hohen Preis
Hergestellt werden die kurzlebigen, teils gefährlich minderwertigen Nachahmungen mit viel krimineller Energie und ohne Rücksicht auf geltende Sicherheits- und Umweltstandards. Besonders prekär: Die ethisch fragwürdigen Bedingungen in den Fabriken: Jüngste Studien von EUIPO und OECD offenbaren, dass Fälschungen, über die enormen wirtschaftlichen Schäden hinaus, eng mit der Ausbeutung von Arbeitskräften verbunden sind, darunter Zwangsarbeit und gefährliche Kinderarbeit. (Online-) Händler, die solche Waren vertreiben, ebenso wie Verbraucher*innen, die bewusst Fälschungen kaufen, unterstützen unmittelbar diese menschenunwürdigen Herstellungsbedingungen. Ohne Nachfrage kein Geschäft. Für Unternehmen kommt erschwerend hinzu, dass Fälscher immer professioneller und digitaler agieren und global vernetzt sind. Das Aufspüren und Löschen von Fälschungen im Internet mittels KI funktioniert meist gut. Das Identifizieren der Verantwortlichen und das Aufdecken der komplexen Strukturen hinter den Netzwerken aus arbeitsteiliger Produktion und Distribution ist schwierig, zeit- und kostenintensiv.
Gefährlicher Trugschluss: Gleiches Aussehen bedeutet NICHT gleiche Qualität und Sicherheit
Verbraucher*innen unterliegen oft der Illusion, dass gleiches Aussehen von Original und Fälschung auch gleiche Qualität, Funktionalität und Sicherheit bedeutet. Mitnichten. Zur Profitmaximierung verwenden die Nachahmer meist billigste Materialien und verzichten auf Qualitätskontrollen. Die unschönen Seiten eines vermeintlichen Schnäppchens zeigen sich u.a. in kurzer Lebensdauer, (brand-) gefährlicher Elektronik, mangelhafter Funktionalität, Verletzungsrisiken oder in Form von bedenklich hohen Schadstoffbelastungen. Aktuell beliebte Betrugsmasche: „Fake-Shops“, komplett gefälschte Online-Shops. Die Betreiber kassieren Geld und Daten, ohne Ware zu liefern. Tipps: „verbraucherzentrale.de/fakeshopfinder“.
Wettbewerbsverzerrung und Verbrauchergefährdung
Fairer Wettbewerb belebt das Geschäft und reguliert Märkte. Aktuell aber überfluten Händler und Plattformbetreiber aus Drittstaaten den europäischen Markt mit meist ungeprüften und nicht EU-konformen Billigartikeln. Darunter auch Plagiate und Fälschungen. Laut EU-Kommission kamen 2024 rund 4,6 Milliarden Pakete mit geringem Warenwert aus Drittländern in die EU, d.h. mehr als 12 Millionen Pakete pro Tag. Das waren doppelt so viele wie 2023 und etwa dreimal so viele wie 2022. Zu den Profiteuren gehören Billig-Direktplattformen wie Temu, Shein, Alibaba & Co. Stichproben von Zoll und Marktaufsichtsbehörden offenbaren regelmäßig eklatante Produktmängel und Verstöße gegen Kennzeichnungspflichten. Bislang ohne Folgen. Diese Wettbewerbsverzerrungen müssen beseitigt werden.
Dringender Handlungsbedarf: Den Versprechen müssen Taten folgen. Jetzt.
Die Gesetze sind da. Ohne konsequente Um- und Durchsetzung entfalten sie aber keinerlei abschreckende Wirkung oder Verbesserung. Die deutlich spürbaren Konsequenzen der Wettbewerbsverzerrungen tragen aktuell europäische Hersteller, Händler und Verbraucher.
Europäische Wirtschafts- und Handelsverbände fordern mit Nachdruck von der Politik die unverzügliche und konsequente Durchsetzung des Digital Services Act (DSA) sowie europäischer Standards hinsichtlich Produktsicherheit, Umwelt- und Verbraucherschutz gegenüber Plattformen und Händlern aus Drittstaaten.
Zu den dringendsten Forderungen gehören (1) eine deutlich bessere personelle und digitale Ausstattung der Zoll- und Marktüberwachungsbehörden für mehr Kontrollen und Sanktionen (2) Mehr Haftung seitens der Händler und Plattformbetreiber, d.h. strengere Anforderungen an die Benennung eines gesetzlich vorgeschriebenen Vertreters in der EU und (3) ein gesetzlich verankertes „Stay-Down-Gebot“ - rechtsverletzende Waren, die einmal gelöscht wurden, dürfen nicht wieder hochgeladen werden können.
Zwei erste kleine positive Signale sendet die Politik: Ab Juli 2026 wird als Interimslösung in der EU ein pauschaler Zollsatz von 3 Euro pro E-Commerce-Paket mit einem Wert von weniger als 150 Euro eingeführt, um den Wettbewerbsvorteil der bisherigen Zollfreigrenze für Händler aus Drittstaaten kurzfristig zu beseitigen. Ab 2028, mit Einrichtung der EU-Zolldatenplattform, fallen auch hier reguläre Zollgebühren an. Parallel laufen Verhandlungen über eine EU-Bearbeitungsgebühr für E-Commerce-Pakete. Diese soll die hohen Kosten für die Überwachung des stark gestiegenen Paketverkehrs ausgleichen.
Fortsetzung folgt
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