donner reuschelÜber statistische Blindheit, sinnlosen Aktionismus und die Kunst des Stillhaltens

Sandra Van der Linden

Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Seit >20 Jahren Arbeit am Kapitalmarkt treibt mich die Frage an, was hat Relevanz und lohnt zu kommentieren, was ist Geschwätz, eben ohne Inhalt, und warum theoretische Modelle in heutigen Kapitalmärkten eben nicht mehr funktionieren.
 
Die moderne Kapitalmarktbeobachtung ist von einer paradoxen Entwicklung geprägt: Noch nie standen so viele Informationen zur Verfügung, und noch nie war es so schwierig, Relevanz von Irrelevanz zu unterscheiden. Kursbewegungen, Makro -und Mikrodaten und politische Ereignisse werden in Echtzeit interpretiert, eingeordnet und kommentiert. Allerdings ohne Erkenntnis, aber „was kümmert mich halt mein Geschwätz von eben“ heißt es im Fachjargon der Banken. Der Kapitalmarkt leidet zwar nicht per se an falschen Informationen, aber am strukturellen Überangebot von Geschwätz ohne Inhalt oder eben ohne jegliche Relevanz zum Handeln & dem dennoch verständlichen Interessenkonflikt: Kunde vs Bank.
 
Noise ist Information ohne Mehrwert, Schall und Rauch ohne jegliche Bedeutung für Kapitalmarkt, Investments und Handeln. Erklärungen zu Information, Henne oder Ei - wer war zuerst da? Rechnen von Modellen, Anfertigung von Backtests: Zeige mir einen Backtest, der nicht funktioniert?. Und Noise erzeugt Aktivität und Narrative, verändert jedoch weder Rendite-Wahrscheinlichkeiten noch langfristige Ertragsperspektiven für den End- Investor. Content hingegen zwingt ggf zur Revision von Annahmen. Er ist selten, oft unspezifisch, spontan und häufig kontraintuitiv.
 
Ein Kernproblem moderner Marktteilnahme ist die begrenzte Fähigkeit vieler Investoren, statistische Signifikanz korrekt zu erkennen und einzuordnen. Kurzfristige Preisbewegungen werden regelmäßig als Signal interpretiert, obwohl sie in komplexen Systemen meist rein zufallsgetrieben sind!
 
Nassim Taleb hat diese systematische Fehlwahrnehmung in Fooled by Randomness präzise analysiert: Menschen neigen dazu, einen Zufall zu erklären und Korrelationen daraus abzuleiten. Aber gerade je dichter der Informationsfluss, desto größer wird die Illusion von Erkenntnis: Zufall vs Erkenntnis. Präsenz von Information ersetzt Bedeutung, Erklärung ersetzt Verständnis.
 
Gleichzeitig wird die Fehleinschätzung statistischer Relevanz durch eine veränderte Marktarchitektur verstärkt. Preise werden heute zunehmend durch Flows, Positionierungen und regelbasierte Anpassungen bestimmt – immer weniger durch neue fundamentale Erkenntnisse. Passives Investieren, Volatilitätssteuerung, regulatorisch induziertes Rebalancing, algorithmischer Handel und Absicherungsmaßnahmen erzeugen Marktbewegungen. Preise reflektieren Anpassungsmechaniken, nur noch selten Informationen über echte, reale Wertschöpfung auf Unternehmensebene.
 
Die ständige Interpretation dieser Bewegungen als fundamentale Signale führt zwangsläufig zu Fehlentscheidungen, zu Aktionismus ohne Benefit, zu Transaktionskosten für End-Investoren („außer Spesen nichts gewesen“), Opportunitätskosten bzw. Abschneiden von strukturellen Renditechancen. Investoren reagieren eben ohne Inhalt, obwohl sich an den langfristigen Ertragserwartungen zumeist nichts geändert hat.
 
Empirisch ist der Befund eindeutig: Hohe Handelsfrequenz senkt Nettorenditen. Weniger sichtbar, aber gravierender, ist der strukturelle Effekt: Portfolios werden auf kurzfristige Stabilität optimiert und verlieren langfristige Robustheit und vor allem Renditechancen für strukturellen Vermögensaufbau.
 
Talebs Konzept der Antifragilität setzt hier an. In einer Welt hoher Unsicherheit besteht Rationalität nicht in präziser Prognose (weil unmöglich), sondern in Strukturen, die mit Ungewissheit umgehen können. Aber Noise wirkt dieser Logik entgegen, weil Geschwätz die permanente Feinsteuerung erzwingt. Und so zeigt sich auch das Ende des klassischen 60/40 Portfolios: Annahmen und Korrelationen brechen auseinander, die Diversifikation versagt in Stressphasen, jede Krise ist anders: „History is no guide“, langfristiges Renditepotential wird geopfert. Eine scheinbare Sicherheit der Diversifikation ist modellbasiert, nur leider untauglich für die Wirklichkeit.
 
Erfolgreiche langfristige Investoren verfolgen einen anderen Ansatz. University of Yale Endowment setzt auf hohe Risikoexponierung (sprich hoher Aktienanteil), aktiv gemanagte Illiquidität und einen langen Zeithorizont – bei minimaler taktischer Intervention, sprich minimales Agieren auf tägliche „Kühe“ (Geschwätz) die durchs Dorf reisen: Kurzfristige Volatilität wird bewusst ignoriert; da ohne Inhalt, ohne Relevanz.
 
Der norwegische Staatsfonds verfolgt mit einem hohen Aktienanteil und regelbasiertem Rebalancing eine ähnliche Logik. Marktstress wird nicht interpretiert, sondern mechanisch & situativ strukturell genutzt.
 
Mark Spitznagel ergänzt diese Perspektive für Profi-Anleger um einen entscheidenden Punkt: Ein hoher Aktienanteil ist zwar rational, aber fragil ohne explizite Absicherung gegen Extrem Risiken (left tail). Der Zweck von Absicherung ist hierbei nicht Renditeoptimierung, sondern Überlebensfähigkeit, die allerdings ihren Preis hat und damit ungeeignet für Retail Investoren.
 
 Im Ergebnis bedeutet dies: Langfristiger Anlageerfolg / Vermögensaufbau entsteht nicht durch bessere Meinungen, Interpretationen, sondern durch bessere Strukturen, strukturelle, idealerweise wiederkehrende Investments und klarem Ziel: Ein hoher, strategisch gehaltener Aktienanteil (70%plus), kombiniert mit Disziplin, Stillhalten, langfristigem Horizont (7-10J) und gegebenenfalls expliziter (Teil-)Absicherung – ist historisch bewiesen die dominante Strategie für sinnvollen & nachhaltigen Vermögensaufbau.

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