2 HPIM2247 1Drei Konzerte: Elbphilharmonie – Laeiszhalle – Elbphilharmonie – Weihnachten 2025, Teil 2/3

Wolfgang Mielke

Hamburg (Weltexpresso) - Am 2. Weihnachtsfeiertag das zweite Konzert. Es beginnt um 18 Uhr. Die Ähnlichkeit zu dem Konzert mit Omer Meir Wellber besteht darin, dass hier der Dirigent, Adrian Iliescu (*1981), gleichfalls Dirigent und Instrumentalist ist. Er ist der erste Geiger. Im Auftreten viel weniger agil und auffällig als Omer Meir Wellber. Die Konzert-Abfolge ist durchdacht: zuerst die Streicherserenade Nr. 6 von Josef Suk; dann Johann Sebastian Bachs (1685 – 1750) Konzert für 3 Violinen, D-Dur, BWV 1064, wobei das 'R' darauf hinweist, dass das Werk zurückgeführt wird auf ein vermutetes ursprüngliches Konzert für 3 Violinen, während es sonst ja als ein Konzert für 3 Cembali bekannt ist. Das Austauschen von Instrumentierungen ist nicht ungewöhntlich, mitunter lehrreich; und kann überraschende Wirkungen hervorbringen.


Das dritte Konzerstück ist Mozarts (1756 – 1791) "Prager Symphonie", die allerdings nicht in Prag entstand, auch nicht für Prag geschrieben wurde, aber in Prag 1787 von Mozart dirigiert wurde und dadurch nach und nach in Prag beliebt und letztlich von Prag in die Welt hinausgetragen wurde. Dabei nimmt diese Symphonie im Allegro des 1. Satzes Bezüge zu Bach und Händel (1685 – 1759) auf, mit denen sich Mozart zur Zeit ihrer Entstehung genauer beschäftigte.

Zuerst also ein tschechischer Komponist, der in einem Dorf südlich von Prag geboren wurde; dann das nun für 3 Geigen eingerichtete Konzert von Bach; und schließlich die in ihrem Namen auf Prag bezogene Mozart-Symphonie.

 

Es ist der 2. Weihnachtsfeiertag. Die familiären Verpflichtungen sind abgearbeitet; oder sie werden durch diesen Besuch des ausverkauften Konzerts erholsam unterbrochen. Die jüngste Renovierung der Orgel und Orgelrückwand des Konzertsaales hat die Musikhalle, Laeiszhalle stark beschädigt.

Was vorher weiß gestrichen war, jahrzehntelang, matt-weiß gestrichen und durch den goldenen Anstrich der Schmuckelemente edel gehöht, ist jetzt zu einem glänzenden Dunkelbraun geworden. Die gold gestrichenen Teile sind golden geblieben, aber von einer Höhung kann nicht mehr gesprochen werden. #"Die nun dunkle Orgel verkleinert den Raum optisch deutlich"#, notiere ich. #"Der Abstand zur Elbphilharmonie wird deutlicher! Veraltet. Die Musikhalle wird so zu einem kleinen Musiksaal."# - Josef Suk war ein Schüler von Dvorak (1841 – 1904), seit 1898 auch sein Schwiegersohn. Er war 18 Jahre alt, als er diese Serenade für Streicher, Es-Dur, op. 6, schrieb. Alfred Kerr (1867 – 1948) schreibt über Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 – 1847) angesichts einer Aufführung des "Sommernachtstraum" von Shakespeare (1564 - 1616): #"Felix Mendelssohn, der – merkwürdiger Fall – bloß zeitweilig, bloß in seinem Frühling, bloß mit siebzehn Lenzen, ein Genie gewesen ist, nachher nicht wieder, bloß in dieser Wunderwelt von geisterndem Staccato, Pianissimo und Frieden ..."# - An diese Beobachtung dachte ich während der Serenade von Suk. Notiert ist: #"Die böhmischen Klänge schon deutlich hörbar. Iliescu verschmilzt mit Suk. (Wirkt trotz seiner 44 Jahre noch so jugendlich, dass diese Identifkation möglich ist.)"# - Und dazwischen immer wieder über den so absurd veränderten Raum: #"Wirkt eng und hoch wie in Kirchenschiff --. Das weite Ausschwingen des Raumes bis zu den beiden neo-barocken Seiten-Erkern, vorne am Bühnenraum, die die Breite und Weite des Raumes betonten, bedeuteten, findet nicht mehr statt. - 'Irgendein Konzertsaal.'

Man gibt ohne Not seine historische Vorrangstellung auf und seine bis hierher gegenwärtige Ebenbürtigkeit mit der Elbphilharmonie."
# - Und über Josef Suk weiter: #"Fehlt etwas an der Musik? Oder an der Darbietung? Etwas wie ein durchgehender genialischer Blitz? Vgl. Mendelssohn. Die 18 Jahre merkt man nicht. Könnte, denkt man, auch das Werk eines reifen Komponisten sein. Brahms; Dvorak. Insofern als Auftakt-Stück vielleicht gar nicht so gut geeignet." - #"Man muss die Enge der Wand vergessen und wieder auf die Erker-Breite des Raumes zurückgehen; auf das alte richtige Maß!"# - Gleichwohl ist es interessant, mit diesem Werk bekannt zu werden; auch mit dem Dirigenten und Geiger Adrian Iliescu. Nach dem 2. Satz 'Allegro ma non troppo e grazioso' hört man verbreitetes Husten im Publikum. Iliescu reagiert gleich darauf – und erntet Lachen und Applaus. #"Weil's zu mühsam war. (Hat Humor; auch wohl Herzenswärme.)"# --- Dann ist Pause. - Der Schwungvolle Beginn des Bach-Konzerts nimmt einen sofort mit. #"Wäre auch interessant, die Version mit 3 Cembali zu hören."# - Nach jedem Satz wird geklatscht. Noch vor wenigen Jahren war das undenkbar. Da wurde die stille Spannung zwischen den Sätzen ausgehalten. Jetzt immer öfter und immer zahlreicher Applaus nach jedem Satz; einfach immer dann, wenn die Musik ein Teilstück beendet. Fast wie in amerikanischen Talkshows, wo man das Gefühl hat, es leuchtet immer ein Licht auf oder eine Tafel, die auffordert: #"Jetzt bitte klatschen!"#

Liegt das am Absinken des Bildungs-Niveaus? In ehemaligen Telefonzellen oder extra in die Einkaufsstraße hingestellten Bücherborden entsorgt ja seit mehreren Jahren das ehemalige Bildungsbürgertum seine Bildung, meint man. Andererseits melden die Buchmessen Frankfurt und Leipzig in Rekordhöhen steigende Besucherzahlen. Oder liegt es an der TV-oder Internet-Gewöhnung des Publikums. Nicht zu entscheiden bisher. - Am Ende aber darf das ganze Haus laut klatschen. Ja, es gibt einen jubelnden Applaus! #"Nun dürfen sie!"# - #"Ich kuck' da gar nicht hin!"#, sagte Marianne Hoppe (1909 – 2002) über ein Bühnenbild, das ihr nicht gefiel und beim Spielen störte. Was habe ich da für große Musiker gehört! Wie hätten die vor der dunklen Wand gestanden! - #"Die braune Wand hinten macht einen Kammermusiksaal aus dem großen Konzerthaus."# - Die Mozart-Symphonie beginnt, wie es im Programmheft heißt, mit der längsten, weit ausgreifenden Adagio-Einleitung, die Mozart je schrieb (was ich nicht wusste). - Vielleicht fehlt deswegen das Menuett (der damals traditionelle 3. Satz). - Wohlklänge ertönen. Auf Dauer vermisst man ein bißchen Feuer. #"Etwas betulich. Die genialen Durchschläge fehlen. Liegt es am Interpreten? Oder daran, dass die Doppelfunktion Intensität raubt? - Der Applaus am Ende zielt schon auf Zugabe."# - Was sich auch seit einiger Zeit verbreitet hat, ist das einzelne Hervorheben einzelner Instrumentengruppen aus dem Ensemble. Soll es 'Gerechtigkeit' bringen? Oder den Applaus verlängern? Das 'Ensemble' zerfällt ja so in einzelne Teile. - Wie auch immer: Es gibt eine Zugabe! Aber auch nur eine! Das liegt weniger an den Musikern! Das Publikum, die Hamburger stehen nach der ersten Zugabe auf. Das hat weniger die Bedeutung von 'Standing Ovations', sondern es zeigt an: #"Danke, das war gut und gehört zu einem guten Konzert dazu; aber jetzt wollen wir nach Hause gehen – und den Rest des Weihnachtsabends zu Hause verbringen."#

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©WM