in der Frankfurter Alten OperBarbara Altherr
Frankfurt am Main (Weltexpresso) - Mit einem programmatisch klug gespannten Bogen von der Renaissance bis zur Gegenwart gastierten Iveta Apkalna und der Staatschor Latvija am 16.1.26 im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Unter der Leitung von Māris Sirmais entstand ein Konzertabend, der die große Tradition der englischen Kathedralmusik mit der Ausdruckskraft moderner baltischer Chorkunst verband.
Iveta Apkalna gehört seit Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten der internationalen Orgelszene. Mit ihrer außergewöhnlichen technischen Souveränität und einem ausgeprägten Gespür für Klangfarben hat sie die Orgel als modernes, hochdifferenziertes Konzertinstrument etabliert. Apkalna verbindet analytische Klarheit mit emotionaler Intensität und versteht es, selbst komplexe musikalische Strukturen transparent und spannungsvoll zu gestalten. Ihre Interpretationen zeichnen sich durch eine präzise Registrierung, ein feines Gespür für Raumakustik und eine starke dramaturgische Handschrift aus. Damit überschreitet sie bewusst die Grenzen traditioneller Orgelaufführung und prägt das zeitgenössische Bild des Instruments nachhaltig.
Der Staatschor Latvija, größtes professionelles Vokalensemble des Baltikums und eine der führenden Chorstimmen Europas, präsentierte den charakteristischen, klar fokussierten Klang der lettischen Chortradition – kultiviert, diszipliniert und von großer Ausdruckskraft.
Im Zentrum des Programms in der Alten Oper stand die Beziehung zwischen Orgel und Chor, nicht als Konkurrenz monumentaler Klangkörper, sondern als fein austarierte Partnerschaft. Den Auftakt bildete Lionel Roggs „La Cité céleste“ aus den Deux Visions de l’Apocalypse, ein Werk von leuchtender Klangsprache, das Apkalna mit großer Klarheit strukturierte. Ihre differenzierte Registrierung ließ die Visionen zwischen irisierender Transparenz und eruptiver Kraft entstehen. Mit William Byrds „Ave verum corpus“ öffnete sich der Raum in Richtung meditativer Innerlichkeit. Der Staatschor Latvija überzeugte hier wie im gesamten Konzert mit homogenen Stimmgruppen, präziser Intonation und einer klanglichen Disziplin, die selbst leise Passagen von hoher Spannung trug. Diese Qualitäten kamen auch in Benjamin Brittens festlichem Te Deum in C-Dur für Sopran, Chor und Orgel eindrucksvoll zur Geltung: rhythmisch prägnant, zugleich von strahlender Zuversicht getragen.
Ein besonderer Akzent des Abends lag auf der Musik baltischer Komponisten. Rihards Dubras „Herr, bleib bei uns!“ und Pēteris Vasks’ eindringliches „Dona nobis pacem“ verliehen dem Konzert eine aktuelle, fast politische Dimension. In diesen Werken verband sich schlichte Klangsprache mit existenzieller Dringlichkeit – eindrucksvoll getragen von der ruhigen Autorität des Chores und Apkalnas sensibler, nie dominierender Orgelbegleitung.
Johann Sebastian Bachs Fantasie G-Dur BWV 572, die berühmte „Pièce d’Orgue“, markierte einen solistischen Höhepunkt. Apkalna ließ die Architektur dieses Werks plastisch hervortreten: der majestätische Mittelteil von strenger Größe, flankiert von lebendiger Beweglichkeit und kontrollierter Kraft. Hier zeigte sich ihre Meisterschaft im Umgang mit Raum, Klangbalance und musikalischer Dramaturgie.
Mit Edward Elgars „Lux Aeterna“ sowie Purcells „Hear my Prayer, O Lord“ in der Bearbeitung von Sven David Sandström verdichtete sich die emotionale Intensität des Abends. Besonders letzteres Werk entwickelte eine eindringliche Spannung, die sich aus der schrittweisen klanglichen Steigerung speiste und in der Akustik der Alten Oper nachhaltig wirkte. Thierry Escaichs „Evocation II“ sowie drei Motetten für Chor und Orgel führten das Programm in die Gegenwart fort. Den Schlusspunkt setzte Henry Balfour Gardiners „Evening Hymn“.
Mit diesem Konzert erwiesen Iveta Apkalna, der Staatschor Latvija und Māris Sirmais der geistlichen Chormusik mit Orgelbegleitung eine eindrucksvolle Reverenz und zeigten zugleich, wie berührend diese Musik bis heute sein kann. Sie machten den Abend in der Alten Oper Frankfurt zu einem eindrucksvollen Plädoyer für die zeitlose Kraft geistlicher Musik.
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