Bildschirmfoto 2021 01 06 um 00.14.51Am Abend vor den singulär bedeutsamen Stichwahlen für beide Senats-Sitze von Georgia gab Donald Trump dort einen über weite Strecken ermüdenden Auftritt

Andreas Mink

New York (Weltexpresso) - Gestern, Dienstag, fiel in Georgia die Entscheidung über den Handlungsspielraum von Joe Biden als US-Präsident. Nur wenn die demokratischen Kandidaten Jon Ossoff und Raphael Warnock die amtierenden Konservativen Kelly Loeffler und David Perdue besiegen, würde Biden auf 50 Demokraten und damit eine denkbar knappe Mehrheit im 100 Köpfe starken US-Senat zählen können.

Denn bei einem Patt würde Vizepräsidentin Kamala Harris qua Amt ihre Stimme für die Demokraten in die Waagschale werfen können. Deshalb haben Spender beider Seiten seit Anfang November mindestens eine halbe Milliarde Dollar in diese Rennen investiert – eine Rekordsumme.

Überschattet wurde die Kampagne von Donald Trump, der in zunehmend bizarrer Manier den Wahlsieg von Joe Biden in Abrede stellt und damit die eigene Partei zu spalten droht. Denn gerade in Georgia attackiert Trump republikanische Mandatsträger und Offizielle, die angeblich an diesem Wahlbetrug mitwirken. So hat er am Samstag den für die Wahlaufsicht zuständigen Innenminister Brad Raffensperger eine Stunde lang am Telefon bearbeitet, das Ergebnis irgendwie zu wenden und ihm doch noch den Sieg zuzuschanzen. Raffensperger hat das denkwürdige Telefonat wenig später an Medien weiter gegeben.

Vor diesem Hintergrund wurde Trumps Auftritt Montagnacht im erzkonservativen Nordwesten Georgias mit grosser Spannung erwartet: Wie kann er gleichzeitig von Wahlbetrug fabulieren und Anhänger zum Wählen bewegen? Trump tat dies mit dem schwachen Argument, sofern die republikanische Mehrheit überwältigend gross wäre, würde den Demokraten keine Manipulation gelingen. Er kam mehrfach auf diesen Punkt zurück. Letztlich wirkte er jedoch wie ein Mann, der authentisch immer noch nicht seine Niederlage fassen kann. So gab er deutlich mehr Zeit auf ermüdende Details frei erfundener Zahlenspiele, die angeblich Betrügereien in zahlreichen Gliedstaaten beweisen sollten. Zwischendurch stellte er die Demokraten generell, im besonderen aber Ossoff und Warnock als Kommunisten dar, die Polizei und das Militär hassen, sowie die härtesten Steuererhöhungen aller Zeiten durchsetzen würden.

David Purdue weilt aufgrund der Ansteckung eines engen Mitarbeiters in Covid-Quarantäne und war nur via Video präsent. Loeffler durfte ein, zwei Minuten zu Trump auf die Bühne, der anschliessend der Abgeordneten Marjorie Taylor Greene deutlich mehr Zeit am Mikrofon erlaubte. Ob die erste bekennende Anhängerin des antisemitischen QAnon-Kults im US-Kongress heute Moderat-Konservative für Loeffler und Purdue motivieren kann, darf bezweifelt werden.

Doch darauf wird es bei dieser Schicksalswahl ankommen: die Mobilisierung der jeweiligen Wähler-Gruppen. Angesichts des Debakels im November wollen Demoskopen keine Vorhersage wagen. Womöglich haben die Demokraten leichte Vorteile (Link). Aber nun hängt das Ergebnis von der republikanischen Basis ab: Die Demokraten haben vor allem die für sie Match-entscheidenden Afroamerikaner in überdurchschnittlich hoher Zahl zu vorzeitigen Stimmabgaben motiviert. Die überwiegend weissen Republikaner gehen jedoch traditionell primär am Wahltag an die Urnen – also heute.

Wie Trump mit seiner Realitätsverweigerung bei diesen Georgians ankommt, wird der heutige Wahltag zeigen. Zu hoffen bleibt, dass die Ergebnisse tatsächlich klarer ausfallen und rascher feststehen, als im November. Seinerzeit stand Bidens Vorsprung von 11'779 Stimmen auch aufgrund von Nachzählungen erst am 20. November endgültig fest.

Foto:
Donald Trump und Kelly Loeffler bei dem gestrigen Auftritt
©tachles

Info:
Nachdruck des Artikels mit freundlicher Genehmigung aus dem Wochenmagazin TACHLES vom 5.1. 2021