dbp helfer17Serie: Deutscher Buchpreis 2017, 5: Lange Liste: die Österreicher

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) -  Natürlich ist das kein Auswahlkriterium für die Jury, Österreicher sein zu sollen, zu müssen, zu dürfen. Auch dann nicht, wenn die Jurysprecherin selbst Österreicherin ist. So viele Österreicher auf der Liste ist,, so vermuten wir, eher gegen ihre Absicht und Wünsche geschehen.

Noch dazu sind die Romane dieser fünf Österreicher: drei Männer und zwei Frauen, überwiegend in bundesdeutschen Verlagen erschienen. Was ROBERT MENASSE angeht und sein DIE HAUPTSTADT, erschienen bei Suhrkamp, so ist uns bisher nur die Handlung bekannt, das Buch kam gerade erst und außer, daß der Umschlag ansprechend aussieht, kann man noch nicht viel mehr sagen, als daß die Inhaltsangabe interessant klingt. Robert Menasse ist – wie seine Schwester Eva Menasse, die dieses Jahr die Laudatio zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält und leider nicht mit einem Roman vertreten ist, sie ist nämlich Spitze! - ein literarisches Schwergewicht. Der 1954 geborene Wiener hat sich mit DIE HAUPTSTADT nicht Berlin vorgenommen und auch nicht Wien, sondern BRÜSSEL, was einen sofort an eine politische Abrechnung denken läßt. Aber das ist unsere Phantasie. Mehr nach dem Lesen.

Auch FRANZOBEL ist ein bekannter Name. Der 1967 Geborene heißt eigentlich Franz Stefan Griebl und warum er das heute öfter betonen muß als früher, das begründet er mit den neuen angeblich perfekt gesicherten Pässen, wo Künstlernamen es schwer haben. Woher wir das wissen? Er war der Überraschungsgast beim jährlichen Treffen mit einem unbekannten Autor, was die Deutsche Bank jeweils noch vor Bekanntgabe der letzten Sechs veranstaltet, worüber wir gleich berichten wollen. Unter dem Romantitel DAS FLOSS DER MEDUSA können sich zumindest die alle etwas vorstellen, die die Kunstgeschichte und dies berühmte und auch berüchtigte Gemälde von Gericault kennen. Es ist ein spannendes Thema, das allerdings schon sehr oft bearbeitet wurde, als Roman und auch als Film.

Zuerst jedoch MONIKA HELFER mit ihrem bei Jung und Jung erschienen Roman SCHAU MICH AN, WENN ICH MIT DIR REDE! Herrlicher Titel und die Geschichte ist eine aus der Großstadt. Das schon mal zuerst. Denn daß Scheidungskinder sich in der Anonymität vielleicht besser zurechtfinden, als in überschaubaren Verhältnissen, glaubt man beim Lesen dieses kleinen feinen Buches sofort. Auf 180 kleineren Seiten stecken die Lebensverhältnisse dieser – wie man dumm sagt – Patchworkfamilie drinnen. Deshalb dumm, weil der Begriff Patchwork, auf Deutsch Flickwerk, bei uns auf Decken Bezug nimmt, die als Einzelteile gefertigt, dann aneinandergereiht und befestigt, ein Ganzes ergeben. Eine Decke auf Betten, Tischen oder zum Einwickeln.

Aber die einzelnen Familienangehörigen von Vev, um die es geht, ergeben eben kein Ganzes, sondern bleiben Flickwerk. Sie ist Scheidungskind, wobei ihr Vater Milan längst eine neue Frau mit deren eigenen Töchtern als Familie hat. Zudem hält Milan seinen Nachfolger bei Vevs – kommt als Abkürzung von Genoveva, wie die blinde Großtante, dann heißt es wieder die Mutter, geheißen hatte -, diesen Vevs Mutter Sonja hingegebenen, sich The Dude nennenden Typen, der reich ist, für einen totalen Versager, schon deshalb, weil er – wie einst er – auf diese dümmliche Sonja hereingefallen ist.

Lustig, daß dem Buch ein Zitat von Thomas Melle als Motto vorangestellt ist: „Es beginnt mit einem Gefühlsüberschuß.“ Lustig deshalb, weil Thomas Melle, auch ein Buchpreiserfahrener – sein Roman im letzten Jahr DIE WELT IM RÜCKEN ist noch in sehr guter Erinnerung - in diesem Jahr nicht dabei ist, aber gerade in Frankfurt, genauer in Bergen-Enkheim als diesjähriger Stadtschreiber eingeführt wurde – immerhin die älteste Institution in diesem Land. Beim Lesen über diese Vev und ihre Familie wird einem bang ums Herz, weil das Großwerden von Kindern in unsicheren Verhältnissen einfach wehtut. Und wenn das so ist, dann heißt das auch, daß Monika Helfer eine Person so schildern kann, daß deren Schicksal unter die Haut geht. Aber, das ist nicht alles. Denn die Dinge, die mit The Dude zusammenhängen, sind echt komisch und so ist das nicht allein ein trauriges Buch, sondern ein buntes auf jeden Fall. Stimmt übrigens: merkwürdig diese Sonja, die Mutter. Und merkwürdig, daß Männer an solchen Frauen hängen, finden Frauen, wenigstens ich.


Die nominierten Romane - in alphabetischer Reihenfolge, dem Verlag und dem Veröffentlichungsdatum:

Mirko Bonné: Lichter als der Tag (Schöffling & Co, Juli 2017)
Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017)
Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017)
Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! (Jung und Jung, März 2017)
Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen (Weissbooks, August 2017)
Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017)
Jonas Lüscher: Kraft (C.H. Beck, März 2017)
Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017)
Birgit Müller-Wieland: Flugschnee (Otto Müller, Februar 2017)
Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz Berlin, März 2017)
Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017)
Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo (Berlin Verlag, März 2017)
Robert Prosser: Phantome (Ullstein fünf, September 2017)
Sven Regener: Wiener Straße (Galiani Berlin, September 2017)
Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017)
Ingo Schulze: Peter Holtz (S. Fischer, September 2017)
Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen (Klett-Cotta, September 2017)
Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017)
Christine Wunnicke: Katie (Berenberg, März 2017)
Feridun Zaimoglu: Evangelio (Kiepenheuer & Witsch, März 2017)

Info:
Die Longlist. Lesproben, 2017 deutscher buchpreis, Stiftung Börsenverein des Deutschen Buchpreises, erhältlich in der Buchhandlung Ihrer Wahl