dbp prosserphantomeSerie: Deutscher Buchpreis 2017, 6: Lange Liste: die Österreicher

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) -  Robert Prossers PHANTOM, erschienen bei Ullstein fünf, ist ein politischer Roman über den Jugoslawienkrieg, bis heute ein unbewältigter europäischer Skandal, wo es nahe liegt, daß man von Wien aus genauer hinschaut.

Nach Wien hatte sich 1992 Anisa aus ihrem bosnischen Dorf aufgemacht, eine Flucht, wobei die zwei Männer ihres Lebens zurückblieben: ihr Vater und ihr bosnisch-serbischer Freund. Die Tochter Sara reist in die Heimat der Mutter und wir sind mittendrinnen und wissen noch nicht, wie es ausgeht. Auf jeden Fall ist für uns Robert Prosser, 1983 in Tirol geboren, eine Entdeckung und seine kraftvolle Sprache auch.

Birgit Müller-Wieland ist die Fünfte im Bunde der Österreicher und ihr im Otto Müller Verlag erschienener Roman FLUGSCHNEE ist ein Suchaufruf an den verschwundenen Bruder Simon. Schon auf der 3. Seite ruft die Haupterzählerin Lucy nach ihm und sein Verschwinden setzt bei ihr einen Strom im Unterbewußten in Gang, der diesen Roman trägt und uns in die Kindheit der beiden versetzt, wobei Lucy erst jetzt wahrnimmt, wie buchstäblich seelisch kalt es an jenem eiskalten Wintertag in Hamburg war.

Beim Lesen spürt man etwas Gefährliches über einem, kann es nicht richtig fassen, wird aber dabei durch Europa gejagt, ist also schnell als Leserin an der Stelle von Lucy. Welche bedeutsame Rolle dabei ‚Die Ästhetik des Widerstands‘ von Peter Weiss spielt, ist einem lange unerklärlich. Man nimmt angesichts der vielen Zitate und Querverweise sich unbedingt vor, diesen großen Roman endlich einmal wiederzulesen und dann – beim Studieren der dankenswerter Weise in den Leseproben doch recht ausführlichen Autorenangaben, hier Birgit Müller-Wieland, liest man: „Sie studierte Germanistik und Psychologie in Salzburg und promovierte über Peter Weiss‘ monumentalen Roman ‚Die Ästhetik des Widerstands.“ Aha. Ach so. Jetzt versteht man die Zitate besser, nicht die Zitate, aber, warum sie hier stehen. Und  es bleibt dabei. Ich sollte ihn wiederlesen, diesen Roman, der mir damals ungeheuer wichtig war. Wenigstens das weiß ich noch.

Nun ist Österreicher und Österreicherin zu sein bei der Auswahl zum Deutschen Buchpreis keine eigene Gattung. Aber es schien uns auffällig, daß von den ausgewählten Zwanzig ein Viertel aus Österreich kommen, aber nur ein Schweizer dabei ist. Interessant nun, welche Themen behandelt werden. Insbesondere die beiden Autorinnen erzählen Familiengeschichten, aber Robert Prosser auch. Die beiden weithin bekannten Schriftsteller hingegen, machen einmal eine grausige Geschichte aus der Historie zu ihrem Thema, ein andermal das europäische Wirren in Brüssel.


Die nominierten Romane - in alphabetischer Reihenfolge, dem Verlag und dem Veröffentlichungsdatum:

Mirko Bonné: Lichter als der Tag (Schöffling & Co, Juli 2017)
Gerhard Falkner: Romeo oder Julia (Berlin Verlag, September 2017)
Franzobel: Das Floß der Medusa (Paul Zsolnay, Januar 2017)
Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! (Jung und Jung, März 2017)
Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen (Weissbooks, August 2017)
Thomas Lehr: Schlafende Sonne (Carl Hanser, August 2017)
Jonas Lüscher: Kraft (C.H. Beck, März 2017)
Robert Menasse: Die Hauptstadt (Suhrkamp, September 2017)
Birgit Müller-Wieland: Flugschnee (Otto Müller, Februar 2017)
Jakob Nolte: Schreckliche Gewalten (Matthes & Seitz Berlin, März 2017)
Marion Poschmann: Die Kieferninseln (Suhrkamp, September 2017)
Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo (Berlin Verlag, März 2017)
Robert Prosser: Phantome (Ullstein fünf, September 2017)
Sven Regener: Wiener Straße (Galiani Berlin, September 2017)
Sasha Marianna Salzmann: Außer sich (Suhrkamp, September 2017)
Ingo Schulze: Peter Holtz (S. Fischer, September 2017)
Michael Wildenhain: Das Singen der Sirenen (Klett-Cotta, September 2017)
Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen (Frankfurter Verlagsanstalt, März 2017)
Christine Wunnicke: Katie (Berenberg, März 2017)
Feridun Zaimoglu: Evangelio (Kiepenheuer & Witsch, März 2017)


Info:
Die Longlist. Lesproben, 2017 deutscher buchpreis, Stiftung Börsenverein des Deutschen Buchpreises, erhältlich in der Buchhandlung Ihrer Wahl