Hildur Rúnasdóttirs vierter Fall in den Westfjorden Islands
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Aufmerksam wurden wir auf die Islandkrimis der Finnin Satu Rämö durch eine, wenn auch wichtige Nebenfigur, nämlich den strickenden Jakob, der Finne, der auf einmal in Island zum Polizisten wird. Das war eine Zeitlang Mode, die strickenden Ermittlerinnen, denen da ein Mann dann nacheiferte. Die Moden in den Krimis, das wäre ein eigenes Kapitel. Aber hier geht es erst einmal um Hildur und alles in allem gehört sie zu den Heldinnen der weiblichen Ermittlerinnen.
Das Wichtigste ist ihre Normalität einerseits, nichts da mit Ehekrisen, erotischen Abenteuern und Nabelschau, mit Kindern und verkrachten Freundschaften. Sie ist ledig mit einem Freund weit weg, von dem sie weiß, dass er nicht unbedingt sein muß, weshalb sie gegen Schluß des vierten Bandes auf ihn gerne verzichtet. Andererseits ist Hildur eine, die gegen alle Widerstände und Widrigkeiten so minutiös im Ablauf ihre Arbeit macht, dass man ihr, die ansonsten keine interessante Figur abgibt, einfach aufgrund ihrer nicht nachlassenden ermittelnden Tätigkeit richtig Respekt entgegenbringt.
Es beginnt mit einem Kreuzfahrtschiff, das in Ísafjörður anlegt, der Hafenstadt im äußersten Nordwesten Islands. Das ist nichts Besonderes, denn die Kreuzfahrtschiffe halten alle für einen Tag, an dem die Tausende von Passagieren dann in die Umgebung ausschwärmen, wobei das eher altertümliche gut erhaltene Dorf die Hauptattraktion ist. Doch hier geht es um einen jungen Mann, der übel zugerichtet ins Krankenhaus muß. Er war Küchenhilfe auf dem Schiff, will auf keinen Fall zurück, aber redet nicht. In keiner Sprache. Später weiß man,d aß er alles verstanden hatte, aber seine Gründe für sein Schweigen hatte. Außerdem hatte es Erfolg. Die Finnen zwangen ihn nicht zur Rückkehr. Ganz am Schluß weiß man, was hier los ist, weshalb er schwieg und was nötig war, damit sich alles zum Guten wendet.
Aber letzten Endes ist dieser Fall nur Begleitmasse, wie – siehe oben die Moden – derzeit in den Krimis oft zwei Fälle alternierend erzählt werden, als ob ein Fall alleine langweilig wäre. Das eigentliche Ereignis, das dann eine sehr schwierige langwierige Ermittlung Hildurs nötig macht, ist ein grauslicher Fund, auf den ein Traktor bei Erdarbeiten stößt und diese unterbrechen muß. Aus den ersten Knochenfunden werden eine Anzahl von fast vollständigen Skeletten freigelegt, die schon lange in der Erde ruhen.
Was hat ihre Familie, ihre Eltern und die Vorderen mit den Toten zu tun? Das muß sich Hildur fragen, die ansonsten eh Probleme mit ihrer Familie hat, wobei sie diejenige ist, die sich um ihre zwei Schwestern kümmert, von denen die eine – unschuldig – eine Gefängnisstrafe absitzt. Sehr schwierige Familienverhältnisse und eine große Resilienz, die Hildur aufbringen muß, aber auch kann. Das ist gemeint, mit dem Respekt, die man einer in keiner Weise spektakulären Person nach und nach entgegenbringt, Hildur tut, was nötig ist.
Und dann ist da noch Helga, die inzwischen im Altersheim immer vergeßlicher wird und sich über Hildurs Besuche freut, weil beide dann über die Liebe ihres Lebens sprechen können: die inzwischen verstorbene Mutter von Hildur. So abgelegen Ísafjörður für uns liegt, nehmen es die dortigen Probleme locker mit den mitteleuropäischen auf. Helga war verheiratet und konnte und wollte ihren Mann nicht verlassen, liebte aber Hildurs Mutter abgöttisch, die zu den emsigen Frauen gehörte, die mit einem lieblosen und wenig verdienenden Mann, durch ihre selbstangerührten Hautcremes das Familiengeld vermehrten.
Das fällt einem eigentlich erst beim Besprechen dieses Kriminalromans auf, dass neben der eigentlichen Ermittlung eine Reihe von durchaus ungewöhnlichen zwischenmenschlichen Beziehungen im Vorbeistreifen miterzählt werden. Wie auch die Geschichte von Matias, dem Sohn von Jakob, der jetzt bei ihm lebt, aber meist lieber bei Hildur Unterschlupf findet, was leicht möglich ist, denn es handelt sich um Hildurs Doppelhaus, dessen eine Hälfte sie bewohnt, die andere Jakob mit Matias.
Die historischen Hintergründe für die vielen Skelette sind wirklich grausam, aber Hildur klärt alles auf und kommt auch für sich persönlich weiter, weil sie nun die Hintergründe für schwierigen Verhältnisse in ihrer Familie in der geschichtlichen Konstellation verstehen lernt.
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Info:
Satu Rämo, HILDUR, Die Tote am Meer, Heyne Verlag 8/2025
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