spion„Die spektakulärste Geheimdienstgeschichte des Kalten Krieges“ stand 2019 auf der Krimibestenliste

Claudia Schulmerich

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Keine Ahnung, wie das passieren konnte. WELTEXPRESSO bespricht ja jedes Buch der monatlich neu zusammengestellten Krimibestenliste und die Redaktion hat inzwischen schon länger einen Krimikeller, in dem nach dem Alphabet geordnet, alle besprochenen Krimis stehen. Nur DER SPION UND DER VERRÄTER flog irgendwie immer in der Redaktion herum. Mal unter den zu besprechenden Büchern, mal in der 2. Reihe, immer ging etwas anderes vor, bis in einer Redaktionssitzung beschlossen wurde, dass die Redaktionsleitung endlich tätig werden, lesen und besprechen sollte. Bitte schön.

 

Das Lesen war nämlich das reinste Vergnügen, auch wenn es teils um beschämende und menschenverachtende Aktionen der politischen Akteure geht und Angst geradezu aus den Seiten springt.  Über dem Buch liegt ein Gefühl, das sich sprachlich als John Le Carré artikulieren läßt, der zudem zu dem vorliegenden, ja was, ein Biographie ist es nicht oder eigentlich doch, eine Mischung, die das wirkliche Leben von Oleg Gordijewski wie in einer fiktiven Spionagegeschichte lesen läßt, aber doch Wahrheit bleibt, auch wenn, wie angedeutet, man eine Geschichte von John le Carré zu lesen glaubt. Der wird zudem als anerkannter Fachmann auf der Titelseite zitiert: „Die beste Spionagegeschichte, die ich je gelesen habe.“ Mehr geht ja wohl nicht. Also möchte man eigentlich nur sagen: „Bitte weitersagen, unbedingt kaufen und noch wichtiger: lesen!“ Aber das geht nicht so einfach, also mehr Inhalt!

Man sollte sich vor dem Lesen noch mal mit Harold Adrian Russell "Kim" Philby (1912–1988) beschäftigen, dem wohl erfolgreichsten Spion des 20. Jahrhunderts. Er war der Kopf der Cambridge Five, allesamt Studenten von der Moral des Kommunismus überzeugt, wurde 1933 noch beim Studium für den Sowjetischen Geheimdienst angeworben und erst danach Teil des britischen Auslandgeheimdienstes M 16, wo er sogar zum Leiter der Abteilung für sowjetische Spionageabwehr aufstieg und jahrelang ungehindert die englischen und westlichen geheimen Vorhaben für die UdSSR verriet und damit auch die Menschen, die für den M 16 arbeiteten. Fürwahr den Bock zum Gärtner gemacht. Das Vergleichbare auf dem Hintergrund des eigentlich Unvergleichlichen ist eben, dass auch Oleg Gordijewski, der schon familiär im Umfeld des KGB aufwuchs, eine Bilderbuchkarriere im eigenen Geheimdienst hinlegte, allerdings längst dem M 16 berichtete, und unmittelbar dann, als er gerade in London die Leitung der Londoner sowjetischen Niederlassung übernehmen sollte, nach Moskau beordert wurde, um als englischer Spion entlarvt zu werden, was auf den ersten Anhieb nicht gelang, was aber auf jeden Fall die Aufgabe der Arbeit in London nach sich zog und Gefahr für Leib und Leben bedeutete. Natürlich ist dann seine vom M16 minutiös geplante und tatsächlich erfolgreiche Flucht im Juli 1985 aus Moskau über Leningrad nach Finnland und Norwegen und von dort nach Großbritannien der spannendste Teil. Doch da sind wir der Zeit weit voraus und es sind gar nicht diese spektakulären Teile wie die Flucht dasjenige, was einen fesselt, sondern das Psychogramm des Russen, das sich beim Lesen vor dem inneren Auge aufbaut. Im Nachhinein wäre er vielleicht nie so wahrnehmungskritisch und damit der Sowjetideologie – von Kommunismus will man nicht sprechen, denn den gab es in der Sowjetunion nie - abtrünnig geworden, wäre nicht schon seine Mutter dieser gewollten, stromlinienförmig herbeizitierten Überidentifizierung mit der sich moralisch im Recht fühlenden Sowjetunion mit Distanz begegnet. Gegnerschaft ging nicht, konnte ohne die Folgen von Verfolgung und Vernichtung nicht gelebt werden, aber Oleg spürte bei ihr Distanz, im Gegensatz zu Olegs Vater, dessen oberster Gott erst Stalin und dann die folgenden Sowjetführer waren und der lebenslang im KGB arbeitete, seiner wahren Familie.

Mit diesem familiären Hintergrund und dem Aufwachsen des jungen Oleg beginnt das Buch, wo zwangsläufig der KGB in seinem Aufbau und der politischen Bedeutung im Mittelpunkt steht und Olegs Motivation aufscheint, dem sowjetischen Geheimdienst beizutreten, angesichts der Mitgliedschaft der meisten Familienmitglieder im KGB. Das alles ist informativ, die Geschichte selbst nimmt Fahrt auf, als er als erste Auslandsstation nach Dänemark, nach Kopenhagen entsandt wird. Schon dort findet der erste Kontakt mit den Engländern statt und diese Kontaktaufnahme ist derart kompliziert in der Abfolge der einzelnen Schritte, dass man einen Intelligenztest bestehen müßte, auf jeden Fall ein sehr gutes Gedächtnis braucht, um die Winkelzüge zu behalten, mit denen solche Spione im eigenen Lager trotz Überwachung noch als integer gelten, aber doch den verabredeten Ort mit den eigentlich gegnerischen, aber insgeheim Vertrauenspersonen des gegnerischen Geheimdienstes erreichen. Absolut faszinierend, weil einem manches wie erfunden vorkommt, aber tatsächlich so geschehen ist. Fragt man sich, warum Oleg so erfolgreich seine Abtrünnigkeit verbergen konnte, fällt einmal seine Abstinenz gegenüber Alkohol auf und seine Sprachbegabung, aus der er auch was machte und mehrere Sprachen sprechen konnte. Wichtig für die Einordnung Olegs Naturells und seiner Motive ist eben auch, dass er es ablehnte, seine Spionagetätigkeit mit Geld bezahlen zu lassen. Bei fast allen Spionen ist das Geld das notwendige Treibmittel. 

Auch in der nächsten Station in Norwegen spann Gordijewski seine Fäden weiter und wurde für den M16 immer wichtiger, was sich steigerte, als er nach London versetzt wurde, mitsamt Frau, die erst einmal Kinder, zwei Mädchen, bekam. In London fühlte sich die Familie sehr wohl und in London fand der wichtigste Teil seiner Spionagetätigkeit statt. Unmöglich im Detail wiederzugeben, wie die Geheimdienstkontakte zwischen Großbritannien und den USA abliefen, wobei die Leserin schon die Grundaussage überraschte, dass man sich innerhalb der westlichen Geheimdienste erst einmal wenig gegenseitig mitteilt und schon gar nicht die Personen nennt, die für die jeweilige Seite spionieren. Längst ist auch derjenige vorgekommen, der Gordijewski und fast alle westlichen Geheimdienstler an die UdSSR verriet und dies aus rein finanziellen Motiven! Man muß schon schlucken, wenn man erfährt, dass da ein Mensch Hunderte ans Messer lieferte – meist gab es Todesurteile in Moskau - , nur damit er und die Dame seines Herzens im Luxus leben konnten. Da gab es keine andere Motivation. Nur den Judaslohn. Der muß allerdings gewaltig gewesen sein und es dauerte sehr lange, bis dieser Verräter eines Verrats im Westen dingfest gemacht wurde und nach einem Prozeß derzeit noch immer im Gefängnis sitzt, während Oleg bis zu seinem Tod im letzten Jahr in einem Safe House in London lebte und weit geachtet in der Welt mit seiner Geschichte herumreiste und Anteilnahme fand.

Seine spektakuläre Flucht im Kofferraum eines Wagens, begleitet von drei russischen Geheimdienstautos, über die Sowjetautobahn von Leningrad nach Finnland, ist deshalb so sensationell, weil sie eigentlich angesichts der Überwachung nicht hätte gelingen können. Gerade die Unverfrorenheit, mit der zwei englische Geheimdienst-Ehepaare mitsamt einem Baby, den Russen im Kofferraum, nach Finnland aufbrachen und sich um den sowjetischen „Begleitschutz“ nicht kümmerten, hat sicher geholfen, aber der eigentlich Trick war, dass Oleg auf eigene Rechnung bis zu dem Autobahnrastplatz gelangen mußte, ca. 40 km von der Grenze entfernt, wo die Engländer wirklich nur ganz kurz auf eine Toilettenpause hielten, was die nachfolgenden Verfolger gar nicht mitbekommen hatten, sich nur gewundert hatten, weshalb die Londoner mit ihren Wagen auf einmal hinter ihnen waren.

Was gefällt, ist eben, dass man die Alltagsarbeit eines Spions so detailliert mitbekommt und vor diesem Mann, Oleg Gordijewski absolut Hochachtung empfindet, denn er hätte ein einfacheres Leben haben können, hat sich aber für ein für ihn ethisch sauberes entschieden. Seine zwei Ehe blieben dabei auf der Strecke und seinen Töchtern konnte er beim Aufwachsen kein stabiler Vater sein. Erst nach der Perestroika konnte die Familie nach London nachkommen, von der verlorenen Zeit konnte sich niemand mehr erholen und Gordijewski lebte wieder alleine.

Foto:
Umschlagabbildung

 

Info:
Ben Macintryre, Der Spion und der Verräter. Die spektakulärste Geheimdienstgeschichte des Kalten Krieges, Inseltaschenbuch 5133, 2025
ISBN 978 458 68433 6