ha3Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 22. Januar 2026, Teil 10

 Chloé Zhao

London  (Weltexpresso) – In HAMNET geht es um Liebe und Tod und wie diese beiden grundlegenden menschlichen Erfahrungen sich wie in der Alchemie durch Kunst und das Erzählen von Geschichten verwandeln und transformieren können. Es ist eine Geschichte der Metamorphose. Oft habe ich keine Worte, um zu beschrieben, warum ich mich für ein Projekt entscheide. Oftmals lasse ich mich leiten von meinem Instinkt, einem starken Gefühl in meinem Herzen. Geschichten tauchen in meinem Leben auf, als hätten sie mich ausgesucht, und ich habe keine andere Wahl, als mich ihnen auszuliefern.

HAMNET kam in mein Leben wie ein Flüstern, das sich zu einem Wirbelsturm auswuchs. Am Ende der Reise war ich wie weichgeklopft. Ich hatte wirklich erfahren, wie es sich anfühlt, mit offenem Herzen im Auge des Sturms zu leben – die Schönheit, der Schmerz, der Nervenkitzel an der Grenze zur Auslöschung und die Stille.

Vom schwarzen Loch im Frühlingsboden des alten Waldes hin zu der dunklen Tür auf der Bühne des regengetränkten Globe Theatre stieg ich hinab mit einem ganzen Dorf mutiger Seelen an meiner Seite, und gemeinsam hielten wir einander fest und ließen uns von den unterirdischen Strömen unseres Unterbewusstseins mitreißen. Inmitten des Chaos baten wir Agnes und William, uns zu führen. Wir baten alle Frauen in der Vergangenheit und Gegenwart, die großen Schmerz und Verlust erlitten haben, und alle Männer, die ihre Gefühle unterdrückt haben und vor sich selbst weggelaufen sind, uns zu führen. Wir baten den Wald, den Fluss, die Erde, uns zu führen. Und wir baten unsere eigenen wilden Herzen, die sich verzweifelt nach Freiheit und Frieden sehnen, uns zu führen. Am Ende tanzten wir auf und neben der Bühne des Globe, und die Schleier zwischen Realität und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart, dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, Liebe und Tod waren wie aufgehoben. Es gab keine Trennung mehr. Wir waren eins in diesen kostbaren Momenten. Ich habe es in meinem Körper gespürt, in meinen Knochen, dass Liebe nicht stirbt, sondern sich verwandelt.

Mein ganzes Leben über hatte ich Angst vor dem Tod. Infolgedessen hatte ich auch Angst vor der Liebe. Ich wusste nicht, wie ich mein Herz offen halten sollte, während ich auf die
Vergänglichkeit des Lebens starrte. Ich habe vier Filme gemacht über Figuren, die einen schrecklichen Verlust erlitten haben und durch Akzeptanz zu sich selbst finden. HAMNET ist
die Summe dieser Reise. Mit Shakespeares „Hamlet“ als heiligem Rahmen konnte ich tief eintauchen in die Unterwelt, um das Verlorene zu finden, das mir so viel Angst gemacht hatte:
sowohl Liebe als auch den Tod zu erfahren. Maggie hatte mit ihrem Buch ein Portal geöffnet, eine Brücke, die uns mit Will in einer Weise verbindet, wie es zuvor nicht möglich gewesen
war.

„Alles im Leben muss sterben und durch die Natur in die Ewigkeit übergehen.“
„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.“
„Der Rest ist Schweigen.“

Will hat eine Geschichte geschrieben über Liebe und Tod, und ich fühle mich geehrt und glücklich, seine Botschaften für ein Publikum von heute interpretieren zu dürfen. Wir wussten,
wir fühlten es, dass er bei uns war.

In unserer Geschichte verlieben sich Agnes und William ineinander und gründen eine wunderschöne Familie, bis sich beide nach dem Tod ihres Sohnes an einer Schwelle wiederfinden. Der Weg zurück in die Vergangenheit ist versperrt und sie können auch nicht nach vorne gehen. Sie sind eingefroren an einem Übergangsort, werden in entgegengesetzte Richtungen gezerrt, aber können sich keinen Zentimeter bewegen.

In dieser Spannung entsteht ALCHEMIE. In der Physik entsteht Spannung, wenn Kräfte auseinandertreiben. Wenn diese Spannung zu stark ist, führt sie zu Bewegung und zu einem
neuen Zustand der Ausgewogenheit: Genau in dem Moment, als Will sich wiederfindet zwischen Land und Meer, zwischen Leben und Tod, entsteht eines der größten Werke der
Literatur aller Zeiten.

Unsere Welt steht an einer Schwelle. Wir alle spüren die gewaltige Spannung, den anhaltenden Druck. Wir spüren, dass sich ein neues Gleichgewicht nähert. Viele von uns sind  eingefroren, erstarrt an dem Übergangsort, wir fürchten uns, uns zu bewegen. Ich sehe die Ängste, die mich plagen, in den Augen anderer Menschen. Die Angst, dass wir keine Kontrolle
über unser Leben haben. Die Angst, dass wir nicht mehr sicher sind in unserer Welt. Die Angst, dass wir niemals bedingungslose Liebe erfahren werden. Und schließlich die Angst vor dem Tod, einem Tod ohne Sinn.

Der tiefste Grund, diesen Film machen zu wollen, besteht darin, diese Angst zu entzaubern, indem wir die Kraft der Metamorphose zeigen, die wir als Menschen in uns tragen, und unsere
Fähigkeit, unsere Erfahrungen zu verwandeln, so schmerzvoll sie auch sein mögen.

Wir alle werden in diese Welt geboren mit einem Gefühl der Leere. Wir müssen eine Entscheidung treffen, unsere Herzen offen zu halten und durch die Flammen zu gehen.

Liebe stirbt nicht, sie verwandelt sich. Sie ist die größte Metamorphose in diesem Universum, und ich hoffe, unser Film dient als bescheidene Erinnerung daran.

Foto:
©Verleih
 
Info:
Hamnet (Großbritannien, USA 2025) 
Genre: Drama, Historienfilm, Literaturverfilmung
Filmlänge: ca. 126 Min.
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao, Maggie O’Farrell
nach dem Roman ″Hamnet″ (2020) von Maggie O`Farrell (deutscher Titel ″Judith und Hamnet″)
Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe, Olivia Lynes, Justine Mitchell, David Wilmot, Louisa Harland, Freya Hannan-Mills, Bohdi Rae Breathnach, Noah Jupe u.a.
 
Der Roman zum Film ist bei PIPER erschienen:
ISBN 978-3-492-31855-6
Taschenbuch, 14,00 € (D) / 14,40 € (A) / 19,50 CHF (CH)

Abdruck aus dem Presseheft