ha2Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 22. Januar 2026, Teil 8

Redaktion

London  (Weltexpresso) – Mit besonders nuancierten, gefühlvollen und eindringlichen Filmen wie The Rider aus dem Jahr 2017 und dem Oscar®-prämierten Drama Nomadland aus dem Jahr 2020 hat sich die Autorin und Regisseurin Chloé Zhao den Ruf erarbeitet, eine der künstlerisch maßgeblichen Filmemacherinnen ihrer Generation zu sein. Als Autorin, Produzentin, Regisseurin und Editorin hat sie mit ihrem visionären Ansatz nunmehr HAMNET umgesetzt. Im Mittelpunkt des Films steht die Beziehung von Agnes und William Shakespeare. Er erzählt von dem tragischen Schicksal ihres Sohnes Hamnet, das schließlich als Inspiration für Shakespeares zeitloses Meisterwerk „Hamlet" diente.

Der Film basiert auf dem gefeierten achten Roman von Maggie O'Farrell, „Judith und Hamnet", der den National Book Critics Circle Award und Women's Prize for Fiction gewann und vom New York Times Book Review als eines der fünf besten fiktionalen Werke des Jahres 2020 gelistet wurde. Für O'Farrell war es eine Geschichte, die sie seit fast drei Jahrzehnten hatte erzählen wollen, nachdem sie auf wenig bekannte Details aus Shakespeares Familienleben gestoßen war, insbesondere auf den Tod seines einzigen Sohnes Hamnet, der im Alter von nur elf Jahren der Pest zum Opfer fiel.

„Ich fand es immer sehr ungerecht gegenüber diesem Jungen, dass niemand jemals eine Verbindung zwischen dem Kind Hamnet und dem vier oder fünf Jahre später geschriebenen Stück ‚Hamlet' hergestellt hat", sagt O'Farrell. „Dem Kind wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt, bestenfalls eine Fußnote in der Geschichte des berühmten Vaters. Der besondere Antrieb für mich, dieses Buch zu schreiben, war also, ihm eine Bühne zu bieten und festzustellen, dass dieses Kind wichtig war. Er wurde geliebt. Ohne ihn gäbe es keinen ‚Hamlet'. Wir verdanken diesem Kind so viel, und doch spielte es in der Rezeptionsgeschichte nicht die geringste Rolle."

Obwohl er titelgebend für O'Farrells Roman war, ist der Junge nicht die zentrale Figur der Geschichte. Diese Rolle übernimmt vielmehr Agnes (O'Farrell nennt ihre Figur bei ihrem Geburtsnamen, der „Änn-jis" ausgesprochen wird, und nicht bei dem bekannteren Namen Anne). Die erfahrene Falknerin, Sammlerin und Heilerin ist ungestüm und ursprünglich wie die üppige grüne Landschaft, die ihr Zuhause umgibt. Ihre starke Verbindung zur Natur grenzt an Mystik, und ihr wildes, unkonventionelles Auftreten übt sofort eine Anziehungskraft auf Will aus, der ebenfalls rebellische Gefühle gegenüber seinem dominanten Vater und den Zwängen der Gesellschaft des späten 16. Jahrhunderts verspürt.

Zusammen bilden sie ein starkes Paar, ihre Leidenschaften ist in den ersten Jahren ihrer Ehe weitgehend im Einklang. Doch ihre Verbindung beginnt Risse zu bekommen, als Will, ermutigt durch Agnes, seinen Traum einer kreativen Laufbahn verfolgt. Seine Aufenthalte in London, das er vom heimischen Stratford-upon-Avon aus aufsuchte, um am Theater zu arbeiten, sind sein Lebenselixier. Seine Frau versteht das nur zu gut, doch unter seiner Abwesenheit leidet die Familie, insbesondere der kleine Hamnet. Agnes nutzt ihre Fähigkeiten, um dem Jungen und seinen beiden Schwestern Susanna und Judith ein gutes Zuhause zu schaffen, doch es gibt äußere Kräfte, die selbst für die kämpferischste Mutter zu stark sind, um sie fernhalten zu können.

Nach Hamnets plötzlicher Erkrankung und seinem Tod erschüttert der Verlust die Familie in ihren Grundfesten, doch Agnes darf sich keine Blöße geben, will weiter zuverlässig für ihre Töchter und ihren Mann da sein. Und doch ringt das Paar darum, die Tragödie hinter sich zu lassen, einen Weg zu Vergebung, Akzeptanz und Erfüllung zu finden. Agnes sucht Trost in der Natur, während Will seine Trauer in ein Theaterstück einfließen lässt, das über die Jahrhunderte hinweg Bestand haben wird: „Hamlet" (im 16. Jahrhundert eine gängige Variante des Namens seines Sohnes) – die Tragödie eines jugendlichen Prinzen, der seinen ermordeten Vater überlebt. Beide finden so etwas wie Katharsis und Befreiung in ihrer Kreativität und Fantasie und sind auf diese Weise in der Lage, ihr Leid mit neuem Sinn zu erfüllen.

Die Reise von HAMNET auf die Leinwand begann, als Liza Marshall, Gründerin und Produzentin von Hera Pictures, im November 2019, einige Monate vor der Veröffentlichung des Buches im März 2020, ein Vorabexemplar erhielt. „Da ich alle früheren Romane von Maggie O'Farrell gelesen hatte und ein großer Fan bin, habe ich mich hingesetzt, das ganze Buch in einer Nacht gelesen und mich sofort darin verliebt", erinnert sich Marshall. „Es ist ein außergewöhnliches, bewegendes Werk."

Nachdem Liza Marshall sich die Rechte zur Verfilmung des Romans gesichert hatte, schloss sie sich schließlich mit Pippa Harris (1917) von Neal Street Productions und Nicolas Gonda (Knight of Cups) von Book of Shadows zusammen, um das Projekt umzusetzen. Auch Pippa Harris hatte O'Farrells Roman gelesen und fand ihn akribisch recherchiert und unglaublich bewegend. Ihr Produktionspartner, der Oscar®-prämierte Filmemacher Sam Mendes, kam als weiterer Produzent mit an Bord. Zu ihnen kam noch Steven Spielbergs Produktionsfirma Amblin Entertainment, mit der Neal Street bereits das hochgelobte Weltkriegsdrama 1917 gedreht hatte. Der legendäre Filmemacher traf ebenfalls den Entschluss, als Produzent des Films einzusteigen.

Für die Produzenten war es entscheidend, den richtigen Filmemacher für die künstlerische Leitung des Projekts zu finden. Sie suchten jemanden, dem der elliptische Schreibstil von O'Farrell und die unkonventionelle Natur ihrer Heldin liegen würde. Alle waren sich einig, dass die in China geborene und in Großbritannien zur Schule gegangene Drehbuchautorin und Regisseurin Chloé Zhao aufgrund ihres bilderbuchmäßigen künstlerischen Hintergrunds die ideale Kandidatin sein würde. „Liza, Pippa, Steven und ich waren uns einig, dass Chloé die perfekte Regisseurin für dieses Projekt war. Sie hat nicht nur eine ganz eigene Herangehensweise an das Filmemachen, sondern ist auch einer der einfühlsamsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Durch ihre enge Zusammenarbeit mit den Schauspielern konnten sich Jessie, Paul und der Rest der Besetzung auf außergewöhnliche Weise entfalten und einen Film entstehen lassen, der eine Kombination aus Rauheit und Feingefühl bietet, wie man es in dieser Form noch nie gesehen hat", bemerkt Sam Mendes.

„Die bestechende und unvergessliche Erzählung in Maggie O'Farrells Bestseller-Roman war es wert, von einer Filmemacherin auf die Leinwand gebracht zu werden, die die Unverfälschtheit des Stoffes bewahrt und ein intuitives Verständnis für die emotionale und komplexe Reise hat, die die Figuren – und mit ihnen das Publikum – im Laufe der Geschichte unternehmen. Ich kannte nur eine Regisseurin, die HAMNET mit der entsprechenden Menschlichkeit auf die Leinwand bringen konnte, und das war Chloé Zhao", sagt Spielberg. „Bei der Adaption des Romans gemeinsam mit Maggie fließen Chloés intuitive Menschlichkeit, ihr untrügliches Gespür für das Narrativ und ihre Gabe, bemerkenswerte Darbietungen aus den Schauspieler*innen herauszukitzeln, in jedes einzelne Bild von HAMNET ein."

Als erste weibliche Person of Color und erste Asiatin, die einen Oscar® für die beste Regie gewann, für den Film Nomadland, der auch den Oscar® für den besten Film erhielt, wird Chloé Zhao als Filmemacherin geschätzt. Ihre Arbeiten, die sie häufig mit Laiendarstellern besetzt, überzeugen als visuell fesselnde Geschichten, die mit Einfühlungsvermögen und großer Sensibilität die Lebensumstände von Menschen am Rande der Gesellschaft illustrieren.

„Chloé hat die seltene Gabe, Geschichten auf ihre reine Essenz zu reduzieren und ihre Seele freizulegen", sagt Produzentin Gonda. „Sie blickt nicht nur auf die Oberfläche einer Geschichte – sie will verstehen, was darunter pulsiert. Bei einer so ikonischen und unergründlichen Figur wie Shakespeare braucht es jemanden mit Chloés besonderer Sensibilität und Neugier, um nicht einfach nur die Fakten zu zeigen, sondern auch die emotionalen Wahrheiten, die sich dahinter verbergen."

Maggie O'Farrell war von der Wahl begeistert. „Chloé steht in vielen ihrer Arbeiten in einem Austausch mit Kunst und Authentizität, und die Beziehung, in der beide zueinander stehen und wie sie sich annähern und voneinander entfernen, ist sehr interessant", sagt sie. „Der Film handelt davon, warum wir Kunst brauchen, warum wir sie erschaffen, woher sie kommt, woher sie in deiner Seele stammt."

Als Zhao der Roman vorgelegt wurde, fühlte sie sich sofort auf spiritueller Ebene davon angesprochen. „Ich fand das Buch sehr fesselnd", sagt Zhao. „Es war eine sehr körperliche Erfahrung. Es war eine sehr poetische Erfahrung. Für mich las sich der Roman fast wie Poesie, was die Art von filmischer Sprache ist, die ich besonders liebe. Als Filmemacherin sah ich beim Lesen Bilder, die sich in einem Rhythmus zusammenfügten. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Buch einen Herzschlag hat, der mit dem Rhythmus meines Herzschlags als Filmemacherin übereinstimmt. Außerdem liebte ich die Geschichte. Ich bin immer auf der Suche nach Geschichten, die gleichzeitig sehr, sehr spezifisch und dabei doch universell sind, und das trifft auf dieses Buch hundertprozentig zu."

„Ich war auch sehr begeistert, weil die Geschichte Themen wie Tod, Vergänglichkeit und Trauer behandelt und zeigt, wie Kreativität und Fantasie dem unvermeidlichen Leiden, das wir im Leben erfahren, einen Sinn geben können", fährt Zhao fort. „Wenn man auf solch ein Ausgangsmaterial zugreifen kann, ist das Gold wert."

Sie wollte bei HAMNET nicht nur Regie führen, sondern auch gemeinsam mit Maggie O'Farrell das Drehbuch schreiben. Dabei war es ihr ein erklärtes Anliegen, die typisch steife Atmosphäre eines Kostümfilms hinter sich zu lassen und vielmehr einen ganz unmittelbaren Film über Liebe, Verlust und die heilende Kraft großer Kunst zu machen, der emotional, unverfälscht und nachvollziehbar ist. „Maggie hat sich so sehr in diese Welt vertieft, dass sie selbst eine Verkörperung all der Figuren in ihrer Geschichte ist. Daher war die Zusammenarbeit mit ihr für mich entscheidend, um in der Lage zu sein, mich von der authentischen Welt und den Figuren inspirieren lassen zu können", sagt Zhao. „Für mich stand es außer Frage: Ich musste das machen. Außerdem ist sie eine unglaubliche Autorin. Wir waren echte Partner."

Zhaos Ziel, den Geist von O'Farrells gefeiertem historischen Roman originalgetreu auf die Leinwand zu übertragen, war schon in den ersten Gesprächen des Duos evident – es sollte von Anfang an ein Film sein, den Fans des Romans sehr schätzen würden. Obwohl die Autorin angetan war, dass HAMNET sich tonal so eng wie möglich an ihren Roman halten sollte, gibt sie auch zu, dass sie persönlich etwas Bedenken hatte, die Geschichte für den Film neu zu konstruieren. Und doch war sie begeistert, die Drehbuchautorin in sich zu entdecken.

„Ich weiß, wie man eine Erzählung zu Papier bringt und wie man die Handlung eines Romans zusammenstellt – das ist mein Job und das ist mein Herz", sagt sie. „Aber ich hatte noch nie für die Leinwand geschrieben und war mir nicht sicher, ob ich das schaffen würde. Die Mechanismen der Erzählung sind anders, die Sprache ist anders, und natürlich ist auch die Bildsprache anders. Etwas, das auf der Seite als innerer Monolog erscheint, muss man als Drehbuchautor entweder durch die Bildsprache oder durch den tatsächlichen Dialog ausdrücken. Das war eine wirklich interessante Übung."

Obwohl sie in verschiedenen Zeitzonen arbeiteten, trug Zhaos klare Vorstellung von der Chronologie der Erzählung und ihren Figuren dazu bei, dass es mit dem Schreibprozess zügig voranging. Die Regisseurin hinterließ ihrer Drehbuchpartnerin oft WhatsApp-Nachrichten, die zu Überarbeitungen und Neufassungen anregten. Während sie sich gegenseitig Seiten hin und her schickten, nahm HAMNET schließlich seine endgültige Form an.

„Man will, dass sich das Publikum in diesen Figuren wiedererkennt", sagt Zhao. „Ich möchte versuchen, die Herzen des Publikums zu öffnen, sie weicher zu machen, damit sie die Emotionen spüren können, die diese Figuren empfinden. Wenn sie sich von uns und unseren Figuren mitreißen lassen, haben sie die Chance, ihrerseits eine Katharsis zu erleben. Das ist immer das kreative Ziel meiner Filme. Wenn sie diese Läuterung durchlaufen haben, finden sie, wie diese Figuren, einen Sinn in diesen schwierigen Lebenssituationen. Und hoffentlich kann das Filmerlebnis dazu beitragen, dass man sich als Mensch wieder als ein Ganzes fühlt."

Foto:
©Verleih
 
Info:
Hamnet (Großbritannien, USA 2025) 
Genre: Drama, Historienfilm, Literaturverfilmung
Filmlänge: ca. 126 Min.
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao, Maggie O’Farrell
nach dem Roman ″Hamnet″ (2020) von Maggie O`Farrell (deutscher Titel ″Judith und Hamnet″)
Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe, Olivia Lynes, Justine Mitchell, David Wilmot, Louisa Harland, Freya Hannan-Mills, Bohdi Rae Breathnach, Noah Jupe u.a.
 
Der Roman zum Film ist bei PIPER erschienen:
ISBN 978-3-492-31855-6
Taschenbuch, 14,00 € (D) / 14,40 € (A) / 19,50 CHF (CH)

Abdruck aus dem Presseheft