ha1Serie: Die anlaufenden Filme in deutschen Kinos vom 22. Januar 2026, Teil 9

Redaktion

London  (Weltexpresso) – Noch bevor das Drehbuch fertiggestellt war, hatte Zhao bereits konkrete Vorstellungen davon, welche Schauspieler die äußerst anspruchsvollen Hauptrollen in HAMNET übernehmen könnten. Tatsächlich hatte sie sich bereits beim Telluride Film Festival 2022 locker und entspannt mit zwei von ihnen getroffen. In jenem Jahr waren die irischen Schauspieler*innen Jessie Buckley und Paul Mescal in die Berge von Colorado gereist, um für ihre jeweils neuen Arbeiten die Werbetrommel zu rühren. Für Buckley war es das Drama Die Aussprache über eine Mennonitengemeinde, die durch sexuelle Übergriffe auseinandergerissen wird. Für Mescal war es das bewegende Vater-Tochter-Drama Aftersun.

„Von Anfang an war Jessie die Schauspielerin, die Chloé als Agnes im Sinn hatte, und wenn man Jessie jetzt auf der Leinwand sieht, kann man sich niemand anderen in dieser Rolle vorstellen", sagt Produzentin Pippa Harris über die Figur, die tief in der Natur und Mystik verwurzelt ist. „Sie verkörpert Agnes. Sie trägt viel von ihrer Figur in sich. Sie liebt die Wildnis. Sie ist sozusagen ein ziemlich wildes Kind in dem Sinne, dass sie eins mit der Natur ist. Sie ist ein wenig mystisch. Sie glaubt an Seele und Geist, und sie ist eine zutiefst fürsorgliche Person – ich denke, das strahlt sie auch auf der Leinwand aus."

Chloé Zhao fügt hinzu: „Weil sie ihre Mutter in jungen Jahren verloren hat, wuchs Agnes bei ihrer Stiefmutter auf, sodass sie gewissermaßen die Halbtochter einer ‚Waldhexe' und die Halbtochter einer vornehmen Dame ist, die in die Kirche geht – sie ist hin- und hergerissen zwischen Frauen, die mit den Wölfen laufen, und der jungen Frau in Blaubarts Schloss, nicht wahr? Jessie ist nicht nur eine brillante Schauspielerin und sehr authentisch, sie vereint auch diese beiden Energien in sich, die miteinander im Widerstreit sind: die Jägerin und die Tierbändigerin. Man kann sehen, wie das unter ihrer Oberfläche brodelt. Es braucht jemanden, der keine Angst hat, archetypische Kräfte anzuzapfen, der sich körperlich, psychisch und emotional engagiert, der bereit ist, sich darauf einzulassen, und diese Rolle forderte genau das von ihr. Sie war bereit, sich auf tiefgehende Arbeit im Bereich des Unbewussten einzulassen."

Buckley bringt das angeborene Talent und die Vielseitigkeit mit, Agnes als eine wirklich fesselnde und facettenreiche Naturgewalt darzustellen. Ihren Durchbruch hatte sie 2019 in Wild Rose gefeiert als alleinerziehende Mutter aus Glasgow, die furchtlos ihren Traum verfolgt, Country- und Westernsängerin zu werden. Zwei Jahre später lieferte sie eine Oscar®-nominierte Leistung in Maggie Gyllenhaals Literaturverfilmung Frau im Dunkeln nach einer Romanvorlage von Elena Ferrante, 2022 erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen für ihre fesselnde Darstellung in Die Aussprache. Im Fernsehen wurde sie für ihre Darstellungen in Produktionen wie Chernobyl und Fargo gefeiert. 2023 gewann sie einen Olivier Award für ihre Rolle als Sally Bowles in der West-End-Produktion von Cabaret.

Buckley ihrerseits reagierte überwältigend positiv sowohl auf die Geschichte von HAMNET als auch auf die Figur der Agnes. Als sie den Roman zum ersten Mal las, verschlang sie ihn in einem Zug und versank förmlich in der Welt, die Maggie O'Farrell geschaffen hatte, und in der faszinierenden Figur in deren Mittelpunkt. Als sie später das Drehbuch für den Film erhielt, kamen ihr die Tränen. „Ich dachte mir: Das ist die Frau, nach der ich gesucht habe", sagt Buckley. „Sie ist ungebunden, frei, zutiefst neugierig, wie eine Art Rye Whiskey, schelmisch, hungrig, eine wunderschöne Seele. Ich liebe sie einfach. Sie ist wie ein Mensch, den ich als meine neue beste Freundin haben möchte."

Um ihre Herangehensweise an die Figur zu entwickeln, begann Buckley, Tagebuch zu führen, was ihr half, die Poesie heraufzubeschwören, die Agnes' Welt aus Bäumen, Kräutern und Pflanzen innewohnt. Die Verbindung der Figur zum Wald reicht bis in ihre frühesten Kindheitserinnerungen zurück, da sie die einzige Tochter einer Mystikerin ist, die selbst die Feinheiten der Natur verstand und von vielen als Hexe angesehen wurde. Aufgrund ihrer unkonventionellen Art als Außenseiterin gebrandmarkt, wird Agnes nur von ihrem Bruder Bartholomew bedingungslos geliebt und akzeptiert – bis sie Will trifft. „Stimmt schon, sie ist in ihrem eigenen Leben ein bisschen eine Außenseiterin, und sie findet Trost und Zuflucht im Wald und in der Natur", sagt Buckley.

Die Schauspielerin entwickelte die Figur durch Gespräche mit Chloé Zhao weiter. Die beiden schickten sich gegenseitig Lieder, geschriebene Passagen und Bilder, die verschiedene Aspekte von Agnes' Identität widerspiegelten. „Die Zusammenarbeit mit Chloé hat mein Leben wirklich verändert", sagt Buckley. „Sie ist eine so einfühlsame, instinktive und neugierige Regisseurin und dabei auch zutiefst menschlich. Sie hat mich in ihre Arbeitsweise einbezogen und mich vom ersten Tag an ermutigt, mich mit ihr auf dieses Abenteuer einzulassen. Gemeinsam haben wir etwas erschaffen. Das ist ein großes Geschenk. Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor eine so tiefe Verbundenheit und Zusammenarbeit bei einem Projekt erlebt habe. Chloé sprüht nur so vor Poesie."

Als Will stand Paul Mescal vor der großen Herausforderung, einer literarischen Ikone ein menschliches Antlitz zu verleihen. „Seit Hunderten von Jahren ist Shakespeare zu einer Person geworden, die wir auf ein Podest stellen, aber er muss doch auch alle möglichen komplizierten Bedürfnisse in sich gehabt haben, um aus der Perspektive schreiben zu können, aus der er geschrieben hat", sagt Mescal. „Ich musste diese Figur zu meiner eigenen machen. Natürlich musste ich mich an die Geschichte halten, aber ich habe mich vor allem auf sein Werk konzentriert. Das Einzige, was wir wirklich wissen, sind die Worte, die er zu Papier gebracht hat. Das ist seine gelebte Erfahrung. Wenn man sich mit der Bedeutung bestimmter Monologe beschäftigt, findet man die Wurzeln seines Naturells. Darauf habe ich mich konzentriert."

Seit seiner preisgekrönten Darstellung des introvertierten Sportlers Connell in dem irischen Coming-of-Age-Drama Normal People auf Hulu, das ihn schlagartig bekannt machte, hat Mescal eine Reihe starker, aber sensibler Männer in Filmen wie All of Us Strangers, Aftersun, für den er eine Oscar®-Nominierung erhielt, und Ridley Scotts Epos Gladiator II gespielt, in dem er als ehrenhafter römischer Krieger Lucius die Hauptrolle übernahm. Seine Darstellung des Stanley Kowalski in einer Neuinszenierung von A Streetcar Named Desire, die später ins West End und an den Broadway weiterzog, brachte ihm den Laurence Olivier Award als bester Schauspieler ein. „Er ist so ein sanfter, sensibler Mann mit einer gigantischen Kraft", schwärmt Buckley. „Das Vertrauen, das wir als Schauspieler zueinander hatten, ermöglichte es uns, aus uns herauszutreten und uns gegenseitig unser Herz zu schenken."

Indem er Shakespeares Worte studierte und dann seine eigene besondere Energie in die Rolle einbrachte, gelang es Paul Mescal, eine Figur zu erschaffen, die real und nachvollziehbar wirkte: „Er ist absolut glaubwürdig als Schriftsteller und Gelehrter und als jemand, der sich diese außergewöhnlichen Geschichten ausdenken konnte", sagt Produzentin Pippa Harris. „Aber er ist auch als Schauspieler eine sehr physische Präsenz auf der Leinwand, was vielleicht nicht der gängigen Vorstellung von Shakespeare entspricht. Wenn man an Shakespeare denkt, hat man eher ein schlankes, ätherisches Wesen vor Augen. Paul ist ein ziemlich starker Typ."

Der Will aus HAMNET braucht diese Stärke, um seine Kindheit zu überstehen. Als ältester Sohn seines strengen Vaters John, ein gelernter Handschuhmacher, und seiner religiösen Mutter Mary Arden wuchs Will in Stratford-upon-Avon in einem Haus in der Henley Street auf – genau dort, wo die unverheiratete Agnes eintrifft, um ihre Schwangerschaft zu verkünden, und Will seinen Eltern gesteht, dass er der Vater ihres Kindes ist. Die Nachricht ist ein Schock, insbesondere für Mary, gespielt von der zweimal für den Oscar® nominierten Schauspielerin Emily Watson.

„Mary ist auch deshalb so aufgebracht, weil diese Nachrichten ihr Angst machen. Agnes verkörpert für sie alles, was gefährlich ist", erklärt Emily Watson. „Wir befinden uns in einer Zeit, in der alles als unsicher angesehen wird, was sich außerhalb der Religion bewegt. Das ist nicht der Plan, den sie hatte. Als Will ein Baby war, wütete die Pest in Stratford, und Mary war mit ihm sozusagen im Lockdown und schaffte es, ihn zu beschützen. Es besteht meiner Meinung nach eine unglaublich intensive Verbindung zwischen Mutter und Sohn, ganz unabhängig davon, wie sich die Beziehung im Laufe der Zeit entwickelt."

Obwohl Mary Agnes' Anwesenheit im Haus zunächst ablehnend gegenübersteht, wird sie schließlich zu einer wichtigen Verbündeten ihrer Schwiegertochter. Emily Watson merkt an, dass die ältere Frau „vollkommen von ihr eingenommen ist. Agnes ist jemand, der das Leben in der Gegenwart in einem Zustand des Staunens lebt, die Menschen wirklich sieht und die meiste Zeit über vor Liebe förmlich sprüht. Dem kann man sich kaum entziehen."

Für Watson war die Rolle aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes. Sie ermöglichte ihr ein Wiedersehen mit Produzent Steven Spielberg, mit dem sie 2011 bei Gefährten zusammengearbeitet hatte, sowie mit Jessie Buckley und Paul Mescal. Sie hatte mit Buckley in Chernobyl zusammengearbeitet, nachdem sie die Schauspielerin Jahre zuvor durch ein BAFTA-Mentorenprogramm kennengelernt und sich mit ihr angefreundet hatte, und sie hatte die Mutter von Mescal in dem Drama God's Creatures aus dem Jahr 2022 gespielt. Darüber hinaus war HAMNET eine Art Kulmination einer lebenslangen Beziehung zu Shakespeare, mit dem Watson schon in sehr jungen Jahren in Berührung gekommen war.

„Meine Mutter war eine absolute Shakespeare-Kennerin, und wir gingen zu Aufführungen, als ich acht, neun, zehn Jahre alt war", sagt Watson. „Als ich Schauspielerin wurde, war mein erster Job bei der Royal Shakespeare Company, wo ich meinen Mann kennenlernte, der in Stratford-upon-Avon geboren wurde. Ich habe also persönlich eine besondere Affinität zu dieser Geschichte. Sie berührt mein Leben in vielerlei Hinsicht. Shakespeare hat mich gerettet, könnte man sagen. Wegen ihm wurde ich Schauspielerin und fand meinen Lebensweg."

Für die Rolle des John wandten sich die Filmemacher an den Tony-Award-nominierten Theater- und Filmschauspieler David Wilmot (The Wonder). Der irische Schauspieler, der durch Casterin Nina Gold (Konklave, The Crown) zu der Produktion kam, nahm an Handschuhmacher-Kursen teil, um sich auf die Rolle vorzubereiten und besser zu verstehen, wie man die Werkzeuge des Handwerks von John Shakespeare benutzt. Aber laut Wilmot lag der Schlüssel zu der Rolle woanders. „Das Wichtigste, das ich tun musste, war, das Zuhause der Familie zu einem toxischen Ort zu machen", sagt Wilmot. „John ist in der Geschichte Alkoholiker, sein Leben geht in die Brüche. Er hat Schulden. Er ist ein Chaot. Es war wichtig zu zeigen, dass er immer noch zu Liebe fähig ist, aber dass er ein gewalttätiger Vater war."

In Wills Abwesenheit hält Agnes sich fern von John und wendet sich in Krisenzeiten stattdessen an ihren jüngeren Bruder Bartholomew. Der von Joe Alwyn (Harriet – Der Weg in die Freiheit, Der Brutalist) gespielte junge Mann ist Bauer und bietet seiner Schwester bedingungslose Liebe und Unterstützung. „Sie stehen sich unglaublich nahe, sind aber nicht ständig zusammen", sagt Alwyn über die Geschwister. „Sie sind damals abgeschieden in den Wäldern eng zusammengewachsen. Bartholomew ist unglaublich beschützend ihr gegenüber, versteht aber auch ihre Stärke gut genug, um ihr nicht in die Quere zu kommen. Es ist also eine schöne Balance aus Beschützerinstinkt und dem Freiraum und der Freiheit, die man einer Person geben muss, damit sie gedeihen kann."

Chloé Zhao hatte Joe Alwyn für die Rolle vorgeschlagen, und obwohl die Produzenten die Idee toll fanden, hatten sie Sorge, dass er irgendwie nicht für die Rolle passen könnte. „Wie wir alle fand ich, dass er wiederholt großartige Arbeit geleistet hatte, aber natürlich sieht er so gut aus, dass man denkt, das kann nicht mit dieser eher rauen Figur einhergehen", sagt Produzentin Pippa Harris. „Aber mit Hilfe von Kostüm und Make-up hat er sich völlig verwandelt. Man nimmt ihm den Bauern jetzt hundertprozentig ab. Das Entscheidende bei der Besetzung von Joe war, dass man glauben musste, dass er die ganze Zeit für Agnes da ist, dass er ihr Beschützer ist. Er ist der Mensch, den sie ihr ganzes Leben lang an ihrer Seite hatte, und der Mensch, auf den sie sich verlässt, wenn es schlecht läuft."

Für die Rollen der Kinder von Agnes und Will wurden schließlich Bodhi Rae Breathnach als älteste Tochter Susanna, Olivia Lynes als Tochter Judith und Jacobi Jupe als ihr Zwillingsbruder, die Titelfigur von HAMNET, gecastet (während der Inszenierung des Schauspiels „Hamlet", mit der der Film endet, übernimmt Jacobis älterer Bruder Noah Jupe die Rolle des Hamlet).

„Jacobi ist ein kluger, tiefgründiger Junge, der genau weiß, was von ihm verlangt wird, und der eine ungemeine Tiefe verkörpern kann", schwärmt Jessie Buckley. „Er ist so besonders, dass ihm mein Herz förmlich zuflog." Paul Mescal fügt hinzu: „Es ist selten, einen Kinderdarsteller zu finden, der nicht nur aus Impulsen und Instinkten heraus handelt. Das hat Jacobi zwar auch, aber er hat auch den Instinkt eines Schauspielers – es war eine absolute Freude, mit ihm zu arbeiten. Er ist das Zentrum des Films, was die Motivation für die gesamte Handlung angeht. Er bricht einem einfach das Herz. Nichts hätte Jessie und mich mehr motivieren können als sein kleines Gesicht."

Bevor die 46-tägigen Dreharbeiten an verschiedenen Orten in Großbritannien begannen, plante Chloé Zhao für die Schauspieler Sitzungen mit Kim Gillingham, der Gründerin von Creative Dreamwork, die Künstlern dabei hilft, das Schöpferische mit dem Unbewussten zu verbinden. In ihren Workshops kombiniert Gillingham, die zuvor an gefeierten Filmen wie The Power of the Dog, King Richard und Pieces of a Woman mitgearbeitet hatte, Körper- und Atemübungen mit Traumforschung, unterlegt mit Jung'scher Theorie.

Für HAMNET half sie den Schauspielern, die Mitglieder des Shakespeare-Clans spielten, enge Bindungen aufzubauen. Jacobi Jupe fand die Übungen besonders nützlich. „Wir stellten uns vor, wir wären eine Familie und wir alle würden Dinge sagen und Erinnerungen an das haben, was passiert war", sagt Jupe. „Jessie und Paul fühlten sich sofort wie meine Mutter und mein Vater an, und das ist kein Scherz. Wir waren wie eine echte Familie."

Die Produktion

Leser, die mit Maggie O'Farrells Roman „Judith und Hamnet" vertraut sind, wissen um die hypnotische Kraft ihrer Prosa und die lebhaften Details, mit denen sie jeden Aspekt des Alltags der Familie Shakespeare beschreibt. Als Zeugnis ihrer umfangreichen Recherchen, die sie vor dem Schreiben des Romans durchgeführt hat, beschreibt O'Farrell die Werkzeuge in Johns Werkstatt, den erdigen Duft von Agnes' Garten und das Kratzen von Wills Federkielen auf Pergament.

Die Filmemacherin Chloé Zhao war bestrebt, diese Detailtreue auf der Leinwand einzufangen, und arbeitete mit erfahrenen Künstlern zusammen, um sicherzustellen, dass die Verfilmung dieselbe Lebendigkeit ausstrahlen würde wie die Vorlage. Zu dieser Gruppe gehörten der zweimal für den Oscar® nominierte Kameramann Łukasz Żal (The Zone of Interest, Ida), die für den Oscar® nominierte Szenenbildnerin Fiona Crombie (The Favourite – Intrigen & Irrsinn), die Kostümbildnerin Malgosia Turzanska (The Green Knight) und die Maskenbildnerin Nicole Stafford (Speak No Evil).

Obwohl Łukasz Żal den Film mit einer ARRI ALEXA 35-Kamera drehte, waren seine ersten Gespräche mit Zhao nicht technischer, sondern thematischer Natur und drehten sich um die übergeordneten Konzepte, die den Kern des Films ausmachen. „Wir sprachen über Beziehungen und setzten uns mit allen Themen des Films auseinander, um herauszufinden, was uns wichtig war", sagt Żal. „Wir fragten uns: Was ist Männlichkeit? Was ist Weiblichkeit? Was ist dieser Tanz zwischen diesem Mann und dieser Frau? Wir sprachen über den Tod, die Liebe, ihre Familie, diesen Lebenszyklus und darüber, wie wir das zeigen wollten."

Entscheidend dafür war, den besten Erzählansatz zu finden, von dem aus die Geschichte gedreht werden sollte. „Wir sprachen darüber, wie wir diesen Film mit einem Gefühl von Freiheit drehen könnten, um den Geist von Agnes widerzuspiegeln und einzufangen, wie sie diese Welt sieht", sagt Żal. „Aber dann wurde uns klar: Nein. Wir wechseln die Blickwinkel zwischen den beiden Figuren, Agnes und Will. Ich wollte das Gefühl vermitteln, dass wir in ihr Leben eintauchen. Diese beiden Menschen begegnen sich, sie finden Liebe, und das ist sehr intensiv. Ich wollte das Gefühl vermitteln, in diese Gefühle einzutauchen. Dann springen wir heraus und betrachten sie aus der Distanz, und wir sehen das Ringen dieser beiden Menschen."

Żals Ansatz für die Ausleuchtung war einfach und geradlinig, aber dennoch eindrucksvoll. In den Szenen unter den Bäumen kommt die Schönheit der Natur zum Vorschein. Im Gegensatz dazu sind die von Kerzenlicht erhellten Innenräume reich an Atmosphäre, aber frei von Lärm und Ablenkung. Der Fokus lag immer auf den Schauspielern, die häufig in Nahaufnahme gefilmt wurden, um die Intensität der Emotionen einzufangen, die sich in ihren Gesichtern abspielten. Dieser Ansatz entwickelte sich im Laufe der Zeit, als Żal und Zhao die visuelle Sprache der Geschichte für sich entdeckten und definierten. „Ehrlich zu sein und die Menschen einfach nur anzusehen, zu beobachten, was in ihren Augen vor sich geht, vermittelt ungemein viel", sagt Żal. „Es ist Magie."

So wie Żal jedes Bild von HAMNET mit großer Ehrlichkeit ausfüllen wollte, waren auch für Kostümbildnerin Malgosia Turzanska und Maskenbildnerin Nicole Stafford die Treue zu den Figuren und dem historischen Setting der Geschichte Leitprinzipien. Die von Turzanska entworfenen Kleidungsstücke entsprechen dem Gemütszustand der Figuren. Buckley beschreibt das rote Kleid, das Agnes während des gesamten Films trägt, als „fast wie eine offene Wunde ... es gibt eine ganze Reihe von Nähten, zugenähten Löchern, diese winzigen Details, die vielleicht niemand bemerkt".

Turzanska erklärt: „Als ich anfing, über Agnes nachzudenken, stellte ich mir ein schlagendes Herz vor, einen pulsierenden Muskel voller Leben und Blut. Sie ist organisch mit der Natur verbunden, fast wie eine Beere, die giftig ist, wenn man nicht vorsichtig mit ihr umgeht. Als wir sie zum ersten Mal treffen, trägt sie verschiedene Beerenrot-, Orange- und Rosttöne, die kompromisslos vital sind und vor Leben pulsieren. Diese Farben verwandeln sich allmählich in aschige Violett- und Pflaumentöne, wie eine verkrustete Wunde, die noch nicht ganz verheilt ist, um am Ende ein tiefes, reifes Rot anzunehmen."

Agnes sei immer direkt mit der Erde verbunden, mit faserigen, wurzelartigen Texturen, die darunter vibrieren, sagt die Kostümbildnerin. Daher wählte sie hauptsächlich Textilien aus Pflanzenfasern, vor allem Leinen, die nicht nur in dieser Zeit beliebt waren, sondern auch sehr gut zu der Figur passten. „Wir haben auch Rindentuch für sie verwendet, ein organisches, mehrschichtiges Textil, das aus echter Baumrinde hergestellt wird", sagt Turzanska.

Obwohl die Schichten des Kostüms dem zeitgenössischen Kleidungsstil entsprechen, ist die Art und Weise, wie Buckley sie als Agnes trägt, eher modern als „kostümhaft" gestaltet, bemerkt Turzanska. „Wir kontrastieren sie mit dem Aussehen der Menschen um sie herum, insbesondere mit der sehr zugeknöpften Shakespeare-Familie, dadurch wirkt sie ungezähmt und rebellisch, fast punkig. Auch wenn sich ihr Aussehen im Laufe des Films verändert, war es mir wichtig, ihre Kleidung einheitlich zu halten, fast so, als würde sie ein einziges Kleid tragen, das sich allmählich und organisch an sie anpasst, wie ein Stimmungsring."

Nicole Staffords Zusammenarbeit mit Buckley begann lange vor Beginn der Dreharbeiten. Die Haarstylistin flog nach New York, um sich mit der Schauspielerin zu treffen und Perücken auszuprobieren, Buckley war gerade in New York, um ein vorheriges Projekt abzuschließen. „Als wir anfingen, lange dunkle Haare auszuprobieren, konnte man sehen, dass sie sich allmählich in Agnes verwandelte", sagt Stafford. „Selbst in dieser frühen Phase, als wir anfingen, über Haare, Sommersprossen, Schmutz und Kratzer zu sprechen, also all die Dinge, die mit ihrem Aussehen zu tun haben, pochte Jessie darauf, dass dies ein wichtiger Teil ihrer Figur sein sollte."

Als Stafford über die Haarstruktur und den Teint von Agnes nachdachte, ging es ihr darum, ihre Liebe zur Natur und deren Einfluss auf ihr Aussehen einzufangen. „Man soll sehen, dass sie draußen ist, dass sie ihren Kopf nicht bedeckt und sich nicht den kulturellen Idealen der damaligen Zeit anpasst", sagt Stafford. „Sie ist also sonnengebräunt und von den Elementen gezeichnet. Ihre Fingernägel sind schmutzig. Wir mussten über Seife, Zugang zu Wasser und all die anderen Dinge nachdenken, die wir heute für selbstverständlich halten, Dinge wie Zahnpflege und Hygiene. Wir wollten diese Figuren so gestalten, dass man sie förmlich riechen kann, wenn man sie ansieht. Sie sehen verschwitzt, vom Wind zerzaust und vom Leben gezeichnet aus."

Nicole Stafford behandelte Joe Alwyn auf ähnliche Weise, um ihn als Bauern überzeugend aussehen zu lassen. „Wir wollten seine Erscheinung erden und haben ihm einen etwas seltsamen Haarschnitt verpasst, der aussieht, als hätte man ihn mit einer Schafschere geschnitten", sagt Stafford. „Wir wollten, dass er die Hände eines Arbeiters hat und so aussieht, als gäbe es in Bartholomews Leben keinen Spiegel, sondern nur harte Arbeit. Joe war begeistert davon, die Figur mit Hilfe von Make-up zum Leben zu erwecken. All die kleinen Narben und Schnitte und der Schmutz und die schmutzigen Haare – das hat ihm gefallen."

Entsprechend wollte Paul Mescal, dass Will so aussieht, als würde seine Berufung seinen Körper stark beanspruchen. „Er genoss es, müde auszusehen, als hätte er die ganze Nacht geschrieben, und jeden Tag hatte er Tinte an den Fingern", sagt Stafford. „Wir wollten nicht die archetypische Shakespeare-Darstellung, wie wir sie von Porträts und anderen Filmen mit Shakespeare-Figuren kennen. Wir wollten, dass er sich wie ein Shakespeare anfühlt, wie ihn noch niemand zuvor gesehen hat."

Was die Kostüme angeht, hielt Malgosia Turzanska die Kleidung für alle Mitglieder des Shakespeare-Clans in einer zurückhaltenden Graupalette, obwohl Wills Garderobe stellenweise mit einem wässrigen Grün durchsetzt war, um „seine Verbindung zum Wasser, zum Fluss, der Agnes' Erde nährt, zu betonen. Die Grautöne seiner Kostüme stammen von Eisengallustinte, einer natürlichen Tinte, die Shakespeare selbst verwendete. Anstelle eines Dolches trägt er ein Etui an seinem Gürtel – eine einfache Ledertasche, die Tinte und eine Feder enthält."

„Für die Familie Shakespeare", sagt Turzanska, „habe ich mir überlegt, wie es ist, ständig in der Gegenwart eines Menschen zu leben, dessen Gewaltausbrüche zu fürchten sind. Ich habe sogar über alte Schutzausrüstung für Sportler nachgedacht und diese mit den ohnehin schon übertriebenen Silhouetten der damaligen Zeit kombiniert. Es gibt Steppnähte, Polsterungen, alles, was einen möglichen Schlag abfedern oder abblocken könnte. Und die zurückhaltende Farbpalette ist fast wie eine Tarnung – um unsichtbar zu bleiben, um keine Ausbrüche zu provozieren."

Es war die Aufgabe der Szenenbildnerin Fiona Crombie, die Wohnung nachzubauen, in der Shakespeare aufgewachsen ist und in der seine Familie mit Mary und John lebt. Bei dem Entwurf des Raums wollte sie einen Kontrast zu den grünen Landschaften schaffen, die im Film zu sehen sind und die vor Ort im Lydney Forest in Gloucestershire, England, gedreht wurden. Die vergleichsweise klaustrophobischen Dimensionen des Henley House, des Wohnsitzes, den Agnes und Will ihr Zuhause nennen, bilden dazu einen starken Gegensatz.

„Als ich zum ersten Mal mit Chloé sprach, ging es um Architektur als Eingrenzung und das Gewicht der Decken und wie sich das auf die Figuren auswirkt", sagt Crombie. „Als ich mir die Tudor-Architektur ansah, war ich beeindruckt von der grafischen Anordnung der Balken. Sie verliefen vertikal wie Stangen mit horizontalen Querbalken. Die Decken waren niedrig und schwer. Die Architektur hatte etwas Einschränkendes und Beklemmendes, was mir zuvor nie aufgefallen war. Ich hatte das Gefühl, dass es für Agnes schwer sein musste, mit diesen Einschränkungen zu leben, eingesperrt zu sein. Das Haus war für Will ein Ort ohne ausreichend Luft zum Atmen. Er war von Verpflichtungen belastet. Die lineare Struktur eines Tudor-Hauses steht im Kontrast zu dem weitläufigen, organischen Wald, in dem Agnes sich zu Hause fühlt."

Das Set für das Henley-Haus wurde in den Elstree Studios in Borehamwood, England, aufgebaut und sollte auf subtile Weise die Erinnerung an die von John Shakespeare begangenen Gewalttaten wecken. Es ist ein Haus mit körperlichen Narben. Die Gegenstände im Haus – Schüsseln, Teller, Möbel – weisen subtile Spuren von Beschädigungen und Reparaturen auf. „In Wirklichkeit war das Shakespeare-Haus bereits ein altes Haus, als Will und Agnes dort lebten, sodass es Mängel und eine Geschichte gehabt haben dürfte", sagt Fiona Crombie. „Wir haben Hinweise auf Johns Gewalt in das Design integriert. Eine zerbrochene Spindel auf der Treppe, eine zerbrochene Fensterscheibe, eine Delle im Putz."

Johns Gegenwart ist auch in der von Fiona Crombie entworfenen Handschuhwerkstatt zu spüren. „Die Handschuhwerkstatt wurde an die Seite des Hauses angebaut", erklärt die Szenenbildnerin. „Es ist ein kleiner Raum mit einem Lagerraum an der Seite, der etwa doppelt so groß ist wie die echte Werkstatt in der Henley Street. Wir hatten einen historischen Handschuhexperten, der mit uns zusammenarbeitete, um das Set originalgetreu zu gestalten und uns die richtigen Techniken zu vermitteln. Wir wollten Johns Kunstfertigkeit und Feinfühligkeit illustrieren, die nur in seiner Handschuhherstellung zum Ausdruck kam."

In diesem Raum verbrachte Maggie O'Farrell manchmal Zeit, wenn sie den Dreh besuchte. „An einem Tag, als wir gerade dabei waren, alles aufzubauen, saß ich dort und betrachtete die Baumwollrollen und all die verschiedenen Werkzeuge zum Dehnen und Schneiden des Leders und zum Zusammennähen. Als ich den Roman schrieb, interessierte mich besonders die Gegensätzlichkeit der Handschuhherstellung – einerseits ist es eine filigrane Kunst, die Sorgfalt erfordert, andererseits schält man im Grunde genommen die Haut von Mäulern und näht sie zusammen. Das ist es, was John für mich ausmacht: eine Figur, die brutal, aber auch feinfühlig in ihrem Handwerk ist."

Noch beeindruckender als das Set des Henley House war vielleicht die atemberaubende Nachbildung des Globe Theatre, wie es zu Shakespeares Zeiten ausgesehen hatte. Für Fiona Crombie war es das Ziel, eine reduzierte Version der Konstruktion unter freiem Himmel zu schaffen, die nicht von der Handlung ablenkt, wenn Agnes und Bartholomew unter den Zuschauern sind, die sich zur Uraufführung von „Hamlet" versammelt haben.

Das aus verschiedenen Materialien erbaute Bühnenbild bestand aus wiederverwertetem Eichenholz aus der Normandie und vor Ort erworbenen wiederverwerteten Ulmenbrettern. Die fünfzig für das Bühnenbild gebauten Bänke wurden aus Douglasien hergestellt. Um das Gewicht der Holzelemente zu tragen, wurden Teile der Konstruktion aus Stahl gefertigt und mit Schaumstoffbalken verkleidet, die so geschnitzt und bemalt wurden, dass sie wie Holz aussahen. Der Boden wurde mit Blättern und Mulch bedeckt und mit Bucheckern verziert, um die Haselnussschalen nachzuahmen, die Archäologen bei der Freilegung der Fundamente des ursprünglichen Globe entdeckt hatten.

Kim Gillingham war bei den Dreharbeiten im Globe anwesend, um mit den 300 Nebendarstellern zu arbeiten, die in der Sequenz als Zuschauer auftraten, und ihnen zu helfen, die richtige Stimmung beim Dreh zu finden – etwas, das den Schauspieler Joe Alwyn zutiefst beeindruckte. „Kim arbeitete mit den gesamten Zuschauern zusammen und versetzte sie in einen Zustand, in dem sie emotional in das Geschehen auf der Bühne involviert waren und ihre eigenen Erfahrungen und ihr eigenes Leben einbringen konnten", sagte er. „Das war in diesem Raum wirklich zu spüren. Es hatte etwas Schweres, aber es war auch sehr kathartisch. Und Jessie stand natürlich ganz vorne in der Mitte vor der Bühne – Tag für Tag gab sie alles."

Um den Anwesenden die Möglichkeit zu geben, die intensiven Emotionen zu verarbeiten, die sie gemeinsam erlebt hatten, begann Chloé Zhao, Popmusik am Set zu spielen, was zu einer unvergesslichen spontanen Party führte, die den krönenden Abschluss der Dreharbeiten bildete.

„Wir waren alle zusammen in diesem Strudel", sagt die Filmemacherin. „Am Ende spielten wir Rihannas ‚We Found Love' und legten mit der gesamten Besetzung und Crew im Globe Theatre eine epische Tanznummer hin, gefolgt von ein paar weiteren Songs, weil die Leute einfach nicht gehen wollten. Wir alle weinten und umarmten uns. Es gab keine Trennung zwischen Wahrheit und Fiktion, hinter oder vor der Kamera, Vergangenheit und Gegenwart. Für einen kurzen Moment gab es keine Grenzen, und genau deshalb hat Shakespeare seine Stücke geschrieben – damit alle zusammenkommen können. Alle, die voneinander getrennt sind, die gelitten haben und die in Angst und Sorge gelebt haben, können für diese kurze Zeit zusammenkommen, die Illusion der Trennung fallen lassen und so miteinander verbunden sein. Ich glaube, wir hätten ihn stolz gemacht."

Jessie Buckley fügt hinzu: „Was mich daran so bewegt hat, ist die Erkenntnis, wie sehr wir andere Menschen brauchen. Es gab Momente, in denen ich die Frau neben mir stützte oder sie meine Hand hielt oder jemand im Hintergrund, der sagte: ‚Ich weine nie', einfach in Tränen ausbrach. Der verborgene Teil unserer Zärtlichkeit kam endlich zum Vorschein. Wir zelebrierten all das in diesem Tempel, was der Ehemann und der Sohn meiner Figur uns ermöglicht hatten. Ich glaube, viele von uns hatten so etwas noch nie erlebt. Darum geht es beim Geschichtenerzählen."

Nach Abschluss der Dreharbeiten setzte Chloé Zhao ihre kreative Arbeit im Schneideraum fort. Sie stellte einen Rohschnitt von HAMNET zusammen und editierte das gedrehte Material – etwas, das für ihren Arbeitsprozess entscheidend ist, eine Fortführung des Schreibens und Regieführens. „Der Schnitt ist das Herzstück eines Films", sagt sie. „Das Drehbuch ist der Entwurf, aber ein sehr grober Entwurf. Während der Dreharbeiten passiert das Leben, nicht nur mein Leben, sondern das Leben aller Beteiligten. Angesichts dieser Energie ist es wirklich wichtig, einen Schritt zurückzumachen und das Material nicht nur als Editorin mit Blick auf das Tempo zu betrachten, um zu bestimmen, wie das Herz in diesem Moment schlägt, sondern auch als Autorin, um zu versuchen, die Dinge einzubeziehen, die wir unterwegs entdeckt haben, die Gefühle, die wir an diesem Tag empfunden haben und die wir uns unmöglich hätten vorstellen können. Das erste Durchsehen ist immer sehr wichtig, weil ich versuche, das Gefühl wiederzufinden, das ich hatte, als ich jede einzelne Szene gedreht habe."

Anschließend holte sie den Emmy-nominierten Editor Affonso Gonçalves an Bord, der für seine langjährige Zusammenarbeit mit Todd Haynes bei Projekten wie Carol und Mildred Pierce sowie Walter Salles' letztjährigen Oscar®-Gewinner Für immer hier bekannt ist, um gemeinsam den Schnitt fertigzustellen.

„Ich habe mich für Fonz entschieden, weil er einige meiner Lieblingsfilme geschnitten und mit einigen meiner Lieblingsfilmemacher zusammengearbeitet hat", sagt Zhao. „Ich konnte spüren, dass sein Herzschlag und sein Temperament dem meinen sehr ähnlich ist, und ich denke, das ist sehr wichtig. Außerdem hat er umfangreiche Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Filmemachern, die verschiedene Dinge ausprobieren, und bei HAMNET habe ich verschiedene Einflüsse kombiniert, die ich in meinen früheren Filmen noch nicht ausprobiert hatte. Um wirklich alles in Einklang zu bringen, hielt ich Fonz für die perfekte Person."

Gonçalves seinerseits war ebenso begeistert von der Zusammenarbeit mit Chloé Zhao. „Ich bin seit ihrem ersten Film ein Fan ihrer Arbeit", sagt Gonçalves. „Ich hatte die Gelegenheit, Chloé im Sundance Lab kennenzulernen, und ich sah, wie leidenschaftlich und kreativ sie mit allen um sie herum umging. Ich habe die Chance, mit ihr zu arbeiten, sofort ergriffen."

Gonçalves sah sich Zhaos ersten Schnitt des Films an, und nach intensiven Gesprächen mit ihr machte er sich selbst an die Arbeit. Als diese fertig war, gab Zhao ihr Feedback, und die beiden diskutierten dann Ideen und Themen, die sie durch den Schnittprozess hervorheben wollten. Diese intensiven Gespräche setzten sich bis zum endgültigen Schnitt fort.

„Chloé ist eine großartige Editorin", sagt Gonçalves. „Sie denkt und filmt mit Blick auf den Schneideraum. Sie weiß genau, wonach sie sucht, und vor allem hat sie ein großartiges Auge für Darsteller. Sie hat ein tolles Gespür für Rhythmus und die Gestaltung der Szenen, und ihre Art, Musik und Ton einzusetzen, um jede Szene zu untermalen, trägt dazu bei, die Welt der Figuren zu erweitern."

„Die Welt von HAMNET wurde im Schneideraum gestaltet, indem eine ganz eigene und facettenreiche Realität innerhalb des Films geschaffen wurde: die Geräusche der Welt, das Tempo ihres Lebens, der Einsatz von Musik und Stille, die Wahl der Kamerawinkel", fügt Gonçalves hinzu. „Jedes einzelne Werkzeug im Schneideraum wurde eingesetzt, um diese Geschichte bestmöglich zu erzählen."

Diese Geschichte ist vielschichtig, üppig, nachvollziehbar und ergreifend – sie packt das Publikum emotional und lässt es sowohl in die Tragödie als auch in die Euphorie eintauchen, die die Figuren erleben.

„Das Wort Shakespeare kann manchmal beängstigend sein, aber das Außergewöhnliche an dieser Erfahrung war, den Menschen hinter dem Mann zu sehen, die Geschichten, die er geschaffen hat, und die Welt, aus der er stammt", sagt Jessie Buckley. „Ich hoffe, dass die Menschen, wenn sie den Film sehen, auf irgendeine Weise berührt werden, dass er sie bewegt, denn mich bewegt er definitiv."

Die Musik

Um die eindringliche Musik für HAMNET zu komponieren, arbeitete Chloé Zhao mit Max Richter zusammen, dem für den Emmy nominierten, in Deutschland geborenen britischen Komponisten, der für hochgelobte Fernsehprojekte wie The Leftovers und My Brilliant Friend von HBO sowie für Spielfilme wie Maria, Königin von Schottland (2018) und Ad Astra (2019) bekannt ist. „Ich kannte das Buch natürlich, und dann sprach ich mit Chloé über ihre Vision für das Projekt und war wirklich fasziniert", sagt Richter. „‚Hamlet' ist selbstverständlich eine der großartigsten Geschichten, und diese neue Dimension, die durch die Biografien und die inneren Zusammenhänge der Beziehung zwischen Agnes und Will in das Material eingebracht wurde, hat mich wirklich fasziniert. Die elisabethanische Zeit ist auch eine wunderbare Zeit für Musik, daher war es für mich ehrlich gesagt eine leichte Entscheidung."

Inspiriert vom Drehbuch, schrieb Richter zunächst eine Reihe von „Farbstudien", die von elisabethanischer Musik inspiriert waren – er war der Meinung, dass die Verwendung von Elementen aus der Zeit, in der der Film spielt, am besten dazu beitragen würde, diese Epoche heraufzubeschwören. Nachdem er sie Chloé Zhao geschickt hatte, war sie von seinen Kompositionen so angetan, dass sie sie am Set abspielte, um eine bestimmte Atmosphäre für die Darsteller zu schaffen. „Chloé hat sie als eine Art Stimmungsmacher verwendet", sagt Richter. „Ich denke, es ist für Schauspieler sehr hilfreich, einen kleinen Einblick in das Material und die emotionale Struktur zu bekommen. Als ich dort war, gegen Ende der Dreharbeiten, wurden viele der Stücke fast ununterbrochen wiederholt. Sie wurden zu einer Art Fruchtwasser, das das Ganze umgab."

Diese Skizzen, die alle auf einer „Renaissance-artigen DNS" basierten, wurden schließlich zum Rückgrat der Filmmusik. Richter legte den Schwerpunkt auf Harfe und Klavier. Er merkt an, dass die beiden Instrumente „eine dialogische Beziehung durch die Filmmusik hindurch haben. Sie haben einige Gemeinsamkeiten – ich sehe die Harfe als eine transparentere Version des Klaviers. Der Film hat insgesamt etwas Magisches, Folkloristisches, Hexenhaftes an sich, und ich finde, dass die Harfe, insbesondere mit diesem sehr einfachen Motiv, das sie spielt, sehr gut dazu passt."

Jessie Buckley, die selbst einmal für den Mercury Prize, eine Auszeichnung für das beste britische Musikalbum, nominiert war, sagt, dass Richters Kompositionen ihr oft dabei halfen, den richtigen emotionalen Rahmen für eine bestimmte Szene zu finden. „Ich habe das Gefühl, dass ich durch Max' Musik oft an einen Ort versetzt wurde, den ich zuvor nicht kannte", sagt sie. „Musik hilft einem in jeder Hinsicht, Zugang zu Gefühlen zu finden, für die man keine Worte hat. Manchmal, wie bei Trauer oder Liebe, kann man es nicht beschreiben, aber es hilft einem, still und intim an diesen Ort zu gelangen."

Während Richter komponierte, war es ihm wichtig, der Partitur ein gewisses Maß an Abstraktion zu verleihen, was den Komponisten auf einen etwas unkonventionellen kreativen Weg führte, der zu Chloé Zhaos ungewöhnlichem Ansatz für ein historisches Drama passte. „Was die Instrumente angeht, handelt es sich um eine Orchesterpartitur, aber ein großer Teil davon besteht aus Vokalmaterial, das auf eine koloristische Weise eingesetzt wird, um Empfindungen hervorzurufen", sagt Richter. „Der Film ist sehr sinnlich, und ich wollte mich auf den Erfahrungsaspekt konzentrieren. Wir hatten eine Reihe von Renaissance-Instrumenten, haben sie aber nicht auf traditionelle Weise gespielt. Wir haben uns auf die Kontaktgeräusche konzentriert, diese kleinen, fast ASMR-ähnlichen Erfahrungen, wie sie bei der Interaktion eines Menschen mit einem Instrument entstehen – Kratzen, Quietschen und all diese Dinge, die sich sehr lebendig anfühlen."

Um das neue Gesangsmaterial aufzunehmen, engagierte Richter eine Spezialistin für Alte Musik, Grace Davidson, eine englische Sopranistin, die Musik aus Renaissance und Barock historisch informiert aufführt. Auf Drängen von Buckley und Zhao wurde auch Richters Komposition „On the Nature of Daylight", die ursprünglich für sein zweites Album „The Blue Notebooks" aus dem Jahr 2004 geschrieben worden war, in den Soundtrack aufgenommen. Obwohl das Stück bereits in anderen Spielfilmen zu hören war, konnte Zhao Richter davon überzeugen, dass es in die Filmmusik von HAMNET integriert werden sollte, da es etwas Wesentliches und Elementares des Dramas zum Ausdruck bringe. „Der Film ist außergewöhnlich, aber ich denke, dass er vor allem in emotionaler Hinsicht wirklich außergewöhnlich ist", sagt Richter. „Die Emotionalität des Films ist eine seiner herausragenden Eigenschaften."

Buckley sagt, dass sie sich besonders mit „On the Nature of Daylight" verbunden fühlte und das Stück für ihre Vorbereitung auf die entscheidenden Szenen in HAMNET von entscheidender Bedeutung war – sie war es, die Zhao auf das Stück aufmerksam machte. „Als ich dieses Musikstück hörte, wurde mir plötzlich emotional klar, wie sich das Ende des Films anfühlen sollte", sagt Jessie Buckley. „Wir haben das Musikstück, während der Dreharbeiten für das Ende des Films gespielt, und es war das, was mir am Ende des Films die Tür geöffnet hat, wie ich mich tatsächlich darauf einlassen konnte."


Foto:
©Verleih
 
Info:
Hamnet (Großbritannien, USA 2025) 
Genre: Drama, Historienfilm, Literaturverfilmung
Filmlänge: ca. 126 Min.
Regie: Chloé Zhao
Drehbuch: Chloé Zhao, Maggie O’Farrell
nach dem Roman ″Hamnet″ (2020) von Maggie O`Farrell (deutscher Titel ″Judith und Hamnet″)
Darsteller: Jessie Buckley, Paul Mescal, Emily Watson, Joe Alwyn, Jacobi Jupe, Olivia Lynes, Justine Mitchell, David Wilmot, Louisa Harland, Freya Hannan-Mills, Bohdi Rae Breathnach, Noah Jupe u.a.
 
Der Roman zum Film ist bei PIPER erschienen:
ISBN 978-3-492-31855-6
Taschenbuch, 14,00 € (D) / 14,40 € (A) / 19,50 CHF (CH)

Abdruck aus dem Presseheft