Bildschirmfoto 2026 02 06 um 16.34.06Mein persönliches Tagebuch zur 76. Berlinale Teil 1

Hanswerner Kruse

Berlin (Weltexpresso) – „Kein Streusalz für alle!“, lautete das Gerichtsurteil – und so sind weiterhin hier in Berlin die Notaufnahmen und Krankenhäuser überfüllt, weil es auf den eisglatten Bürgersteigen oft sogar zu schweren Stürzen kommt. 


Wie immer ist die Hauptstadt filmreif, obwohl solche Szenen im Kino eigentlich wenig glaubwürdig wären. Eine Woche bin ich erst in der Stadt, in diesem Jahr aufgrund einer Knie-OP ziemlich spät, so dass ich bereits zahlreiche Vorabfilme für die Presse verpasst habe. Natürlich gibt es im Voraus keine Wettbewerbsfilme, sondern nur welche aus anderen Sektionen: etwa „Generation“ für Kinder und Jugendliche, „Panorama“ mit Streifen, die es (noch) nicht in den Wettbewerb schafften oder das „Forum“ mit avantgardistischen oder ausgefallenen Themen. Da läuft auch schon mal ein 623-Minutenfilm über das brutale Kolonialerbe Italiens in Äthiopien („Black Lion – Roman Wolfes“). 

Schon jetzt kann man sagen, die Breite der Filmauswahl ist mit 276 Filmen aus 80 Produktionsländern – wie vor Corona – wieder gigantisch geworden. Ich habe in den letzten Tagen nur eine bescheidene Auswahl gesehen, weil es mir aufgrund von Eisregen und Glatteis manchmal zu gefährlich war, zum Potsdamer Platz, dem Zentrum der Berlinale, zu fahren. Oder die Filmthemen waren mir einfach zu langweilig, manchmal aber auch zu schwierig. Etwa exotische Beziehungsfilme in fremden Sprachen mit viel Gerede und englischen Untertiteln. 

Ein wahrer Schatz war (ist) der geniale Vampirfilm „Die Blutgräfin“ von Ulrike Oettinger, mit Isabelle Huppert und Birgit Minichmayr. Die beiden Wiedergängerinnen erobern zum Walzer „Wiener Blut“ in wunderbaren Bildern die nostalgische österreichische Hauptstadt, um das kulturelle und soziale Leben zu erneuern … Leider gibt es für den Film, der außer Konkurrenz in „Berlinale Special“ läuft, noch eine Sperrfrist – ich darf von ihm also erst demnächst erzählen und ihn lobend feiern. 

Ansonsten sah ich ein paar nette oder schräge Werke, die einen Vorgeschmack auf die kommende Woche geben. Aus Brasilien kommt die etwas ältere Sommèliere „Isabel“ – so auch der Filmtitel – die mit dem ekligen Chef über die Qualität der von ihr angebotenen Weine streitet. Oder das Sterben in einer finsteren indonesischen Fabrik, in der die Arbeitenden gegen ein verborgenes Monster kämpfen müssen („Monster Pabrik Rambut“). 

Ich werde mich auf die 22 Wettbewerbsfilme konzentrieren, weil die zehn Tage lang eine Reise durch das zeitgenössische Kino 2025 anbieten. Nicht einmal alle Wettbewerbsfilme werden demnächst in die deutschen Kinos kommen, viele aus Sektionen wie dem historischen „Forum“ oder dem neuen Format „Perspektives“ für neue Stimmen des internationalen Kinos. Jedoch ist es für etliche Filmschaffende in vielerlei Hinsicht hilfreich, wenn ihre Arbeiten wenigstens gezeigt werden. Das gilt besonders für politische und gesellschaftskritische Themen, für die die Berliner Festspiele bekannt sind. 

Nicht vergessen möchte ich hier das Lob, dass die – unter dem legendären Festivalleiter Dieter Kosslick entwickelten – Ansprüche zu Nachhaltigkeit, Toleranz und weiblicher Gleichstellung von der neuen Intendantin Tricia Tuttle und ihren Mitarbeitenden weiterentwickelt werden.

Wird fortgesetzt

Foto:
Tricia Tuttle bei der Eröffnung der 75. Berlinale
© Berlinale-Archiv