tunesienDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 4


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Die Verbundenheit von Lilia ( Eya Bouteraa) und Alice spürt man im Flugzeug von Paris nach Tunesien sofort. Daß sie auch ein Liebespaar sind, gleich darauf. Der Anlaß allerdings ist ein trauriger. Lilias Onkel Daly (Karim Rmadi) ist überraschend gestorben und sie kommt zur Beerdigung in das traumhafte Familienhaus in Sousse am Meer, das die Natur bald überwuchert, so üppiges Flechtwerk wächst überall. Doch irgendetwas stimmt nicht.


Das spürt Lilia sofort am Verhalten ihrer geliebten, aber auch gefürchteten Großmutter Néfissa und auch ihre Mutter Wahida (Hiam Abbass) und Tante . Während einerseits die Verwandten und die Nachbarn kondolieren und Tee trinken, Gebäck essen, wir auch Zeugen einer typischen muslimischen Beerdigung werden, kommen andererseits Polizisten ins Haus, die nachfragen, denn Daly ist auf der Straße nackt und tot gefunden worden. Die Autopsie hat einen Herzinfarkt ergeben. Keiner weiß, was los ist, was wahr ist. Über allem liegt eisernes Schweigen, das die Großmutter durch ihren Ton, ihr Verhalten befiehlt, ohne ein Wort zu äußern. Während Lilia damit beschäftigt ist, sich auf alles einen Reim zu machen und im Zimmer ihres Onkels nie abgeschickte Liebesbriefe an einen Mann im Ort findet und das gehütete Familiengeheimnis so entlarvt, langweilt sich Alice und will wahrgenommen werden. Lilia beschwichtigt sie, geht mit ihr aus, aber eigentlich will sie das Leben ihres Onkels aufklären und stößt auf Menschen und Begebenheiten, die seinen Tod noch rätselhafter machen.

 

Und dann passiert der Eklat. Erst kommt Alice einfach unabgesprochen ins Trauerhaus, wird als Freundin vorgestellt und mit Tee bewirtet. Später sieht Lidias Mutter gerade dann aus dem Fenster, als unter Bäumen sich beide küssen. Wahida ist empört, nicht eigentlich über die lesbische Beziehung selbst, sondern vor allem, weil Lilia sie nicht eingeweiht hatte. Spätestens in diesen Szenen spürt man, dass Hiam Abbass zum Kraftzentrum des ganzen Films wird. Alle Darsteller passen perfekt für ihre Rollen, aber Hiam Abbass erzeugt einen Mehrwert, weil ihre Rolle sich am stärksten bewegen muß. Sie, die Ärztin an verantwortlicher Stelle im Krankenhaus, hatte auf Enkel gehofft und nun das. Aber sie, die bisher von der Homosexualität ihres Bruders wußte und ihn unterstützte, muß erst einen Weg zurücklegen, dies auch bei ihrer Tochter zu akzeptieren. Der Film selber bringt an keiner Stelle Homosexualität aufdringlich ein, aber man spürt, dass hier ein virulentes tunesisches Problem abgehandelt wird: institutionelle Homophobie. „Artikel 230 des Strafgesetzbuches sieht eine Strafe von bis zu drei Jahren Gefängnis vor ‚für sexuelle Beziehungen zwischen zwei einwilligenden Erwachsenen gleichen Geschlechts‘. Dieses Gesetz wurde von den Franzosen während der Protektoratszeit 1913 verfasst und gilt bis heute.“

 

Als Lilia auf der Polizeiwache die Verlogenheit dieser ganzen Gesellschaft nicht mehr aushält, weil ein junger Freund des toten Onkel jetzt für alles büßen soll, erklärt sie den verdutzten Beamten, sie sei auch homosexuell, lesbisch also, und müßte jetzt verhaftet werden. Die Polizisten lachen nur darüber und finden das komisch, denn Frauen werden sowieso nicht für ernst genommen. Das war auch der Grund, warum in Deutschland sogar lesbische Liebe nicht strafbar war. Der erst 1994 abgeschaffte § 175 galt nur für Männer. Auf jeden Fall führt ihre Provokation dazu, dass der verhaftete junge Mann freikommt.

 

Und dann wird der Bogen geschlagen, wie man die Familie versöhnt. Ein Jahr später erscheinen Lidia und Alice mitsamt einem Baby, das als das von der sehr blonden Alice ausgegeben wird, das aber so dunkelhäutig und -äugig erscheint wie Lidia. Brauchte es diesen Schluß, der eine Harmonie ausstrahlt, die als Sehnsucht sicher besteht, aber doch leicht übertüncht, was den ganzen Film über als Problem dieser Gesellschaft aufgezeigt wurde?

Foto:
©Berlinale

Info:
von Leyla Bouzid (Regie, Buch)
mit Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Feriel Chamari•113'•Frankreich, Tunesien 2026•Farbe•Französisch, Arabisch