gelbebriefeDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 6


Claudia Schulmerich


Berlin (Weltexpresso) - Besser könnte es Ihnen überhaupt nicht gehen, wenn nach der Theateraufführung in Ankara der Beifall aufbrandet und die beliebte und berühmte Hauptdarstellerin Derya (ÖZGÜ NAMAL) mit roten Rosen bedacht in ihre Garderobe entschwindet, begleitet vom Blick ihres Ehemanns Aziz (TANSU BİÇER), der die Regie führt, das Stück verfaßt hatte, zudem Professor an der Universität ist. Sie sind ein berühmtes Paar und glückliche Eltern einer j13jährigen Tochter Ezgi (LEYLA SMYRNA CABAS). Daß der Gouverneur die Vorstellung besucht hat und sein Handy nicht ausgeschaltet hatte, ärgert Derya, weswegen sie auch nicht zu einem Foto mit dem Gouverneur bereit ist. Das wird sich rächen und dieser Film zeigt auf, was aus einem kleinen Konflikt werden kann, wenn die gesellschaftlichen und das heißt die politischen Verhältnisse keine Kontrollmechanismen gegen Machtmißbrauch und Vetternwirtschaft haben.


AdvoscheidungIm Land - der Film spielt in der Türkei, hat türkische Schauspieler, wurde aber aus Finanzgründen in Deutschland, aber auf Türkisch also gedreht – gibt es Demonstrationen, die sich für Frieden und für die Ausgestaltung des Bildungswesens einsetzen, was die Dozenten der Uni ausdrücklich unterstützen. Und als im Seminar von Aziz nur noch fünf Studenten sitzen, weil die anderen demonstrieren, rät er diesen, doch auch mitzugehen, denn man können nur ein guter Dramaturg werden, wenn man das Theaterhafte der Politik durchschaut habe. Doch zwei, drei wollen bleiben und mindestens einer von ihnen denunziert Aziz bei der Uni-Leitung. Und nun kommt es dicke. Der Staat schlägt zurück. Alle Dozenten werden mit fadenscheinigen Gründen, sie hätten ihre Stunden nicht voll abgeleistet, entlassen. Zusätzlich wird Azis’ Stück am Theater abgesetzt und die dortigen Kollegen bezichtigen Derya, das geschehe, weil sie ein Foto mit dem Gouverneur verweigert hatte. Beim Gehen drückt ihr der Hausmeister einen gelben Brief, die Kündigung in die Hand.  

Und nun geht es Schlag auf Schlag. Der Vermieter der Wohnung Herrn Zülifikar (Vedat Erincin) erzählt von einem Polizeibesuch und will solche Mieter nicht, die die Einnahmen bleiben also aus und der aufgenommene Kredit kann nicht mehr bezahlt werden. Sie lagern ihre Möbel ein und ziehen nach Istanbul in die Wohnung der Mutter von Aziz ((İpek Bilgin)), die sich vor allem über die Enkeltochter freut. Der allerdings fehlt ihre gewohnte Umgebung und die Freunde und sie gerät hier in fragwürdige Gesellschaft, opponiert zudem gegen ihre Eltern, die ihr das alles zumuten, weil sie von den politischen Hintergründe zu wenig weiß, sie vielleicht auch noch nicht versteht.

 

Man kann im Film wie unter dem Brennglas verfolgen, was passiert, wenn man ‚aussortiert‘ wird. Der sehr gläubige Bruder von Derya, ein Paradebeispiel wie Religion als Schmiermittel für gesellschaftlichen Einfluß verwendet wird, also der Bruder, der über den Islam sich mit den Oberen gut stellen will, verweigert ihr, die sie ein gemeinsames Grundstück verkaufen will, dies, will aber mit eigenem Geld helfen, aber das ist alles Stückwerk und das gemeinsame Leben in der Wohnung der Schwiegermutter gefällt Derya auch nicht, obwohl gerade die den meisten gesellschaftlichen Durchblick hat, denkt man. Inzwischen hat man verstanden, dass in diesem Film viele Prozesse auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig stattfinden. Es ist also, seien wir ehrlich, wia im richtigen Leben, dass zusammenkommt, was besser hintereinander bewältigt werden könnte.

 

In Ankara werden die Demonstrationen juristisch aufgearbeitet und Aziz steht unter Anklage und steht Monate später vor Gericht in Ankara. Ein Student hatte Aufnahmen gefertigt, die ihn als Unterstützer der Proteste zeigen. Es bleibt beim Berufsverbot und Ausreisen darf er auch nicht. Sein gläubiger Schwager zwang ihn, mit in die Moschee zu kommen und ein dort ebenfalls anwesender Taxiunternehmer stellt ihn als Taxifahrer ein. Aber der Prozeß in Ankara geht weiter.

 

Jetzt muß was geschehen. Derya meldet sich bei der Produzentin, die ihrem Mann damals bei der Premiere und dem Anfang des Films ihre Karte zugesteckt hatte, auf die Derya eigentlich nicht zurückgreifen wollte. Denn es geht um TV-Aufnahmen einer Serie Paradiesgarten, die nicht dem entspricht, was Derya eigentlich darstellen will. Zudem sollte sie alle ihre kritischen Kommentare in den sozialen Medien löschen, was sie tut. Dann kann sie nicht mehr die Hauptrolle spielen in dem Stück, das ihr Mann geschrieben hat und das ‚Gelbe Briefe‘ lautet und an einem kleinen unabhängigen Theater in Istanbul geprobt wird. Als sich die Eheleute über die unterschiedliche künstlerische Entwicklung beider streiten, kommt es zum Drama mit der Tochter.

 

Die ist verschwunden, weil sie sich von der Oma und den Eltern unabhängig machen will. Jetzt zeigt sich, dass Familie eben doch Familie ist, auch der Bruder hilft mit und kann mit dem Zugang zu Ämtern der Stadt die Adressen von dreien herausfinden, die den Namen eines Freundes von Ezgi tragen. Dort finden die entsetzten Eltern eine kleine Alkohol- und vermutete Drogengesellschaft von Jugendlichen und ihre Tochter versteckt im Schrank vor. Das Drama hat seinen Höhepunkt erreicht und die Eltern haben dazugelernt. Sie sind noch immer nicht völlig angepaßt, haben aber gelernt, dass sie mit dem Strom schwimmen.

 

Zwar kann man diese Situation in der heutigen Türkei deutlicher als hierzulande darstellen, aber das, worum es geht, findet fast überall statt.


Foto:
©Berlinale
©Adwoscheidung

 

Info:
BESETZUNG
Derya ÖZGÜ NAMAL
Aziz TANSU BİÇER
Ezgi LEYLA SMYRNA CABAS
Güngör Hanim İPEK BİLGİN
Salih AYDIN IŞIK
Baran AZİZ ÇAPKURT
Fikret YUSUF AKGÜN
Kadriye UYGAR TAMER
Kübra JALE ARIKAN
Sema SEDA TÜRKMEN
Ismail Karacabraş EMRE BAKAR
Cemre ELİT İŞCAN
Rojda SULTAN ULUTAŞ ALOPÉ
Gülin EMİNE MEYREM
Zeynep İPEK SEYALIOĞLU

STAB

Regie İLKER ÇATAK
Drehbuch İLKER ÇATAK, AYDA MERYEM ÇATAK, ENIS KÖSTEPEN