CHINESISCHDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 13


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Nach zwei gewichtigen historischen und wirklich sehr gut gemachten Filmen kommt am Abend ein Film aus Singapur daher, der eigentlich ruinöse, echt schwierige Lebensbedingungen einzelner auf so leichte und positive Art beantwortet, dass man beschwingt nach 157 Minuten das Kino verläßt. Was kann man Wichtigeres über einen Film sagen, als dass er einen mit neuer Energie aus dem Kino entläßt.

Singapur im Film. Doch, das gab es schon, aber ein Film aus Singapur auf der BERLINALE noch nie. Nicht schlecht also, sich über Singapur in Südostasien kurz zu informieren. Anders als Hongkong oder sogar auch Taiwan, müssen die Singapurer keine Angst haben, dass die Chinesen übernehmen, denn Singapur war nie Teil des Chinesischen Reichs, sondern gehörte bis 1965 zu Malaysia. Heute ist Singapur ein selbständiger Staat und obwohl nur 13 Prozent Malaysen sind, bleibt Malaysisch zusammen mit Englisch Verkehrssprache in dieser parlamentarischen Demokratie mit dem Bevölkerungsanteil von 75 Prozent Chinesen, die Mandarin, das Hochchinesisch sprechen. Wie schade, dass wir – die Filme auf der Berlinale laufen in der Urfassung – den Film sprachlich nicht verfolgen können, denn er spielt an so vielen Orten der Stadt mit so viel filmischem Personal, dass die Sprachenvielfalt spannend wäre. Übrigens hat Singapur mit über 6 Millionen Einwohner nach Monaco die höchste Bevölkerungsdichte. Und ist eines der höchstentwickelten und erfolgreichsten Wirtschaftszentren und Wachstumstreiber Asiens.

Dort lernen wir den 21jährigen Junyang (Koh Jia Ler) kennen, ein Tunichtgut besonderer Güte, der in den Tag hineinlebt, dauernd auf seinem Bett herumliegt und viel Bier trinkt, während sein Vater mit seiner Nudelküche schwer schuftet, um beide durchzubringen. Einen so lieben Vater sieht man selten. Doch angefangen hat es mit der Schülerin aus gutem Haus, Lydia (Regene Lim), die fast professionell Klavier spielt. Der Vater ist verschollen, aber die Mutter weiß sich in der Welt zu behaupten. Doch die in der Schule Fleißige läßt alles stehen und liegen, wenn Junyang ruft, was er dauernd tut.

Den Vater Andi Lim (Boon Kiat) erleben wir immer wieder bei seiner Arbeit am Wok, das Eierschlagen ist eine Kunst, das macht er in der hohlen Hand, sensationell. Dann gibt es noch in einem anderen Lokal eine Kellnerin, die mit meist schlechter Laune kommt und auch nicht mit besserer nach Hause geht, denn sie wohnt nun schon seit so vielen Jahren in der Familie ihres Bruders, weil sie ich eine eigene nicht leisten kann. Denn, wenn wir glauben, in Deutschland gäbe es zu wenige Wohnungen für die Bevölkerung, was einfach stimmt, ist es in Singapur noch viel schlimmer, weil es nur noch teuere Wohnungen gibt. Auf jeden Fall muß die unternehmungslustige und gegenüber Männern auch drastische – sie hat sich zu wehren gelernt – Kellnerin Bee Hwa (Yeo Yann Yann) nach vielen Jahren, in denen sie zusammen mit Ihrem Neffen im Kinderzimmer schlief, ausziehen, nur findet sie keine, die sie bezahlen kann.

Da paßt es gut, dass gleichzeitig Zweierlei passiert. Denn wir sehen auf einer witzigen, ja romantischen Bustour längs und quer durch Singapur, wie sich Nudel-Andi und Bee näherkommen, das hätten wir nie gedacht, aber es funktioniert. Und in Junyangs Zimmer, besser auf seinem Bett, ist Lydia eingezogen, die auf die Schule und ihre gehobene Umgebung verzichtet, schwanger ist und bald den kleinen Jungen in ihren Armen hält. Wie die Vier nun den Alltag meistern, ein Zusammenleben auf so engem Raum, ist das eine, was im Film komödiantische Qualität erhält. Daß es in Singapur die Durchschnittstemperatur von 28 Grad gibt, tropisch-feucht, merkt man in dieser Wohnung in jeder Sekunde.

Mit Junyang muß etwas geschehen, er weiß es selbst am besten, dass man nicht Vater und Ehemann sein kann, ohne zu arbeiten und so beginnt er mit schlecht bezahlten Botendiensten. Doch ist er ja ein schlaues Kerlchen und baldowert verschiedene Möglichkeiten aus, wie er an mehr Geld herankommt. Am meisten kann man beim Vermitteln von Wohnungskäufen verdienen und was er da an Lehrgeld zahlt, weil seine potentiellen Kunden immer stärkere Halunken sind als er, der ja nur bequem leben will, geht auf keine Kuhhaut. Und wie immer ist sein Vater ein Held und bringt das Geld auf, damit die Gang, die seinen Jungen unter Druck setzt, sich verzieht. Das Problem ist erledigt, aber damit ist ja noch nicht Geld ins Haus gekommen.

Und es kommt noch schlimmer. Denn Vater Andi plagen schon lange Schmerzen und als er endlich zum Arzt geht, hat er Darmkrebs im vierten Stadium und wird nur noch ein halbes Jahr leben. Wie er das meistert und den Seinen auch in dieser Situation noch beisteht, macht ihn fast zum Heiligen. Aber er ist einfach nur ein guter Mensch. Aber er hatte, für die Eskapaden seines Sohnes und für ein besseres Leben einen Kredit aufgenommen, bei diesen Straßenhaien, die jetzt das Geld zurückhaben wollen und auch vor drastischen Druckmitteln, wie Abschneiden von Fingern nicht zurückschrecken.

Wir verfolgen noch, wie Junyang alles mögliche unternimmt, um an Geld zu kommen, aus dem Faulenzer wird wirklich ein besorgter Familienvater und Lydia arbeitet auch, statt die Schule zu beenden und zu studieren, wie es vorgesehen war.

 

Junyang hat auf seine Stiefmutter nicht zustimmend reagiert. Die beiden kabbeln sich fortwährend, aber dann entsteht eine Geschäftsidee, die das karge Dasein fast in ein kleines Schlaraffenland überführt. Haben wir schon die überzeugenden Kommunikationsfähigkeiten von Bee Hwa gebührend erwähnt? Die kann quasseln und auch den stursten Bock in ein Gespräch verwickeln. Als Kellnerin hat sie zudem gelernt, wie man einen abwimmelt, ohne dass dieser was tun kann. Sie hat die Idee, das, womit Junyang da rumkrebst, selbst in die Hand zu nehmen: soziale Netzwerke nutzen. Zuerst macht sie es nur aus Spaß, dass sie Geschichten erzählt und die Leute sich auf sie einlassen, hören und sehen und Herzchen schicken. Doch dann kommt die Idee mit den Medikamenten. Eigentlich ist sie von Junyang, doch Bee Hwa ist die Verkaufskanone, der wir zusehen, wie sie, da Tränen gerade passen, diese rasch mit Augentropen herstellt, die sie ein paar Minuten vorher im Internet verkauft hatte.

Für das Abwickeln der Geschäfte ist Junyang zuständig. Der holt die Großlieferungen und verschickt die im Internet gekauften Medikamente. Wie fleißig der ehemals Faule geworden ist! Doch Kind und Frau kosten eben Geld und als alles gerade so toll läuft, dass man sich vergrößern könnte, kommt der Absturz: die wichtigsten und teuersten Medikamente waren gefälscht, Leute sind krank geworden, ja gestorben und die Anklage wird mindestens drei Jahre Gefängnis fordern. Da nimmt Bee Hwa alle Schuld auf sich, sie weiß, dass dies Junyang zerbrechen würde und er für seine kleine Familie sorgen muß.

Diese Geste von ihr wird ihn für ewig zu Dank verpflichten und als er sie mit dem Sohn im Gefängnis besucht, weiß man, danach geht es gut weiter mit dieser Familie. Auch Lydia nimmt ihren Weg, lernt in der Volkshochschule weiter und man verläßt diese kleine Familie mit guten Gefühlen für die Zukunft. Daß Junyang zudem endlich eine Tätigkeit hat, die Geld einbringt, aber legal ist, macht ihm möglich, endlich für Lydia ein Trumm von Klavier zu kaufen, das sie überglücklich sofort zu spielen beginnt, wobei einem auffällt, dass dieser Film voller Musik ist, europäischer Musik, viel Walzer und romantische Klänge, richtige Gassenhauer erklingen.

Wenn man das liest, könnte das auch ein sogenannter Wohlfühlfilm sein, wie ihn viele deutsche Produktionen darstellen. Aber dieser Eindruck wäre falsch. Regisseur Anthony Chen bringt das Gegenteil von Kitsch oder Sozialromantik Ins Kino. Er zeigt uns menschliche Wesen im Irren und Wirren und wie es zu Familienbildungen kommt, wie sie sich durch Tod verändern, aber nicht zerbrechen, zeigt Menschen aus unterschiedlichen Kreisen, die hart arbeiten müssen, um zu überleben, die aber aus ihrem Leben auch Spaß und Lust schöpfen. Das ist einfach schön.

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Info:
Stab
Regie Anthony Chen
Buch. Anthony Chen
Kamera Teoh Gay Hian
Besetzung
Yeo Yann Yann (Bee Hwa)
Koh Jia Ler (Junyang)
Andi Lim (Boon Kiat)
Regene Lim (Lydia)