Die 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Teil 14
Hanswerner Kruse
Berlin (Weltexpresso) – Dieser weiterer Familienfilm im Wettbewerb ist wie ein Tanz, um den es im weitesten Sinn auch geht. Doch das weiß man zunächst nicht, wie so vieles in der folgenden Geschichte. Lange erzählerische Szenen wechseln sich gelegentlich mit schnell aneinandergeschnittenen wilden Episoden ab. Bilder oder Miniszenen blitzen auf.
Der Film ist mehr als seine Handlung, denn diese Tanzstruktur – lange Bewegungsbilder. Knappe heftige Begegnungen. Kämpfe. Abstoßen. Zusammenkommen – gestalten die Wirkung auf uns Zusehende mit.
Vor dem Teaser trommelt lange eine Frau. Man sieht nur ihr Gesicht. Man ahnt lediglich, dass sie die Trommel schlägt. Irgendwann fährt die Kamera zurück, eine ganze Percussion-Gruppe spielt zusammen. Dann packt Laura ihre Sachen zusammen und verschwindet. War sie im Gefängnis? In der REHA? Später im Film erfahren wir, dass sie in einer Klinik ihre Trunksucht behandeln ließ und sich dabei stark veränderte.
Zuhause wird sie nicht gerade freundlich empfangen. Tochter Josie holt sie vom Flughafen ab, bleibt aber muffig und reserviert. Schließlich musste sie lange die Mutterrolle übernehmen. Sagt sie. Der kleine Sohn Felix rennt weg ans Wasser. Ihr Mann Martin scheint sich über die Rückkehr zu freuen, wird jedoch sauer, als seine Frau den Sex verweigert. Immer wieder flackern dazwischen Unfallbilder auf. Oder Fotos verkrüppelter Tanzfüße. Selbst wird Laura eifersüchtig, weil sie im Auto Präservative fand. Schließlich lieben sich die Eheleute doch noch körperlich, während heftiger Sturm und Regen aufkommen.
Als die Familie bald am sonnigen Meer auf Freunde trifft, ist Laura aufgebracht, weil Martin behauptet, sie sei in Bali gewesen. „Ich werde hier gerade wiedergeboren“, verkündet sie ihm, „lass mich bitte meine eigenen Lügen erzählen.“ Mit einem Bekannten bekommt sie Ärger, weil sie die geplante Tanz-Tournee ihres Ensembles absagte. Mehr wissen wir darüber zunächst nicht.
Ihr Sohn bekommt die Verbrennung von einer riesigen Qualle am Strand, sie bittet einen Fremden, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Während sie auf das Ende der Behandlung warten, kommen sie ins Gespräch, gehen essen und stellen fest, dass beide süchtig waren. Er lässt jetzt Drachen steigen: „Meine Drachen werden für mich high.“ Sie weiß jetzt, „ich konnte nur beim Trinken loslassen.“ Dazwischen Blitzszenen von Hilflosigkeit. Angst. Überforderung.
Diese Momente wirken wie kleine Alpträume, dann folgen wieder ruhigere Sequenzen. Wir erfahren, dass Lauras Vater die erfolgreiche Compagnie gründete, die sie später weiterführte. Kurze eingeflochtene Bilder der kleinen Laura im Tutu. Vater und Tochter im gemeinsamen Pas de deux. Die tanzende Mutter als Kind. Mitglieder des Ensembles wollen Laura überreden weiterzumachen, weil so viele Existenzen an der Truppe hängen. Doch sie bleibt zurückhaltend, weil ihre Identität und künstlerische Arbeit mit der Selbstzerstörung durch den Alkohol verbunden waren. Sie schwankt, was sie machen soll.
Die immer noch wütende Josie tanzt wie wahnsinnig. Stürzt sich hin. Steht wieder auf. Stürzt sich hin. Steht wieder auf. Macht ständig weiter. Überblendungen, dass ihre Mutter – ganz vorsichtig – auch wieder zu tanzen beginnt. Schließlich rennt die Tochter zum Meer, wirft sich verzweifelt in die Fluten. Die Mutter läuft ihr nach. Vielleicht finden die beiden doch noch zusammen, aber das lassen wir hier offen.
Durchgehend handelt „At The Sea“, am Wasser, mit Ebbe und Flut. Das symbolisiert – wohl auch – eine Erkenntnis Lauras, dass ihre Heilung nicht linear verlaufen kann. Die tänzerische Form des Films mit seinen mal ausgiebigen, mal schnellen Assoziationen nimmt uns mit auf ihren Weg. Er zeigt Genesung nicht als Entscheidung, sondern als körperlichen Prozess, der sich widersetzt – wie Tanz.
Auf der dem Film folgenden Pressekonferenz macht der ungarische Regisseur deutlich, dass er die Geschichte eigentlich in Ungarn drehen wollte. Aber da er dort den Film aus politischen und finanziellen Gründen nicht drehen durfte, nahm er ein US-amerikanisches Angebot an und machte ihn in Cape Cod/USA. Hinsichtlich der Trommeln erklärte er, dass er in einer Suchtklinik sah, dass die Klienten ihre Wut, ihren Frust an Schlagzeugen auslassen konnten – und später mit Trommeln gemeinsam den Kreis schließen wollten.
Foto:
© 2026 ATS Production LLC
Info:
„At The Sea“ von Kornél Mundruczó (Regie),
Kata Wéber (Buch),
2026,
USA,
Ungarn
112 Minuten
Mit Amy Adams (Laura), Murray Bartlett (Martin), Chloe East (Josie), Brett Goldstein (Keegan), Dan Levyn (Peter), Redding L. Munsell (Felix), Jenny Slate (Debbie), Rainn Wilson (George)