etwas besonderesDie 76. Berlinale vom 12. bis 22. Februar 2026, Wettbewerb Teil 19


Claudia Schulmerich

Berlin (Weltexpresso) - Gab es bisher schon Familienfilme im Wettbewerb der Berlinale, so kann man inzwischen durchgehend jeden Film als einen über kaputte bis heile Familien einordnen, so dass man inzwischen glauben könnte, dass die Berlinale Regisseure in aller Welt beauftragt hätte, Filme über die unterschiedlichsten Ereignisse in Familien zu drehen, die eines auszeichnet: diese Familien sind nach den Filmen über sie andere als zuvor. Das gilt auch für diesen Film, der in Thüringen spielt.

 

Eine Familie in Greiz, der Perle des Vogtlands, habe sie schon deshalb favorisiert, erläutert Regisseurin Eva Trobisch, weil diese die Geschichte der DDR in der heutigen Familie noch durchscheinen läßt. Immer wieder blitzen im Film derartige Assoziationen auf, sei es im Verhältnis von Männern und Frauen, sei es in den beruflichen Qualifizierungen der Frauen. Es geht um eine ganz normale Familie, eine Großfamilie mit drei Generationen, wo es einen Stiefgroßvater Friedrich (Peter René Lüdecke) gibt und eine Großmutter Christel (Rahel Ohm), Tochter Kati (Eva Löbau), Sohn Matze (Max Riemelt) , die Enkel sind Kinder von verschiedenen Vätern von derselben Mutter, Rieke (Gina Henkel), was ja nichts Besonderes ist. Besonders wird es höchstens durch den Umgang miteinander. Und da ist unter der äußeren Oberfläche von Harmonie einiges los.

 

Doch die Aufmerksamkeit ist erst einmal und lange auf Lea gerichtet, sie ist die Tochter von Matze und Rieke und hat zu ihrer Tante Kati ein besonders gutes Verhältnis, die als Kuratorin derzeit durch geschickte Finanzierung (EU-Gelder!) das örtliche Schloß zu einer exquisiten Kulturstätte machen will. Lea hatte sich bei einer Gesangs-Castingschau beworben und ist zu Probeaufnahmen nach Köln eingeladen. Das ist für das Mädchen wie eine Sechs im Lotto, aber als dortige Redakteur extra nach Greiz kommt und die Kamera aufzeichnen will, was sie auf die Frage: „Wer bist du und was macht dich aus?“ denn antwortet, kommt nur Schweigen. Auch weitere Fragen führen ins Nichts. Sie weiß einfach nicht, wer sie ist, nur, dass sie gerne singt, das weiß sie.

 

Die Eltern und Großeltern sind stolz auf sie und fast alle fahren mit nach Köln. Zu Hause gibt es das Hotel am Waldrand zu bewirtschaften, zudem noch eine Pferdestation, wo gerade ein besonders sensibles Pferd in Pflege genommen wird, was nicht gut ausgeht.

 

Von einem Extrem, der still ländlichen Umgebung in Greiz, ins andere, dem Kölner Aufnahmestudio mit schrillen Tönen und lärmenden Menschen. Lea ist zwar aufgeregt, aber bleibt so verhalten, wie sie ist und singt, einfach und schön. Und wird ausgewählt, kommt eine Runde weiter. Die Familie ist stolz auf sie, es wird gefeiert und die Situation führt dazu, dass die von einem anderen Mann schwangere Rieke mit ihrem Ex-Mann Matze schläft. Das ist interessant, kommt in Filmen nicht häufig vor und man macht sich Gedanken, hat die ausgelassene Situation und entstehende Lust dazu geführt, oder hat Rieke latent ein schlechtes Gewissen und beruhigt dies durch diesen Beischlaf, der ja für Matze auf jeden Fall eine Wiedergutmachung bedeutet, denn wenn die eigene Frau schon einen anderen Mann will, will sie dennoch mit ihm schlafen.

 

So geht es einem in diesem Film immer wieder. Man macht sich seine eigenen Gedanken um die Personen, ihre Motive und Handlungen. Zurück in Greiz übt Lea weiter ihr Singen und Auftritte, aber ihr macht ihre Freundin Kummer, die sich lieber in einen dummen Jungen verliebt Die Tante wiederum steht unter Streß, weil die Sponsoren ihr Werk auf dem Schloß begutachten wollen, ihre Mutter ist kurz vor der Geburt und im Hotel und im Pferdestall läuft es gar nicht gut, weshalb Großmutter Christel ausgerechnet auf der so lange vorbereiteten und wichtigen Zusammenkunft auf dem Schloß ausrastet. Sie hat genug, wie die Vergangenheit verklärt wird, was ausgerechnet ihre Tochter Kati tut, als sie die Strickmaschinen auf dem Schloß, die Christel noch bedient hatte, stolz als traditionelle Kunstfertigkeit vorstellt. Dabei hatte Kati dies alles auch unternommen, um die Arbeit ihrer Mutter zu würdigen. Das durchzieht das Familienleben also auch, dass zwischen dem Wollen und dem, wie es aufgenommen wird, sich oft ein grober Spalt auftut.

 

Während Leas Weg positiv weitergeht, erklärt Großmutter Christel der Familie den Kampf. Sie will das Hotel, das ihr erster Ehemann geerbt hatte, und ihr Besitz ist mitsamt dem Pferdestall verkaufen. Das erfährt die bestürzte Familie aus der Zeitung, denn Christel ist bei einer Freundin untergekommen.

 

Hier verlassen wir die Familie, die wie alle Familien aus einem Auf und Ab besteht, wo Neues integriert wird – so ist auch das Baby von Rieke längst geboren – und Altes abgestoßen wird. Irgendwie geht es immer weiter.

 

Dieser Film wirkt stärker als andere nach der Vorstellung weiter. Sofort fragt man sich, woran das liegt. Der Vorgängerfilm im Wettbewerb am selben Morgen in der Früh war der mexikanische Beitrag, ein berührender Film, der durchgehend begeisterte. Aber jetzt fragt man sich, ob man sich mit FLIES noch länger beschäftigen wird, denn es ist eine abgeschlossene tragische Geschichte. Doch in diesem Film hier ist überhaupt nichts abgeschlossen und im eigenen Kopf geht es mit dieser Familie ieinfach weiter.

 

Foto:
©

Info:
Stab
Regie Eva TrobischKamera Adrian Campean
Buch Eva Trobisch

Mit
Frida Hornemann (Lea)
Eva Löbau (Kati)
Rahel Ohm (Christel)
Florian Geißelmann (Edgar)
Peter René Lüdecke (Friedrich)
Gina Henkel (Rieke)
Max Riemelt (Matze)
von Sable Moltzen (Henri)
Florian Lukas (Arthur)
Kara Schröder (Caroline)
Nairi Hadodo (Fee)
Anne Kulbatzki (Ina)
Thomas Schubert (Raphael)
Ida Fischer (Bonny)