Mein persönliches Tagebuch zur 76. Berlinale, Teil 4
Hanswerner Kruse
Berlin (Weltexpresso) – Auch um den Wettbewerb herum wurden rund zwei Dutzend weitere Preise verliehen – oft in mehreren Kategorien und verschiedenen Sektionen. Das fing schon am Freitagabend mit Kinderfilmpreisen und dem Teddy-Award an.
Doch das größte Interesse gilt nach wie vor den acht Bären der Wettbewerbsjury, die seit vielen Jahren mit sieben Mitgliedern besetzt ist. In der Frühzeit des Festivals stimmte noch das Publikum ab, aber den Veranstaltern wurde damals klar, dass die beliebtesten Filme nicht unbedingt die besten sind. Alle aktuellen Beiträge 2026 wurden hier im Weltexpresso besprochen; ich mache deshalb dazu keine kurzen Inhaltsangaben mehr.
Viele Presseleute waren in diesem Jahr der Meinung, diese Berlinale sei endlich mal wieder gut gewesen – dem will ich nicht widersprechen. Ich neige ohnehin dazu, viele Filme gut zu finden.
Es gab nur zwei belanglose, ansonsten sehr unterschiedliche, meist interessante Beiträge. Anfangs dachte ich, die Erzählungen von den starken Frauen aus dem Eröffnungsstreifen setzen sich fort. Dann fielen mir die Familien auf, in denen es in fast jedem Film irgendwie kriselt. Aber bei „Rose“, in dem Sandra Hüller versucht, ein Mann zu sein, oder beim gleich zweimal ausgezeichneten „Queen at Sea“, in dem es um den Sex einer Frau mit Demenz geht – greifen solche Einordnungen viel zu kurz.
Vor der Vorstellung der ersten drei Gewinnerfilme – Goldener Bär, Preis der Jury und Großer Preis der Jury – erklärte Wim Wenders, drei Werke seien von der Jury als hervorragend wahrgenommen worden. Es sei sehr schwer gewesen, diese Produktionen in eine Reihenfolge zu bringen. Vielleicht kam „At the Sea“ deshalb mit dem Preis der Jury auf den dritten Platz, weil er dadurch ja zweimal prämiert wurde. Denn der Bär für die beste Nebenrolle wurde doppelt an das Paar vergeben. Auch eine Besonderheit auf dieser Berlinale.
Normalerweise gibt es keine zweifachen Auszeichnungen, außer bei den Preisen für schauspielerische Leistungen. In den letzten Jahren konnte man das nur einmal bei dem Beitrag „Rabiye Kurnaz vs. George W. Bush“ von Andreas Dresen erleben. Hier wurden sowohl das Drehbuch als auch die Schauspielerin mit Silberbären geehrt.
Der zweite Platz Großer Preis der Jury für „Kutulus“ und der Goldbär für den besten Film „Gelbe Briefe“ gehen völlig in Ordnung. Einige Beiträge fand ich ganz diffus „gut“ – die Jury hat herausgearbeitet, warum: In „Yo“ wurden sämtliche cineastischen Mittel genutzt, um eine vielschichtige, abwechslungsreiche und bewegende Filmcollage zu kreieren. Dafür erhielt sie den Bären für Herausragende künstlerische Leistung.
Tja, und im Berlinale-Palast gab es wieder Tücher und Fahnen schwenkende Filmschaffende, die auf der Bühne Israel verdammten und Palästina hochleben ließen oder betrauerten. Vom Überfall der Hamas war nicht die Rede. In nahezu allen Pressekonferenzen zu den Wettbewerbsfilmen kamen immer wieder die Vorwürfe des Völkermordes in Gaza, zu denen die Filmschaffenden Stellung nehmen sollten. In der letzten Konferenz rief ich – gegen alle Regeln – laut in den Saal, man solle doch auch mal über die Ursachen reden und die Verbrechen der Hamas benennen. Das hatte zur Folge, dass ich später von wütenden Aktivisten beschimpft und angegriffen wurde.
Fortsetzung folgt
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© Richard Hübner / Berlinale 2026