A FamilyDie Sektion Generation der Berlinale 2026

Holger Twele

Berlin (Weltexpresso) - Gegenüber dem Wettbewerb und dem Panorama findet die Sektion Generation der Berlinale, die in die Wettbewerbe Kplus und 14plus unterteilt ist, beim Fachpublikum oft nicht die gleiche Resonanz, was das in die Kinosäle strömende junge Publikum herzlich wenig kümmern wird. Auch in dieser Sektion lassen sich regelmäßig Entdeckungen machen, ganz abgesehen davon, dass dort Filme laufen, die mit dem deutschen Mainstream oft nur wenig gemeinsam haben und insofern geeignet sind, den Horizont zu erweitern und neue Perspektiven zu zeigen.

Dokumentarische Formen

Seit einigen Jahren sind in beiden Wettbewerben regelmäßig auch dokumentarische Formen vertreten, im letzten Jahr beispielsweise „Zirkuskind“ von Anna Koch und Julia Lemke, der seitdem zahlreiche internationale Preise gewonnen hat. In diesem Jahr setzten zwei Filme ebenfalls Zeichen. Der brasilianische Eröffnungsfilm von Kplus „The Fabulous Time Machine“ von Eliza Capai ist ein Gemeinschaftsprojekt von jungen Mädchen an der Schwelle zur Pubertät, die sich spielerisch und äußert fantasievoll in selbst ausgedachten Spielszenen und anhand von mehreren Filmgenres buchstäblich mit Gott und der Welt auseinandersetzen, angefangen mit der Schöpfungsgeschichte von Adam und Eva, über die Rolle von Religion und Kirche in ihrem Leben und der Überwindung von klassischen Rollenbildern und Ehe-Szenarien bis hin zu den Wünschen, wie sie sich ihre eigene Zukunft vorstellen.
„What will I become?“ von Lexie Bean und Logan Rozos stellen bereits im Titel die Frage nach den Zukunftsaussichten ihrer eigenen Community. Sie untersuchen am Beispiel von zwei tragischen Schicksalen anhand von Archivmaterial und Interviews mit Familie, Freunden und Bekannten der Gestorbenen, warum derzeit in den USA über 50 Prozent aller transsexuellen Jugendlichen Selbstmord begehen, was viel mit dem aktuellen gesellschaftlichen Klima zusammenhängt.


Kinder – ganz auf sich allein gestellt

Bei den Kinderfilmen galt die rumänisch-bulgarische Produktion „Atlas of the Universe“ von Paul Negoescu lange als Favorit, nicht nur, weil der zehnjährige Filip ein begeisterter Fußballspieler ist. Da seine Schuhe dadurch kaputtgegangen sind, schickt die Mutter ihn in die Stadt, um sich ein paar neue Schuhe zu kaufen. Der Vater soll ihn begleiten, doch dieser lässt sich von einem Freund überreden, lieber gemeinsam abzufeiern. Allein auf sich gestellt, erwirbt der Junge ohne sein Verschulden zwei rechte Schuhe und irrt bis spät in die Nacht durch die Landschaft, um die vermeintliche Käuferin der zwei linken Schuhe ausfindig zu machen und zu tauschen. Zum Glück findet er auf dem Rummel in einem ungarischen Roma-Mädchen und später in einem anderen Jungen Verbündete, die ihm bereitwillig und selbstlos helfen.

Auch in „Gugu‘s World“ von Allan Deberton, der Preisträgerfilm der Kinder- und der Fachjury gleichermaßen, fühlt sich die zehnjährige Hauptfigur aus Brasilien vom Vater im Stich gelassen, der eine neue Familie gegründet hat. Daher wächst der Junge bei seiner Großmutter auf, einer lebenslustigen skurrilen älteren Frau, bei der die Anzeichen von Demenz bald nicht mehr zu übersehen sind. Das erfordert Gugus ganze Kraft, um mit dieser Situation zurechtzukommen.

Sehenswert ist auch „Ghost School“, der Erstlingsfilm der jungen pakistanischen Regisseurin Seemab Gul, der in Koproduktion mit Deutschland und Saudi-Arabien entstanden ist. Er präsentiert mit der zehnjährigen Rabia eine kleine Heldin in einem von Korruption, Aberglauben, sozialer Ungleichheit und männlicher Dominanz geprägten Land. Die wissbegierige Rabia geht gerne zur Schule, doch eines Tages ist das Schultor verschlossen, angeblich weil ein Geist dort sein Unwesen treibt und die gesamte Lehrerschaft in die Flucht geschlagen hat. Statt sich wie die anderen mit dieser Erklärung zufriedenzugeben, forscht Rabia auf eigene Faust nach, was sich hinter diesem Gerücht verbirgt und erfährt zusammen mit dem Publikum, dass es in Pakistan weit über 1000 solcher Geisterschulen gibt, die mit staatlichen Geldern erbaut wurden, aber von den Gemeinden im Unterhalt nicht finanziert werden konnten.

In dem indischen Film „Not a Hero“ der erfahrenen Regisseurin Rima Das wurde ein Junge von den wohlhabenden Eltern verwöhnt, bis dieser nur noch null Bock auf nichts hat. Daher wird Milvan für einige Monate aufs Land verschickt, wo alle gleich arm sind und der tägliche Umgang mit der Natur eine Selbstverständlichkeit ist. Nach anfänglichem Widerstand und offener Abscheu erkennt Milvan, was ihm durch das Leben in der Stadt bisher alles entgangen ist und dass echte Freundschaft nichts mit Geld zu tun hat.

Es ist verständlich, dass man auch dem ganz jungen Publikum ab fünf Jahren mal wieder einen Langfilm präsentieren wollte, konkret den Animationsfilm „Papaya“ von Priscilla Kellen. Ganz ohne Dialoge geht es darin um ein flugbegeistertes Samenkorn, das fast den ganzen Film lang nur ächzt und stöhnt. Die sicher gut gemeinte ökologische Botschaft, dass die Natur sich selbst hilft und die Eingriffe des Menschen ausbügelt, ist zudem fragwürdig. Aber Brasilien mit insgesamt drei Langfilmbeiträgen sollte wohl ein Schwerpunkt im Programm von Generation sein. Die Auswahl ist umso bedauerlicher, als fertige deutsche Produktionen wie „Koschka“ von Bernd Sahling über einen Jungen mit Katzenhaarallergie oder „Pferd am Stiel“ von Sonja Maria Kröner über ein Mädchen, dass sich dem Hobbyhorse Riding verschrieben hat, keine Chance hatten, einem internationalen Publikum vorgestellt zu werden.


Jugendliche – das Leben ist hart

Mit einer Ausnahme wenig zu lachen hatte das Publikum bei den Beiträgen von 14plus. Der in Mexiko angesiedelte Film „Sad Girls“ von Fernanda Tovar, der schließlich den Wettbewerb gewann, handelt von der Freundschaft der beiden jungen Leistungsschwimmerinnen Paula und La Maestra. Diese wird auf die Probe gestellt, als ein männliches Mitglied aus dem Team Paula vergewaltigt, was im Film aber nicht zu sehen ist. Stattdessen konzentriert sich die Kamera auf die leisen Veränderungen, die in Paula vorgehen und Schuldgefühle bei ihrer Freundin hervorrufen.

In dem südkoreanischen Film „En Route to“ von Yoo Jaein müssen sich zwei Schülerinnen dagegen erst noch anfreunden, nachdem ein junger Lehrer die eine von ihnen geschwängert hat und nun spurlos verschwunden ist. Um das Kind abzutreiben, stiehlt die schwangere Yun-Ji Geld von ihrer Zimmernachbarin, was wiederum zur Folge hat, dass diese sich rächen möchte und das Geld zurückfordert. Eine weitere in die Gesellschaft weisende Ebene kommt hinzu, als die beiden Schülerinnen die Frau des Lehrers kennenlernen, der offenbar Selbstmord begangen hat.

Sehenswert allein schon wegen der guten Hauptdarsteller, ist die niederländisch-belgische Produktion „A Family“ von Mees Peijnenburg über eine vierköpfige Familie, in der die Eltern heillos zerstritten sind, sich trennen wollen und ihre Kinder ohne Rücksicht auf Verluste instrumentalisieren. Der dreigeteilte Film schildert das Familiendrama zunächst aus der Sicht der etwa 15-jährigen Tochter, dann aus der etwas anderen Sicht ihres einige Jahre jüngeren Bruders. In einem dritten Teil steht das Bemühen der Geschwister im Mittelpunkt, wenigstens für sich wieder einen Zusammenhalt zu finden. Ein starker Film, der für betroffene Kinder zum Trigger werden könnte, sie andererseits aber nicht völlig orientierungslos zurücklässt.

Auch in dem schottischen Film „Sunny Dancer“ von George Jaques gibt es eigentlich nichts zu lachen, denn die jugendlichen Hauptfiguren sind alle an Krebs erkrankt und wissen nicht, ob sie noch lange zu leben haben. So auch die 17-jährige an Leukämie erkrankte Ivy, die ihr Schicksal mit ausgesprochener Widerborstigkeit und Trotz zu meistern sucht. Deswegen wird sie von ihren liebenswert schrägen Eltern in ein Feriencamp für Krebskranke geschickt, das Ivy abfällig als „Chemo-Camp“ bezeichnet. Entgegen allen Erwartungen findet sie dennoch Anschluss an die Gruppe und sogar ihre erste Liebe, wenn auch mit bitterem Nachgeschmack. Der Film lebt durch das authentisch wirkende Spiel aller Darsteller bis in die kleinsten Nebenrollen, seine auf den Punkt gebrachten Dialoge, viel Situationskomik und durch seinen schwarzen Humor. Denn bis zur Schmerzgrenze machen sich diese Jugendlichen über ihre Krankheit lustig, wobei dem Film das Kunststück gelingt, dass alle durch den Kakao gezogen werden, aber niemand von ihnen die Würde verliert.

Foto:
„A Family“, © Jasper Wolf