PREMIERE IM BERLINER SCHLOSSPARK THEATER im Januar
Wolfgang Mielke
Berlin (Weltexpresso) - #"Es gibt nicht Gutes, außer man tut es!"# - ist einer der bekanntesten Aussprüche Erich Kästners (1899 – 1974). - Das #"Gute"# hier: Dass das Schlosspark Theater Berlin an Erich Kästner erinnert. Und zwar in einem als "Revue" bezeichneten Abend von Philipp Tiedemann (*1969). - Der Titel ist eine Abwandlung des berühmtesten Buches von Erich Kästner #"Emil und die Detektive"# (1929). Also treten die Darsteller auch als (große) Kinder auf, mit kurzen Hosen und Kleidung, die an die Entstehungszeit des Buches erinnert. - Auch mit einer großen Lupe, es sollen ja Detektive sein. Entdeckt werden soll aber nicht der Verbrecher der Geschichte, sondern der Autor Erich Kästner.
Die Schauspieler: 4 Jungs und 1 Mädchen, die in Kästners Buch 'Pony Hütchen' heißt.
Pausenlos fällt Unterhaltendes vor. Pausenlos Bewegung. Kaum Momente der Ruhe. Wenige Momente, in denen man nur mal ruhig die Sprache wirken lässt. Gezappel hier, Gezappel da. Dabei entstehen auch gute, einprägsame Bilder: wenn die Darsteller, nun in schnell übergeworfenen Mänteln, im Halbdunkel um eine zentrale Litfaß-Säule sich hektisch versammeln, trennen, wiederkommen. Das ist ein sehr gutes Bild für die Unsicherheit nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg; der Spartakus-Aufstand, der Kampf ums Zeitungsviertel, der Kapp-Putsch fallen einem ein. - Später ist dieses Bild wieder verwendbar: nach dem Zusammenbruch der Börse und dem Tod Gustav Stresemanns im Herbst 1929, bis zur Arbeitslosigkeit danach und den neuerlichen politischen Unruhen und Kämpfen bis zum 30. Januar 1933.
Am 10. Mai 1933 ließ Joseph Goebbels (1897 – 1945) die der nationalsozialistischen Bewegung unliebsamen und als behindernd angesehenen Bücher auf dem Opernplatz in Berlin in einer großen öffentlichen Inszenierung verbrennen. In seinem Buch #"Über das Verbrennen von Büchern"# (1947), vom Schweizer Atrium Verlag in 9. Auflage 2024 dankenswerterweise wieder herausgebracht, schreibt Kästner rückblickend: #"Gegen Abend fuhren Hans Wilhelm und ich mit der Stadtbahn bis zum Lehrter Bahnhof. Dann liefen wir über die große eiserne Brücke und hielten nach den angekündigten Marschkolonnen Ausschau. (...) Mit Büchern vollgeladene Lastwagen schwankten zwischen den Kolonnen. (...) Es war wohl allen ohne Ausnahme klar, dass sie heute der gesamten zivilisierten Welt ein unvergessenes widerwärtiges Schauspiel boten. Ein Schauspiel, das unauslöschbar in den Annalen der Menschheit eingetragen bleiben würde. (...) Mit dem heutigen Autodafé, das die Freiheit des Schriftstellers auslöschte, richteten die deutschen Studenten ihre eigenen Ansprüche auf jede künftige Meinungsfreiheit hin."# - Während ich dieses Zitat abschreibe, staune ich über seine neuerliche Aktualität, denn die Frage nach der Meinungsfreiheit spielt gegenwärtig eine große Rolle. - Kästner: #"Hier rächte sich ein durchgefallener Literat an der Literatur. Hier beseitigte ein durchtriebener Politiker für viele Jahre jede intellektuelle Opposition."# - Den Höhepunkt dieser politischen Veranstaltung lässt Kästner nicht aus: #"Unsere Absicht, dem apokalyptischen Volksfest als gründliche Chronisten bis zum Schlusse beizuwohnen, wurde durch eine unvorhergesehene Episode vereitelt. 'Dort steht Kästner!', rief plötzlich eine junge Frau (...) Ihre Überraschung, mich sozusagen bei meinem eigenen Begräbnis unter den Leidtragenden zu entdecken, war so groß, dass sie auch noch mit der Hand auf mich zeigte."# - Aber, als rückblickende Erfahrung: #"Wir wussten damals nicht, was heute, nach vielen entsetzlichen Jahren, die ganze Welt weiß: Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes (...)"#
#"Emil und die Detektive"#, das berühmte Kinderbuch, das schon 1931 erstmals verfilmt worden war, wurde übrigens als einziges Werk Kästners nicht verboten. - Erich Kästner schrieb später unter dem Pseudonym 'Bertold Bürger', was möglicherweise noch eine Anspielung auf Bertold Brecht (1898 – 1956), den längst Emigierten, war; so das Drehbuch des groß-angelegten #"Münchhausen"#-Films von 1942/43 zum 25-jährigen Bestehen der UFA. -- Davon berichtet auch, relativ am Anfang schon, "Erich und die Detektive" – auf einer kleinen Bühne auf der Bühne, stark angeschrägt, vielleicht als Anspielung an den Expressionismus, obwohl Erich Kästner vor allem ein Autor der Zwischenkriegszeit und Neuen Sachlichkeit war, die allerdings in Tiedemanns Revue unnötigerweise zu kurz kommt. Denn neben seinen Kinderbüchern ist Kästner ja gerade durch seine Gedichtbände wie #"Herz auf Taille"# (1928) oder #"Ein Mann gibt Auskunft"# (1930) bekannt.
Sehr bekannt ist längst auch schon Kästners die Theaterschmiere parodierendes Gedicht #"Hamlets Geist"# (1930), das hier als Schattenspiel hinter einem rötlich beleuchteten Vorhang gespielt wird. Die Idee ist gut! Die Besetzung bleibt dahinter aber etwas zurück. Muss ein Trinker-Schauspieler nicht eher ein fülliger Mann sein als der fast hagere, der hier auftritt? - Ich dachte daran, wie Paula Wessely (1907 – 2000) das grandios gesprochen hat, bildreicher für den Hörer als die Bildumsetzung hier. - Eben habe ich mir auch noch bei YouTube die Interpretation von Hermann Lause (1939 – 2005) angehört, die mir überraschend gut gefällt, und die von Otto Schenk (1930 – 2025), die auch interessant ist. Bei jedem Sprecher hört man ja andere Dinge. Die erzählte Geschichte, die Handlung bleibt natürlich immer gleich, aber die Gewichtung ist jeweils verschieden. Hermann Lause spricht den Text etwas spitz und pfiffig; Otto Schenk als gewiefter Theatermann, der genau seine Wirkungen kennt (es ist eine Live-Aufnahme); Paula Wessely brachte vor allem die Unberechenbarkeit, ja, Gefährlichkeit des betrunkenen Schauspielers 'Gustav Renner' hervor.
Und die Musik! Das fordert schon die Revue. Alle Darsteller spielen auch Instrumente, immer wieder, begleitend, kommentiertend, als Grundlage. Vor allem Klavier. Aber auch Flöte, Saxophon, aktustische und elektrische Gitarre. Auch hier immer wieder betriebsame, unterhaltsame Aktivität.
Das Klavier steht meist vorne links auf der Bühne. Dann gibt es die Litfass-Säule, die von der rückwärtigen Seite aber auch wie ein kleiner Turm bestiegen werden kann. Gedreht ohnehin. Ebenso wie die schräge Bühne auf der Bühne, die hinten noch eine Öffnung hat, die dann aus ihr ein Kasperle-Theater macht. Das wird genutzt für #"Die Ballade vom Nachahmungstrieb"# (1932), in der Kinder auf dem Hof das Erhängen mit einem, dann an einem ihrer Spielkameraden 'nachahmen'. Hier stirbt ein Mensch. Die Begründung der Kinder, #"kalt"#: #"'Wir haben es nur wie die Erwachsenen gemacht.'"# - Die drei Darsteller erscheinen hier in der Öffnung des Kasperle-Theaters mit übergehängter Kinderkleidung, wie vorgehängte, zu kurze Schürzen. Was dem Publikum gefällt! - Später wird auch auf dieser kleinen Kaspertheater-Bühne, hier aber gar nicht mehr kindlich, Kästners Gedicht #"Sachliche Romanze"# (1929) von der verlorenen Liebe dargestellt, das Marcel Reich-Ranicki (1920 – 2013) so bewunderte; ein Paar sich gegenüber sitzend an einem Tisch: #"Als sie einander acht Jahre kannten / (und man darf sagen: sie kannten sich gut) / kam ihre Liebe plötzlich abhanden. / Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. (...)"# - Vielleicht ein bißchen zu bunt in der Szene. Kästner, das fiel mir auf, hat ja in seiner Weltsicht und Weltdarstellung der Einsamkeit in den großen Städten Ähnlichkeit mit Edward Hopper (1882 – 1967). - Die Nationalsozialisten bezeichneten ihn als "Asphaltliteraten".
Gegenwart permanent. Das meiste kommt gut an. Nachhaltig wirkt es weniger. In der Pause und anschließend kaum Gespräche über das Gesehene unter dem Publikum. Die Schauspieler, das ist unübersehbar, haben viel Spaß an ihrer Arbeit: Bürger Lars Dietrich; Krista Birkner; Henrik Kairies; Oliver Seidel; Mario Ramos. Es ist immer etwas los. Im Rückblick war es besser als im Erleben. Aber: Kästner wird bedacht, geehrt, an ihn erinnert, und das ist kein unwesentliches Verdienst. - Am Schluss gibt es noch eine kurze Lied-Zugabe, ob spontan oder vorbereitet und als spontan serviert, war nicht zu entscheiden. ------
Foto:
©W.M.
Info:
PREMIERE IM SCHLOSSPARK THEATER, 24.1.2026: