Serie: DAM PREIS 2026: Die 23 besten Bauten in\aus Deutschland, Teil 2Redaktion
Frankfurt am Main (Weltexpresso) -
ARETZ DÜRR ARCHITEKTUR
Wohnen F // 9, Modulare Nachverdichtung, Köln
Modulare Nachverdichtung
Mitten in der Kölner Südstadt realisierten Aretz Dürr Architektur in einem engen Hinterhof ein modulares Wohngebäude, das Leichtigkeit mit Einfachheit verbindet. Der ehemals vollständig versiegelte Parkplatz ist außerdem nun teilweise zur Gartenfläche geworden.
Vorfertigung spart Bauzeit
Die Belastungen des Bauprozesses wurden deutlich reduziert: Innerhalb von nur zehn Tagen stapelte ein Autokran 32 vorgefertigte Holzmodule in der 25 Meter breiten Baulücke aufeinander. Treppen- und Aufzugsschächte waren vorinstalliert. Estrich, Heizung, Aufzug und die hinterlüftete Fassade wurden vor Ort ergänzt. Die zweigeteilte Gebäudekubatur reagiert mit zwei beziehungsweise drei Geschossen auf die städtebauliche Situation.
Material und Fassaden
In den Modulen aus Brettsperrholz kamen Ein- bis Dreizimmerwohnungen unter. Wände und Decken sind holzsichtig und weiß lasiert. Vor der südlichen, raumhoch verglasten Hofseite steht eine filigrane Stahlkonstruktion mit tiefen Holzbalkonen und Lochblechbrüstungen. Die Rückfassade orientiert sich zu einem Parkplatz und ist durch salbeigrün durchgefärbte Faserzementplatten und unterteilte Fenster geprägt.
Leicht abgehoben
Statt auf einer konventionellen Fundamentplatte steht der Neubau auf fünf Streifenfundamenten, die auch die Anschlüsse an die Infrastruktur wie Wasser, Strom und Fernwärmenetz bereitstellen. Durch die Aufständerung erhält das Haus einen leicht schwebenden Charakter. Wegen der Stellplatzverordnung wurde ein Tiefparksystem im Hof notwendig, was die Kaltmiete trotz des kostensparenden Bauens und des Lowtech-Ansatzes von 16 auf 20 Euro ansteigen ließ. Dennoch bleibt ein beispielhaftes und überzeugendes Konzept, um innerstädtische Nachverdichtung mit Erschwinglichkeit zu verbinden. Aretz Dürr haben bereits einen Parkplatz im Visier, der sich vergleichbar bebauen ließe.
(Originaltext: Paul Andreas)
ETAL.
Das robuste Haus – Mehrgenerationenhaus Görzer128, München
Vision und Konzept
Die Wohnprojekte des Mietshäuser Syndikats entstehen meistens im Bestand. Sanierungsbedürftige Gebäude werden gekauft und hergerichtet, oft mit Beteiligung der Bewohnerschaft, um selbstverwaltetes Wohnen zu erschwinglichen Mieten zu sichern. Das Mehrgenerationenhaus Görzer Straße 128 in München gehört zu diesen Projekten, ist aber ein Neubau. Teile der späteren Bewohnerschaft hatten sich an einem Konzeptvergabeverfahren beteiligt und von der Stadt den Zuschlag für das Grundstück erhalten.
Mit dem ökologischen Haus haben die drei Architektinnen von etal. ihr Erstlingswerk realisiert und auch den gesamten Prozess moderierend und beratend begleitet.
Das robuste Haus
Um das etwas grobe Gebäudevolumen in kleinere Einheiten zu gliedern, wurde der Treppenkern im Grundriss schräg herausgedreht. Die Holzschalung aus heimischer Fichte ist geschossweise gestülpt, die Gebäudeecken sind durch Fensterbänder und auskragende Trapezbleche betont. Letztere schützen die grünen Holzrolläden und verleihen dem Haus Lebendigkeit.
Gemeinschaft und flexible Räume
Auf jedem Geschoss sind sieben etwa gleich große Zimmer um einen Kern mit zwei Bädern angeordnet. Je nach Wohnkonstellation können die Räume anders miteinander gekoppelt werden. Dafür sorgen eingeplante Wanddurchbrüche, die durch unverputzte Stürze und hölzerne Bodenschwellen ablesbar sind. Aktuell sind es zwei Paare, eine Familie und fünf Einzelpersonen, die sich die insgesamt 930 Quadratmeter teilen, welche im Erdgeschoss noch einen Gemeinschaftsraum sowie im Untergeschoss Waschraum, Hobbykeller und Werkstatt umfassen.
Kooperation und Konsens
Das Haus ist das Ergebnis eines vierjährigen kooperativen Planungsprozesses, der vor allem deshalb so erfolgreich war, weil Baugruppe und Architektinnen zu überdurchschnittlichem Engagement bereit waren. Entscheidungen wurden verhandelt und im Konsens getroffen. Das Fazit einer Bewohnerin: »Wir lieben dieses Haus.«
(Originaltext: Anna-Maria Mayerhofer))
HILD UND K ARCHITEKTEN
Übernachtungsschutz mit medizinischer Einrichtung, München
Das Angebot
Seit 2013 stellt die Stadt München Übernachtungsangebote für Obdachlose bereit. Behelfsmäßig wurden sie bislang in der ehemaligen Bayern-Kaserne in Zwölfbettzimmern untergebracht. Wegen der Entwicklung eines neuen Stadtquartiers auf dem Gelände wurde ein Umzug nötig. Die Stadt entschied 2018 zugunsten einer ganzjährigen Unterkunft samt Tagestreff, medizinischer Versorgung und Beratungsmöglichkeit. Die 730 Übernachtungsplätze richten sich vor allem an sogenannte nicht anspruchsberechtigte Personen, EU-Bürger, die als „Wanderarbeiter” auf Beschäftigungssuche sind.
Die Planung
Mit der Machbarkeitsstudie wurden Hild und K beauftragt, das anschließende VgV-Verfahren entschied das Büro für sich. Räumliche Flexibilität war das Maß für die Planung, denn die unterschiedlichen Nutzergruppen sollten sicher, also voneinander getrennt untergebracht werden.
Die Zimmer
Die Gestaltung der Vierbettzimmer, Wasch- und Gemeinschaftsräume beschränkt sich auf wenige Farben für Türen und Zargen; die Farben dienen auch der Orientierung. Auf dem Boden ist Linoleum verlegt, die Waschräume sind robust gefliest.
Das Haus und sein Anspruch
Je drei Gebäudefinger strecken sich von einem zentralen Verteilerhof nach Westen und Osten. Dazwischen liegen geschützte Freiräume, die robust möbliert und begrünt sind. Zum Straßenraum hin fasst eine Pergola aus Beton die dreigeschossigen Finger und den viergeschossigen Zentralbau. Betonsandwichelemente bilden den Sockel, vorgefertigte Holzrahmenelemente füllen die Betonskelettstruktur aus Fertigteilen. Die vertikale Lattung ist in warmem Rostrot gehalten. Eine Bordüre unter den begrünten Fotovoltaikdächern sorgt für schlichte Schönheit. Brandriegel wurden zum Gestaltungselement, runde Fenster am Ende der Gänge lassen viel Licht einfallen und machen den Tagestreff und die medizinische Abteilung nach außen ablesbar. Bei allen Vorgaben an Funktionalität, Sicherheit und Hygiene war es Hild und K wichtig, mit dem Haus Würde und Wertschätzung zu vermitteln.
(Originaltext: Katharina Matzig)
PPAG ARCHITECTS
Doppelschule Allee der Kosmonauten, Berlin
Kontext und Lage
Die Doppelschule AD Kosmos steht an der Bezirksgrenze zwischen Marzahn und Lichtenberg und ist ein prominenter Bestandteil der Berliner Schulbauoffensive (BSO). Seit 2017 versucht die BSO, dem Sanierungsstau und steigenden Schülerzahlen gerecht zu werden. Für die Bauherrin HOWOGE als eines der kommunalen Wohnungsbauunternehmen ist dieser Schulbau eine Premiere.
Compartment als stabile Lerneinheit
Die fünfgeschossige Doppelschule besteht aus einer integrierten Sekundarstufe und einem Gymnasium mit insgesamt 1.600 Schülern. Das Konzept der Compartmentschule von PPAG architects schafft räumliche Cluster für bis zu 100 Lernende, die über die Jahrgänge hinweg stabile Gemeinschaften bilden. Hier verschwindet niemand in langen Fluren oder in hermetischen Klassenräumen: Vier Hauptgruppenräume, ein Team- und Ruheraum sowie Sanitäreinrichtungen sind um ein Forum angeordnet, das Erschließungs- und Begegnungszone zugleich ist. Die beiden übereinandergestapelten Dreifachsporthallen bilden den Kern des Hauses. Zwei wie Stufenpyramiden ausgebildete Treppen können auch für kleinere Veranstaltungen genutzt werden.
Material- und Flächenvielfalt
Der Massivbau besteht aus Fertig- und Halbfertigteilen sowie Ortbeton. Die Fassade ist eine Holzrahmenkonstruktion, die mit profiliertem Aluminium verkleidet ist, was dem Komplex den Anstrich einer Raumstation gibt. Durch Vor- und Rücksprünge entsteht eine Vielzahl von offenen und halboffenen Zwischenräumen für die Pausen- und Freizeitgestaltung. Dazu gehören Flächen zum Basketballspielen und Bouldern sowie ein Schulgarten. In die großzügigen Räume fällt viel Licht; sie sind mit hellen, schlichten Möbeln und Linoleumboden ausgestattet.
Mehrfachnutzung
Die AD Kosmos öffnet sich auch der Nachbarschaft: Der Mehrzwecksaal, der Garten, die Mensen, Musikräume, Werkstätten, Sporthallen sowie die Bibliothek stehen auch außerhalb der Unterrichtszeiten zur Verfügung.
(Originaltext: Christian Brensing)
Foto:
DAM Preis 2026 Hild und K Uebernachtungsschutz Muenchen
© Michael Heinrich
Info:
Quelle: DAM