Nachtrag zu den brasilianischen Ausstellungen in der Schirn zur Buchmesse 2013, Teil 4

 

Claudia Schulmerich

 

Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Diesmal ergibt sich eine gewaltige Differenz zwischen Ausstellung und Katalog. Dies aber nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung. Lag es nahe bei STREET ART auf die Fotos zu rekurrieren, wäre es mit den Abbildungen der acht Installationen nicht getan. Stattdessen erfolgt ihr die umfangreiche kunsthistorische Begleitung.

 

Der Katalog BRASILIANA. Installationen von 1960 bis heute gibt dem bunten Treiben in den Räumen der Schirn also den kunsttheoretischen Rahmen und auch die historische Einordnung. Die Brasilianer sind nämlich stolz darauf, daß sie inzwischen vier Generationen von Künstlern aufweisen und daß spätestens mit den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhundert sich eine genuine brasilianische Kunst entwickelt hat, die ihr Herz und Hirn in den Installationen hat. Diese Verschränkung von Kunst und Raum, die einhergeht mit einer Verschränkung von Kunst und Leben, wurde – auch international – zum Markenzeichen brasilianischer Kunst.

 

Dabei sind die Formen durchaus different, aber gemeinsam ist sozusagen eine Einverleibung traditioneller Themen und Bilder, die mit der Verwendung neuer Farben, ungewöhnlicher Formen und Alltagsmaterialien einhergeht. Es ist der Ausdruck des Kunstwerks, auf den es ankommt, dessen Interpretation dem Betrachter offensichtlich ist, weil diese Installation mit seinem eigenen Leben und seinen eigenen Erfahrungen zu tun hat, was sich noch steigert, wenn dem Kunstwerk tatsächlich haptische und erfahrungssättigende Elemente innewohnen, bzw. es erst ausmachen.

 

Dem Europäer fällt erst einmal auf, daß die Malerei als Genre ausgedient hat, was Künstler wie Lygia Clark und Hélio Oiticica mit „Weg von der Malerei“ sogar forderten und stattdessen nach künstlerischen Wegen suchten, wie der Betrachter ins Kunstwerk hineingezogen wird, nicht nur im Kopf, sondern auch körperlich, was mit den Sinneswahrnehmungen einen guten Anfang findet. Dies alles kann man im Katalog im Vorwort von Max Hollein sehr lebendig nachlesen, der auch anführt: „Darüber hinaus setzen sich ihre Werke und die vieler anderer brasilianischer Künstler nicht selten intensiv mit den kulturellen, sozialen und politischen Bedingungen des eigenen Landes auseinander. Der Wunsch, Kunst für alle Sinne zu schaffen, Kunst also, die gerochen, ertastet, gehört und gesehen werden kann, ist in allen ausgestellten Arbeiten deutlich spürbar.“

 

Kuratorin Martina Weinhart beginnt ihren Essay mit dem bunten Bild, das die Welt von Brasilien hat, viel bunter beispielsweise als das benachbarte Argentinien. Gleichzeitig ist nirgends so stark wie in Brasilien schon in der Architektur an der – durchaus strengen - Klassischen Moderne angeknüpft worden, wie die in den 60er Jahren von Oscar Niemeyer u.a. erbaute Hauptstadt Brasilia, ein Schmuckstück des Modernismus. Der Wirtschaftsaufschwung geht einher mit dem Bau von Museen und Kunstausstellungen. „In den 1950er Jahren hatte sich in Brasiliens Zentren eine lebendige Künstlerszene mit den Theorien und modernistischen Tendenzen der westlichen Metropolen auseinandergesetzt, wobei das Bauhaus und vor allem Max Bill und die Ulmer Schule keine geringe Rolle spielten.“

 

Aber es ging ganz anders weiter. Denn das, was man Brasilidade nennt, kam zustande durch das Ineinanderfließen der so unterschiedlichen Kulturen der verschiedenen Migrationswellen, die vor allem auf die indigene Bevölkerung und diejenige afrikanischen Ursprungs bestimmend wirkte. Das Anthropophagische Manifest schließlich ist kein theoretisches Konstrukt geblieben, sondern zielt auf die Einverleibung des Heiligen Feindes, was Kannibalisierung anderer Kulturen meint und konkret bedeutet, sich selbst die besten Teile anderer Kulturen herauszuschneiden und mit der eigenen Gestaltungskraft zu etwas Neuem zusammenzumengen, was als Produkt dann typisch brasilianisch wird. So das Konzept der 60er Jahre, das man heute nicht mehr braucht, weil das Brasilianische nicht mehr definiert werden muß.

 

Seit damals aber gehören die verschlingende Natur, gehören Blätter, Musik, Bewegung mit zur brasilianischen Kunst. Auch das Einverleiben von technischen Dingen, überhaupt die Materialität als Ursuppe der Kunst wird Programm, was heißt, daß es überhaupt kein Ding, keine Oberfläche, keine Substanz mehr gibt, die nicht zur Gestaltung einer Installation oder einer Assemblage dienen kann. Es war einfach zu spannend, den Bogen, den die 60er Jahre durch die erwähnten Künstler ins Heute schlagen, weiterzuverfolgen und damit eben brasilianisch allgemein zu bleiben und die ausgestellten Künstler leider etwas links liegen zu lassen.

 

Aber genau dazu ist dann der Katalog da, der auf 144 Seiten diese ausgewählten Künstler, die in der Schirn mit acht Installationen zu sehen sind, biographisch und gespiegelt in ihren Werken darstellt.

 

Bis 5. Januar 2014

 

Kataloge:

 STREET-ART BRAZIL, Hrsg. Schirn Kunsthalle Frankfurt, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2013

TNR 1499155/978-3-86335-418-3 zum Preis von 29,80 Euro

 

BRASILIANA. Installationen von 1960 bis heute, hrsg. von Martina Weinhart und Max Hollein, Verlag der Buchhandlung Walter König, 2013

TNR 1499036978-3-86335-419-0 zum Preis von 28 Euro