Rock-Geschichte live im Colos-Saal in AschaffenburgBarbara Altherr
Aschaffenburg (Weltexpresso) – Aschaffenburg erlebte am 2. März 2026 einen Abend, der ganz im Zeichen britischer Rockgeschichte stand: Ian Paice, Gründungsmitglied von Deep Purple, gastierte mit Purpendicular im Colos-Saal – und verwandelte den traditionsreichen Club in ein Epizentrum druckvoller Riffs, wuchtiger Grooves und nostalgischer Gänsehautmomente.
Geboren am 29. Juni 1948 in Nottingham, schrieb Ian Paice Rockgeschichte. 1968 bewarb er sich gemeinsam mit Sänger Rod Evans bei einer neu formierten Band namens Deep Purple – beide wurden genommen. Was folgte, ist Legende. Deep Purple setzte musikalische Meilensteine: Ihr harter, kompromissloser Sound gilt als Beginn der Hardrock-Ära und als Grundstein für den späteren Heavy Metal. Von Anfang an zeichnete die Band eine außergewöhnliche Virtuosität aus. Die solistischen Feuerwerke von Gitarrist Ritchie Blackmore, die wuchtige Hammond-Orgel von Jon Lord, der energiegeladene, virtuose Gesang von Ian Gillan und nicht zuletzt das kraftstrotzende Schlagzeugspiel von Ian Paice prägten einen Stil, der Generationen beeinflusste. Bereits frühe Alben sprengten Konventionen, doch in den 1970er Jahren definierte die Band endgültig ihren charakteristischen Sound. Werke wie In Rock, Machine Head und Fireball gelten bis heute als Meisterwerke der Rockmusik. Und mit Smoke on the Water schufen sie eine Hymne, die Kult wurde und schon viele angehende Rockgitarristen inspiriert hat.
Deep Purple als musikalische Wegbereiter
Ein zentrales Element des klassischen Deep-Purple-Sounds war neben Ian Paice der 2012 verstorbene Keyboarder Jon Lord. Mit seiner donnernden Hammond-Orgel prägte er nicht nur den Klang der Band, sondern erweiterte das Vokabular des Hardrock entscheidend. Lord verband als einer der Ersten konsequent Elemente der europäischen Klassik mit harter Rockmusik. Schon früh experimentierte er mit orchestralen Formen, etwa in groß angelegten Kompositionen wie dem bahnbrechenden „Concerto for Group and Orchestra“, das Rockband und Sinfonieorchester gleichberechtigt zusammenführte. Seine Spielweise war technisch brillant und zugleich dramatisch aufgeladen: barock anmutende Läufe, machtvolle Akkordblöcke und improvisatorische Freiheit verschmolzen mit verzerrter Orgel zu einem völlig neuen Klangideal. Damit schlug Jon Lord eine Brücke zwischen Bach und brachialem Hardrock – und bewies, dass musikalische Grenzen nur dazu da sind, überschritten zu werden.
Anerkennung für Ian Paice
Die bedeutendste offizielle Ehrung erhielt er Ian Paice 2016 mit Deep Purple: Die Band wurde in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Diese Auszeichnung gilt als eine der höchsten Ehrungen in der Rockmusik und würdigt den nachhaltigen Einfluss der Gruppe auf Generationen von Musikern und Fans. Darüber hinaus taucht Paice in zahlreichen internationalen Bestenlisten der größten Rock-Schlagzeuger auf und wird von Fachmagazinen regelmäßig als stilprägender Drummer des Hardrock genannt – eine Anerkennung, die weniger in Pokalen als im bleibenden musikalischen Vermächtnis sichtbar wird.
Trotz zahlreicher Umbesetzungen und zwischenzeitlicher Auflösung blieb Ian Paice der einzige Musiker, der Deep Purple durch alle Inkarnationen hindurch treu blieb. Nebenbei spielte er unter anderem bei Whitesnake und in Projekten mit Bernie Marsden und Jon Lord. Seine Vielseitigkeit ist sein Markenzeichen: Er kann brachial treiben, filigran akzentuieren oder funky swingend grooven. Im Colos-Saal zeigte sich diese Klasse eindrucksvoll. Paice wirkte konzentriert, spielfreudig und für seine 77 Jahre erstaunlich energiegeladen. Jeder Wirbel saß, jede Nuance hatte Gewicht. Es war kein bloßes Abspulen alter Erfolge – es war lebendige Rockgeschichte.
Purpendicular: Vom Tribute zur eigenständigen Kraft
Die Band Purpendicular wurde 2007 vom irischen Frontmann Robert Thomas Walsh als Hommage an Deep Purple gegründet. Doch aus dem Tribute-Projekt entwickelte sich rasch mehr: ein Kraftpaket für eigenständige Rockmusik mit einer hochkarätigen Besetzung, die seit fast zwei Jahrzehnten durch Europa tourt. Die aktuelle Formation vereint große Erfahrung und musikalische Klasse. Robert Thomas Walsh (Gesang), Alessandro Debiaggi (Orgel, Keys), Murray Gould (Gitarre), Nick Fyffe (Bass) und natürlich Ian Paice brachten Spielfreude und Power auf die Bühne. Sehr bewegend war ein Solo von Keyboarder Alessandro Debiaggi, das er dem verstorbenen Ion Lord widmete. Am Bass stand mit Nick Fyffe ein ehemaliges Mitglied von Jamiroquai, der dem Sound eine funkige Tiefe verlieh. Gitarrist Murray Gould brachte Erfahrung aus Auftritten mit Größen wie Eric Clapton, Joe Bonamassa oder Elton John mit. Gemeinsam erschufen sie einen Sound, der den Geist der 70er atmete, ohne zur bloßen Kopie zu werden.
Der Colos-Saal: Ein Tempel für handgemachte Musik
Der Colos-Saal in Aschaffenburg bewies einmal mehr, warum er zu den renommiertesten Live-Clubs Deutschlands zählt. Die intime Atmosphäre und die Nähe zwischen Künstlern und Publikum schaffen eine Intensität, die große Hallen selten erreichen. Hier wird Musik nicht konsumiert, sondern erlebt.
Als Ian Paice am Ende des Abends unter tosendem Applaus die Sticks hob, wurde deutlich: Solche Konzerte sind mehr als Nostalgie. Sie sind lebendiger Beweis dafür, dass echter, handgemachter Rock nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Er verabschiedete sich mit einem Dankeschön an die Zuhörer und betonte, dass die Energie bei Rock-Konzerten im Idealfall wie an diesem Abend in beide Richtungen fließt und die Musiker und Zuhörer gleichermaßen beflügelt. Das ist die Magie von Live-Musik!
Fotos:
©Barbara Altherr
Info:
Konzert am 2. März in Aschaffenburg