Abschluß der Trilogie des Spaniers Javier Castillo im Goldmann Verlag
Claudia Schulmerich
Frankfurt am Main (Weltexpresso) – Auf diesen Thriller habe ich mich total gefreut. Endlich ein Spanier, spanisches Geschehen und auch aus dem Spanischen übersetzt, wo doch selbst der Norweger , 1. Liga im Krimigeschehen, seinen letzten MINNESOTA in den USA spielen läßt, wo doch schon die allermeisten Krimis von dort kommen und natürlich auch in den Vereinigten Staaten spielen. Meist in New York oder unten im Süden.
Na, da hätte ich mich besser um die beiden Vorgänger DAS MÄDCHEN IM SCHNEE – zudem als Verfilmung die meistgeschaute Serie bei Netflix, heißt es - und DAS SPIEL DER SEELEN kümmern müssen, denn die Hauptpersonen, die “Investigativjournalistin, die nicht aufgibt, Miren Triggs, und ihr ehemaliger Professor, Jim Schmoer, mit dem zusammen sie Bestseller schreibt und mit dem sie eine doch sehr distanzierte Liebesbeziehung unterhält, leben eben in New York, wo also auch dieser Roman wie die vorherigen spielt. Na denn.
Keine Ahnung, ob auch in den Vorgängern die eigene Lebensgeschichte der Miren Triggs die Hauptrolle spielt. Hier auf jeden Fall ist das so und ihre mental und körperlich schmerzlich erfahrene, psychisch und physisch nie erfolgreich aufgearbeitete und irgendwie verarbeitete Vergewaltigung als ganz junge Frau läßt sie bei ihren Ermittlungen für Artikel in der Manhattan Press einen Fehler nach dem anderen machen, so dass sie erneut in lebensgefährliche Situationen gerät.
Im dritten Teil beginnt es damit, dass das letzte gemeinsame Buch der beiden, aha, DAS SPIEL DER SEELEN, also der zweite Roman dieser Trilogie, ein solcher Erfolg ist, dass nicht nur der Rubel rollt – hoffentlich fallen Redewendungen noch nicht unter das Sanktionsgebot und darüberhinaus rollt der Rubel schon lange nicht mehr, sondern ist eine ganz schwache Währung, aber das interessiert Redewendungen wenig - , sondern Jim auch besonders gefordert ist. Denn er, der 49jährige Schwarm seiner Leserinnen, absolviert die Lesereisen. Einmal lesen Frauen sehr viel mehr, kommen also auch so viel mehr Frauen zu den Lesungen, die alle lieber den ruhigen und kommunikativen Jim Schmoer sehen wollen denn eine abgearbeitete und nervöse Journalistin, der diese Arbeitsteilung absolut gefällt.
Sie sitzt seit vier Stunden in ihrem Auto gegenüber dem Haus des super- und erfolgreichen Unternehmers Markus Baunstein, den sie durch Weitergabe von von ihr phantasievoll erbeuteter Emails an die Polizei der Pädophilie und Pornographie überführen konnte und nun das Eintreffen der Einsatzkräfte miterlebt, als es laut Plums macht und der Verbrecher aus dem 1. Stock auf ein Autodach stürzt. Tot. Im Haus findet man versteckt eine gewaltige Ansammlung von VHS-Kassetten, die Entführungen und Vergewaltigungen sowie Mord festgehalten haben. Doch das ist erst der Anfang. Denn die Geschichte geht dann um verschwundene Kinder. Zwei Buben im Vordergrund. Der eine verschwand schon vor 30 Jahren, der andere vor ein paar Tagen, die Zeit der Handlung also zwischen 12. und 14. Dezember 2011.
Zurück zu Mirren. Sie konnte erkennen, dass auf einer der Kassetten stand: Mirren 1997, das Jahr, wo sie von einer Männergruppe vergewaltigt wurde, was ihr Stachel im Fleisch ist und dreifach demütigend, wenn das auch noch gefilmt wurde. Aber so ist es.
Zurück zu Jim. Der bekommt Besuch von einem alten Freund, von Ben Miller, einst FBI, der ihm vom Verschwinden seines Sohnes Daniel vor 30 Jahren erzählt und ob er sich nicht darum kümmern könne, denn er wolle, jetzt pensioniert, noch einmal an die Aufklärung ran, zumal bei seiner Frau Krebs diagnostiziert sei und er vor ihrem Tod das Schicksal ihres Sohnes klären wolle, an dem er schuld sei, denn er habe den Jungen von der Schule abholen sollen, kam aber mit dem Wagen 20 Minuten zu spät. .
Das ist anteilnehmend und spannend erzählt. Denn mit der Suche macht Jim ein Faß aus, das Ausmaße annimmt, die keiner ahnen konnte. Eine Hauptrolle spielt dabei die Lehrerin. Sie hatte erzählt, sie habe angenommen, Daniel sei von anderen Eltern mitgenommen worden. Doch die wissen von nichts. Das Fahrrad des Jungen wird auf dem Weg nach Hause unzerstört gefunden. Er nicht.
Daß sich auch Mirren so in den Fall einarbeitet, hat damit zu tun, dass ihr Artikel über Baunstein all die reichen, einflußreichen Pädophilen aufgeschreckt hat, die den Verleger umgehend aufgefordert haben, sofort die Berichterstattung zu unterlassen und sogar Mirren zu entlassen. Was passiert. Ehrlich gesagt, ist das zwar starker Tobak, aber eben nicht unwahrscheinlich. Außerdem wird ihre Wohnung verwüstet und noch schlimmer – ihr geheimes Lager, wo sie alle Bildbeweise und Akten über die Vergewaltigungen und Morde in New York gesammelt hat, aber die Bezahlung in einem Ordner festgehalten hatte, der jetzt offen auf dem Tisch ihres Wohnzimmers liegt, ihr geheimes Lager wird abgebrannt. Alle ihre Beweise sind hin.
Gleichzeitig wird die verweste Leiche des Musiklehrers von Daniel aufgefunden. Wie hängt das alles zusammen? Eine wichtige Rolle wird Alice spielen, die Tochter der Lehrerin und zusammen mit Daniel in der damaligen ersten Klasse. Als dann auch noch der Ehemann der Lehrerin und Vater von Alice ins Spiel kommt, der Hausmeister der Schule war, konzentriert sich immer mehr um diese Familie. Doch dazwischen wird ganz aktuell ein weiterer Junge vermißt. Als gerade an diesem Wochenende in Frankfurt am Main ebenfalls ein siebenjähriger Junge vermißt wird und große Suchen starten, verwischen sich Fiktion und Wirklichkeit und es wird erneut klar, dass man bei Kriminalromanen zwar fast gelassen Folterungen, Vergewaltigungen, Morde erträgt, aber immer dann, wenn es um Kinder geht, sich eine innere Abwehr einschaltet.
Doch das eigentliche Anliegen des Autors, das er in einem Nachwort auch anspricht, gilt der Überwindung des Mißbrauchs, die Mirren leisten muß, will sie wirklich weiterleben und nicht ständig im eigenen Saft schmoren. „Gebrochene Menschen kehren ständig zu den schmerzlichen Momenten ihres Lebens zurück, ohne darauf zu achten, was vor ihrer Nase geschieht.“ Für Mirren gilt das, die die dümmsten Sachen macht, obwohl sie eine blitzgescheite Frau ist, weil bis dato alles in ihrem Leben um ihre Vergewaltigung vor 14 Jahren kreist. Und gerade, weil alle Beweise verbrannt sind, gibt ihr das die Chance endlich zu leben.
Doch, das ist interessant und lehrreich auch.
Foto:
Umschlagabbildung
Info:
Javier Castillo, Das Echo der toten. Niemand schweigt für immer, aus dem Spanischen von Sybille Martin, Goldmann Verlag, Januar 2026
ISBN978 3 442 49698 3