Die Wettbewerbsfilme der 65. Berlinale vom 5. bis 15. Februar 2014, Film 20

 

Claudia Schulmerich

 

Berlin (Weltexpresso) – Erstaunlich, was man auf der Berlinale alles lernt. Wir auf jeden Fall hatten keine Ahnung vom Schwur ewiger Jungfräulichkeit in den Bergen Albaniens, mit dem Frauen, die das landläufige Schicksal von Ehefrauen nicht leben möchten, gesellschaftlich zum Mann erklärt werden und auch in die Männergesellschaft aufgenommen werden.

 

Wir haben auch keine Ahnung, ob es so etwas auch woanders gibt, denn es geht nicht um Geschlechtsumwandlung, weder Operationen, noch sonstwas, sondern um das Abbinden von Brüsten, den Kurzhaarschnitt und Männerkleidung – und schon wird ein Mann daraus. Während wir uns noch Gedanken machen, wie solche Mannfrauen das Problem der Toiletten lösen und uns sagen, geschlechterspezifische gibt es in den Bergen eh nicht, aber es gibt die Wälder und da war es seit jeher ein Statusvorteil von Männern, im Stehend ganz ungeniert pinkeln zu können, während sich Frauen Verstecke suchen müssen, denn die Hose muß runter.

 

Längst hat der Film angefangen, karg in den Bergen, es geht um das Einfangen einer Ziege, die für die Männer als weibliches Tier Wärme bedeutet und unter diesen Männern also Mark, wie Hana (Alba Rohrwacher) genannt wird, seit sie ihren Schwur ablegte. Der Film ist konstruiert als Gegenwart, in der immer wieder, wo es dramaturgisch paßt, Sentenzen der Vergangenheit vor unseren Augen ablaufen.

 

Ja, die Mädchen dort haben es schwer. Es ist eine Männergesellschaft, die Frauen vieles verbietet, wenig erlaubt und dann auch noch eine Zwangsheirat oktroyiert. Das ist der Schwester von Hana/Mark zuviel, denn sie liebt einen anderen und verläßt mit diesem die Berge, das Land und geht nach Italien. Dorthin, nach Mailand, wo die Schwester (Flonja Kodheli) gelandet ist, fährt nach 10 Jahren auch Mark,nur des sozialen Geschlechtes nach MANN, der gemerkt hat, daß etwas im eigenen Leben nicht stimmt. Die überraschte Schwester gibt ihn vor Mann (ist das ein anderer Mann als der, mit dem sie floh?) und Tochter (warum ist die nach 10 Jahren schon solch Teenager?) als ihren Cousin Mark aus.

 

Die Tochter merkt als erste, das da etwas nicht stimmt. Mark merkt es erst später. Denn die Regisseurin hat eine Umgebung gewählt, wo geschlechtliche Identität, was die körperliche Seite angeht, einfach auffällt, nicht nur anderen, auch Mark: das Schwimmbad. Mit überraschenden Szenen von Synchronschwimmen, dessen Kunst ja unter Wasser ausgeführt wird, wird die Metapher Wasser auch über das Duschen, Haarewaschen und das Meer ins Spiel gebracht, nicht nur, daß Grenzen, auch die geschlechtlichen fließend sind, sondern daß das Wasser und der Mond weibliche Symbole sind.

 

In der Pressekonferenz ging die junge italienische Regisserin Laura Bispuri – es ist sehr ungewöhnlich, daß ein Debütfilm direkt auf einem Festival landet – auf den Körper als Konstrukt der Geschlechteridentität (Hana ist in Marks Körper wie eingefroren) ein und wie intensiv die gemeinsame Arbeit mit Alba Rohrwacher war, um vom Aussehen, über den Gang und sehr viele kleine Details dies auch körperlich auszudrücken, betonten Regisseurin und Darstellerin, die sich auch in Mailand erst einmal wie ein Mann gibt und nach und nach ihre weiblichen Züge entdeckt – und genießt. Ob dazu auch der Kuß (und mehr) mit Lars Eidinger gehört, haben wir nicht ganz verstanden. Dieser ist im Schwimmbad Bademeister und nachdem sie (oder er? Denn Mark trägt Männerkleidung) ihm schon vorher aufgefallen war, betreibt er ungezwungen, als sie die Männertoilette betritt – sagten wir es doch, hier entscheidet sich wirklich was - und ihn am Urinal mit seinem Geschlechtsteil sieht – ihre Hände als Hilfswerkzeug zur eigenen Befriedigung, ist auch einverstanden, daß sie sein Teilchen nicht in den Mund nehmen will, fingert ein andermal an ihr herum – doch wir haben einfach nicht verstanden, ob er schwul ist oder ob er ihre lebenslange Maskerade durchschaut und auf ihre Weiblichkeit reagiert. Daß sie diesen Weg gehen wird, sind wir gewiß.

 

INFO:

 

R: Laura Bispuri

Italien, Schweiz, Deutschland, Albanien, Republik Kosovo 2015

Albanisch, Italienisch,90'

D: Alba Rohrwacher, Flonja Kodheli, Lars Eidinger, Luan Jaha, Bruno Shllaku, Ilire Celaj, Drenica Selimaj, Dajana Selimaj, Emily Ferratello